SpOn 25.11.2025
17:55 Uhr

News des Tages: »Eiskeller«-Prozess in Laufen, sinkender Konsum in den USA, gelöschte Rezensionen bei Google


In den USA wird womöglich bald die Pasta knapp. In Laufen endet der »Eiskeller«-Prozess mit einem Freispruch. Und im Netz löscht Google kritische Bewertungen. Das ist die Lage am Dienstagabend.

News des Tages: »Eiskeller«-Prozess in Laufen, sinkender Konsum in den USA, gelöschte Rezensionen bei Google
Dieses Audio ist derzeit nicht verfügbar.
Podcast Cover

1. Ein bewegendes Urteil

Eine Richterin, die mit den Tränen ringt: So endete der zweite Prozess im sogenannten Eiskeller-Fall – und mit einem Freispruch. Im ersten Verfahren war Sebastian T. noch wegen Mordes verurteilt worden. In der Nacht zum 3. Oktober 2022 soll er die 23-jährige Hanna W. getötet haben, davon war die bayerische Justiz lange überzeugt.

Mein Kollege Jan Friedmann und SPIEGEL-Gerichtsreporterin Julia Jüttner haben den Fall begleitet. Er war besonders: »Wie im ersten Prozess gab es auch im zweiten keine Zeugen der Tat, keine Tatwaffe, kein Geständnis, keine DNA- oder Fingerspuren und damit keine Beweise, nur Indizien«, schreiben die beiden.

Die Verurteilung im ersten Prozess stützte sich hauptsächlich auf die Angaben eines Mithäftlings, den T. in seiner Untersuchungshaft vor dem ersten Prozess kennengelernt hatte. Im zweiten Prozess fiel die Aussage dieses vermeintlichen Hauptbelastungszeugen in sich zusammen und warf somit die Frage auf: Trägt der Tatverdächtige T. überhaupt Verantwortung am Tod der Medizinstudentin?

Das Gericht ist nach der Beweisaufnahme davon überzeugt, dass Sebastian T. zu Unrecht verurteilt wurde. Richterin Will kritisierte auch die ermittelnden Behörden, die sich »fatale Fehler« geleistet hätten. Das Rechtssystem habe Sebastian T. »großes Unrecht« zugefügt.

Will wandte sich auch an die Angehörigen von Hanna W. Der Ausgang des Prozesses sei für die Angehörigen womöglich »unbefriedigend«, sagte sie in ihrer Urteilsbegründung. Weil die Familie T. noch immer für den Verantwortlichen halte oder nicht erfahren habe, was Hanna in ihren letzten Lebensminuten widerfahren sei. Sie drückte deren Eltern ihr »tiefstes Mitgefühl« aus.


2. Pasta-Politik

Wenn die Amerikaner nur ansatzweise so gern Nudeln essen wie die Deutschen, könnte es für US-Präsident Donald Trump bald ungemütlich werden. Denn das US-Handelsministerium hat Anti-Dumping-Zölle in Höhe von stattlichen 92 Prozent gegen italienische Nudelhersteller verhängt, die ab 1. Januar 2026 gelten. Kein Wunder, dass die keine Lust mehr haben, ihre Ware nach Übersee zu liefern. Träten die Zölle tatsächlich in Kraft, sei das Geschäft unrentabel, sagte Giuseppe Ferro, Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers La Molisana, dem »Wall Street Journal«.

Es ist nur die jüngste Hiobsbotschaft, die Amerikas Konsumenten dieser Tage verkraften müssen, wie mein Kollege Simon Book schreibt. Die einstige Vorzeigeökonomie wirtschaftet ab. Preise steigen, das Wachstum lahmt, selbst die Jobmaschine Silicon Valley stottert. Zehn Monate nach Amtsübernahme fällt die konjunkturelle Bilanz von US-Präsident Donald Trump bestenfalls durchwachsen aus.

Am Donnerstag feiern die USA Thanksgiving – traditionell ein Fest des Konsums, zumindest, wenn die Amerikaner in Kauflaune sind. Doch das ist nicht der Fall, wie Simon schreibt. Der Consumer Sentiment Index, den die Universität von Michigan seit Jahrzehnten herausgibt, liegt bei nur mehr 50,3 Punkten. Noch schlechter stand er nur 2022, mitten in der Coronapandemie.


3. Achtung, Löscharbeiten!

Huch, die Deutschen mäkeln nicht mehr? Diesen Eindruck kann gewinnen, wer sich vor allem an Google-Rezensionen orientiert. Die sind– zumindest für Restaurants, Hotels oder andere Gewerbe in Deutschland – erstaunlich positiv. Deutschland, das Dienstleistungsparadies?

Mitnichten. Vielmehr verschwinden hierzulande systematisch negative Bewertungen, wie meine Kollegen Markus Böhm, Jörg Breithut und Bernhard Riedmann nachgezeichnet haben. Ein Auslöser des googleschen Selbstreinigungsfimmels ist ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahre 2022. Im Leitsatz dazu heißt es: »Bei einem Bewertungsportal (...) reicht die Rüge des Bewerteten, einer Bewertung liege kein Gästekontakt zugrunde, grundsätzlich aus, um Prüfpflichten des Bewertungsportals auszulösen.« Kurz übersetzt: Der gescholtene Gastwirt muss nur behaupten, der Rezensent wäre nie bei ihm gewesen – und schon muss Google zeitnah einen Prüfprozess einleiten.

In der Praxis werden die meisten Bewertungen im Zuge solcher Beschwerden erst einmal einfach offline genommen. Erhebt der betroffene User nicht aktiv Einspruch, bleiben sie das in der Regel auch.

Spezialisierte Juristen und sogenannte Löschagenturen machen sich die Rechtsprechung zunutze und traktieren die Bewertungsportale mit Beschwerden – für sie ein Bombengeschäft. Google kapituliert, indem es angefochtene Rezensionen einfach löscht. Viele der ehemaligen Power-User sind heute nur noch frustriert: »Vor allem in Ballungsgebieten haben die Google-Sterne keine Aussagekraft mehr«, klagt einer von ihnen gegenüber den Kollegen.


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Große Anteilnahme am Tod von Internetstar Jan Zimmermann: Jan Zimmermann ist mit 27 Jahren gestorben – diese Nachricht erschütterte am Montag die deutsche Webvideoszene. Zahlreiche YouTuber, Streamer und Influencer bekundeten ihr Beileid und teilten Erinnerungen.

  • Ukraine und USA sind sich in den wichtigsten Fragen angeblich einig: Nähern sich die Gesprächspartner einem Durchbruch? Laut dem ukrainischen Unterhändler Umjerow könnte es in Kürze ein Abkommen zur Beendigung des Kriegs mit Russland geben. Selenskyj könnte in wenigen Tagen zu Trump reisen.

  • Tsipras rechnet mit ehemaligem Finanzminister Varoufakis ab: Es geht um die Schuldenkrise: In seinem neu erschienenen Buch teilt Griechenlands ehemaliger Regierungschef gegen seinen früheren Finanzminister aus. Yanis Varoufakis sei »mehr Celebrity und weniger Ökonom«, so Alexis Tsipras.


Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Außenminister Johann Wadephul

Außenminister Johann Wadephul

Foto: Sebastian Rau / AA / IMAGO

Wadephul baut das Auswärtige Amt radikal um: Vorrang für Sicherheits- und Wirtschaftspolitik: Außenminister Johann Wadephul löst im Auswärtigen Amt alte Abteilungen auf und gründet neue. Auch »eine erhebliche Anzahl von Dienstposten« soll eingespart werden .

Was heute weniger wichtig ist

Zum Teufel mit Dir! Zuletzt legte sich Scarlett Johansson, 41, in »Jurassic World: Die Wiedergeburt« mit Dinos an. Nun muss sich der Leibhaftige warm anziehen: Wie US-Branchenblätter berichten, soll die Schauspielerin in einer neuen Verfilmung von »Der Exorzist« die Hauptrolle spielen. Regisseur Mike Flanagan wird dazu so zitiert: »Scarlett ist eine brillante Schauspielerin, deren packende Darbietungen immer bodenständig und echt wirken.«


Mini-Hohlspiegel

Aus dem »Tagesspiegel«:

Aus dem »Tagesspiegel«:

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich für die fünfte Staffel von »Stranger Things« in Stimmung bringen, die am Donnerstag startet. Drei Jahre hat Netflix am Finale der Serie gewerkelt, Fans fiebern ihm seit Monaten entgegen.

Ich schwanke noch. Als Kind der Achtzigerjahre war ich schockverliebt in die erste Staffel. Diese ganzen, liebevollen Zitate! Ich schwelgte in Erinnerungen. Doch »Stranger Things« schritt voran, die Geschichte um den Demogorgon, das Monster aus der Schattenwelt, nahm mehr und mehr Raum ein. Zunehmend fremdelte ich mit dem Fantasy-Geschwurbel, das sich im kleinen amerikanischen Örtchen Hawkins breitmachte.

Mein Kollege Felix Bayer hat den Charme der Serie und wie dieser sich wandelte in seinem Artikel »Verschont mich mit dem Demogorgon, gebt mir mehr Eighties-Hits« treffend beschrieben. »Die Einladung zur Nostalgie, die die Duffer-Brüder in »Stranger Things« aussprechen, hat einen Hauch von Utopie. Nostalgie ist hier nicht als Zeichen zu verstehen, dass früher alles besser war. Sondern dass es möglich ist, ein besseres Früher zu imaginieren«, schreibt er.

Klar, ich werde auch die fünfte Staffel schauen. Für das vermutlich ziemlich actionlastige Finale werde ich mich aber mit ein paar Folgen aus der ersten Staffel rüsten – wir sehen uns in Hawkins!

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: »Verschont mich mit dem Demogorgon, gebt mir mehr Eighties-Hits« .


Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts wurde München als Gerichtsort im sogenannten Eiskeller-Prozess genannt. Tatsächlich verhandelte das Landgericht Traunstein in Laufen bei Salzburg. Wir haben den Fehler korrigiert.