Zehntausende Schulen in Nigeria sind aus Angst vor Angriffen binnen weniger Tage geschlossen worden. Wohl bis zu Hunderttausende Kinder und Jugendliche im Norden des westafrikanischen Riesenstaats müssen nun gefährliche Heimreisen in teils weit entfernte Dörfer antreten, wo ihnen Arbeit und Hunger drohen.
Die möglichen Folgen: Mädchen müssen damit rechnen, aus dem Bildungssystem zu rutschen und zwangsverheiratet zu werden. Viele besorgte Eltern meinen so ihre Töchter vor Entführungen zu schützen.
Tausende wurden Opfer von Massenentführungen
»Ich wünschte, wir hätten unsere Prüfungen vor der Schließung der Schule abgeschlossen. Ich war schon auf die Prüfungen vorbereitet«, sagt der 14-jährige Wulnaan aus dem Bundesstaat Plateau der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Bleiben wolle er nicht. »Ich mache mir Sorgen um meine Sicherheit.«
Nigeria erlebt seit Jahren immer wieder Entführungen großer Schülergruppen. 2014 verschleppten Islamisten der Terrormiliz Boko Haram – sinngemäß übersetzt: »Westliche Bildung ist Sünde« – 274 Schülerinnen aus einem Internat in Chibok im Nordosten des Landes. Seitdem trafen nach verschiedenen Erhebungen mehr als ein Dutzend weiterer ähnlicher Fälle insgesamt rund 2500 Schülerinnen und Schüler.
Nun erschüttern neue Angriffe das Land. Zuletzt wurden binnen einer Woche in den Bundesstaaten Kebbi, Niger und Kwara mehr als 320 Kinder und ein Dutzend Lehrer aus Schulen sowie 38 Christen aus einer Kirche entführt.
Als Reaktion darauf kündigten neun Bundesstaaten an, Schulen komplett oder teilweise zu schließen. Dies sei nötig, um das Leben von Schülern und Lehrern zu schützen, bis die Regierung Sicherheit garantieren könne. Das Bildungsministerium gab zunächst an, den Betrieb von 47 Internaten auszusetzen, dementierte dies aber einige Tage später. Dennoch müssen laut der NGO Amnesty International mindestens 20.468 Schulen schließen.
Von Terroristen zu Banden
Die jüngsten Fälle sind meist nicht den Islamisten zuzuschreiben, die einen Scharia-Staat erzwingen wollten, sondern Banden. Die Übergänge sind fließend. Im in weiten Teilen hungernden muslimischen Norden des Landes sind bewaffnete Gruppen zunehmend ein wichtiger Arbeitgeber. Junge Männer sehen ihre einzige lukrative Zukunft darin, bei Gangs anzuheuern und mit Motorrädern und Sturmgewehren Dörfer zu überfallen – ob mit oder ohne religiöse Ideologie. Tausende Entführte aller Altersklassen im Jahr werden für horrende Summen freigekauft oder sterben unter den Strapazen im Busch.
Die Anweisung zur Schließung habe die Schule völlig kalt erwischt, sagt Peter Datong, ein Vizeschulleiter aus dem Bundesstaat Plateau, der dpa. »Jetzt tappen wir im Dunkeln und wissen nicht, wann die Schule wieder öffnen wird, damit wir das Schulhalbjahr beenden können. Das ist keine gute Situation für uns in den Schulen und für das Land, denn es zeigt, wie sehr die Unsicherheit das Land erfasst hat.«
Saint-Mary-Schule in Nigeria: Verwaiste Betten
Foto: Christian Association of Nigeria / dpaMillionen Kinder ohne Schulbildung
Am schlimmsten trifft die Lage Familien auf dem Land. Internate sind ihre einzige Chance auf Bildung und stellen leichte Beute für Angreifer dar. Die Schule im Bundesstaat Niger, aus der vergangene Woche 300 Kinder entführt wurden, liege in einer abgelegenen Gegend, um eben dort Bildung anzubieten, sagte Dan Atori, Sprecher der dortigen Christlichen Vereinigung Nigerias. »Die einzige Möglichkeit für die Schüler, nach Hause zu kommen, ist mit dem Motorrad. Normalerweise fahren sie mit dem Motorrad von der Schule, nehmen dann ein Boot und schließlich wieder ein Motorrad, um in ihre Dörfer zu gelangen.«
Den traurigen Rekord der meisten Kinder, die keine Schule besuchen, hielt Nigeria schon vorher. Nach Angaben der NGO Save the Children besuchen rund 19 Millionen Kinder in Nigeria aufgrund der Gefahr, Armut oder kultureller Faktoren keine Schule. Jedes dritte Kind zwischen 5 und 17 Jahren muss nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef arbeiten, auf dem Land wird die Hälfte aller Mädchen bereits unter 18 verheiratet.
»Was wir derzeit im Norden Nigerias erleben, ist ein Angriff auf die Kindheit und ein völliges Versagen, die Sicherheit von Schulkindern und Lehrern zu gewährleisten. Nicht nur Schulkinder sind in Gefahr. Hunderte von Städten und Dörfern leiden seit vielen Jahren unter häufigen Angriffen bewaffneter Männer«, sagt Isa Sanusi, Direktor von Amnesty International Nigeria.
Nigeria hat aktuellen Uno-Schätzungen zufolge knapp 240 Millionen Einwohner. Die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Die Gewalt hat die Wirtschaft im Norden des Landes vollends ruiniert und die Menschen in bittere Armut gestürzt. Laut Welternährungsprogramm hungern mehr als 27 Millionen Menschen, nächstes Jahr könnte die Zahl deutlich steigen.
Empörung über Ohnmacht des Staates
In der Metropole Lagos, der Hauptstadt Abuja und anderen Teilen des Landes ist die Empörung groß. Wut richtet sich vor allem gegen die Ohnmacht des Staates angesichts der Arroganz bewaffneter Banden. Für besonderen Zorn sorgte ein Video der Entführer von 24 Mädchen im Bundesstaat Kebbi: Darin verkündeten sie stolz, die Freilassung sei unter ihren eigenen Bedingungen geschehen statt durch militärischen Druck. Dass Schüler wegen solcher Machtdemonstrationen bewaffneter Gruppen wochenlang nicht zur Schule gehen können, empfinden viele Nigerianer als Demütigung.
Präsident Bola Tinubu rief einen nationalen Sicherheitsnotstand aus. Polizei und Armee sollen aufgestockt werden, allein bei der Polizei sind rund 20.000 neue Stellen geplant. Das relativiert sich jedoch angesichts der Dimensionen: Nigerias Streitkräfte zählen bereits rund 300.000 Aktive, dazu etwa 370.000 Polizisten.
Kritiker verweisen darauf, dass das Problem weniger in der Zahl als in mangelhafter Ausrüstung, schlechter Bezahlung und Korruption liegt. Dutzende der zuletzt Entführten wurden unter unklaren Umständen wieder freigelassen – was Vorwürfe nährte, dass Behörden heimlich Lösegeld gezahlt hätten.
