Im Bundesstaat Kaduna im Nordwesten Nigerias räumen die Behörden nun doch ein, dass am vergangenen Sonntag mehr als 160 christliche Gläubige entführt wurden. Die Polizei bestätigte, der Vorfall habe sich nach »Überprüfung durch operative Einheiten und Geheimdienstquellen« tatsächlich ereignet.
Bisher hatten die Behörden Berichte über den Vorfall als Lügen bezeichnet. Außerdem drohten sie mit Strafen wegen angeblicher Falschmeldungen.
Dorfbewohner berichteten, dass Regierungsvertreter sie gedrängt hätten, den Vorfall nicht öffentlich zu machen. Die Begründung demnach: Die Berichterstattung über die Entführungen verschaffe dem Bundesstaat Kaduna ein schlechtes Image. Reuben Buhari von der christlichen Organisation Christian Solidarity Worldwide Nigeria sagte der dpa, Soldaten hätten ihn daran gehindert, das Dorf zu betreten, als er den Überfall untersuchen wollte.
Während des Gottesdienstes entführt
Am Sonntag waren im Nordwesten Nigerias mehr als 160 Personen verschleppt worden. Solche Angriffe auf christliche Gläubige kommen in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas immer wieder vor. Dafür werden kriminelle Bande und islamistische Gruppen verantwortlich gemacht. Zuletzt hatte US-Präsident Donald Trump aus diesem Grund Luftschläge auf Nigeria angeordnet.
Insgesamt 177 Menschen seien während der Gottesdienste entführt worden, sagten Einwohner des Dorfes Kurmi Wali der Deutschen Presse-Agentur. Elf von ihnen hätten fliehen können, 166 würden festgehalten. Die Angaben decken sich mit Berichten der Christlichen Vereinigung von Nigeria (CAN).
Die Angreifer seien auf Motorrädern gekommen und hätten während des Überfalls auf die drei Kirchen wahllos geschossen. Nach dem Angriff hätten die mutmaßlichen Entführer im Dorf angerufen und 17 Motorräder gefordert. Die Dorfbewohner rechnen mit Lösegeldforderungen.
Tausende Entführte pro Jahr
Der Religionsbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Rachel (CDU), äußerte sich auf der Onlineplattform X bestürzt: »Mich erschüttern zutiefst Berichte über die Entführungen von zahlreichen Christen im Bundesstaat Kaduna in Nigeria.« Das genaue Ausmaß sei bisher nicht klar. »Die Sicherheit für die Menschen muss verbessert und gerade auch Kirchen müssen geschützt werden«, schrieb Rachel.
In Nord- und Zentralnigeria sind sowohl islamistische Terrorgruppen als auch bewaffnete kriminelle Banden aktiv, die pro Jahr Tausende Menschen entführen, um Geld oder die Freilassung gefangener Mitglieder zu erpressen. Polizei und Militär können die Lage bislang nicht kontrollieren. Konflikte verlaufen in dem je zur Hälfte christlich und muslimisch geprägten Land zunehmend entlang religiöser Trennlinien. Häufig bilden diese religiösen Unterschiede nicht die eigentliche Ursache der Konflikte.
Obwohl der Großteil der Opfer Muslime sind, geraten Angriffe auf Christen zunehmend in den internationalen Fokus. An Weihnachten flog das US-Militär Luftangriffe auf den Nordwesten Nigerias. Die Attacken richteten sich nach Angaben von Präsident Donald Trump gegen Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), denen die Ermordung von Christen vorgeworfen wird. Trump drohte mit weiteren Schlägen, sollte das »Abschlachten« von Christen anhalten.
Warum sich Donald Trump in die Sicherheit von Christen in Nigeria einmischt, lesen Sie hier.
