SpOn 28.11.2025
17:11 Uhr

News des Tages: Wankt das System Wolodymyr Selenskyj?


Der wichtigste Getreue des ukrainischen Präsidenten tritt nach einer Hausdurchsuchung zurück. Schwarz-Rot einigt sich im Rentenstreit und gründet einen Arbeitskreis. Und: Große Ehre, ich darf den Text einer Kollegin über LinkedIn empfehlen. Das ist die Lage am Freitagabend.

News des Tages: Wankt das System Wolodymyr Selenskyj?
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1. Rent over?

Kanzler Merz (bei der Pressekonferenz im Kanzleramt): »Es sind alle Argumente ausgetauscht«

Kanzler Merz (bei der Pressekonferenz im Kanzleramt): »Es sind alle Argumente ausgetauscht«

Foto: Bernd Elmenthaler / ESDES.Pictures / IMAGO

Wenn du nicht mehr weiter weißt, delegier es in einen Arbeitskreis: So lässt sich die Einigung im Rentenstreit zusammenfassen, die Kanzler Merz von der CDU, Finanzminister Klingbeil von der SPD und Bayerns Ministerpräsident Söder von der CSU heute präsentiert haben. Am Gesetzentwurf wollen sie nichts mehr ändern, trotz aller Widerstände von jüngeren Unionsleuten, aber bis Ende des Jahres eine Rentenkommission einsetzen. Ausdrücklich keine »Laberrunde«, wie es heißt.

Mein Kollege Florian Diekmann findet das gar nicht so schlecht: »Denn beide Seiten – SPD ebenso wie die Union – räumen in aller Öffentlichkeit und im Detail so ziemlich jede rote Linie, die sie noch vor wenigen Wochen gezogen hatten.« Alles scheint verhandelbar. »Der Auftrag an die Kommission ist deutlich weiter gefasst als ursprünglich geplant«, sagt Florian. »Die sollte eigentlich erarbeiten, wie sich ein Rentenniveau von 48 Prozent auch nach 2031 halten ließe.« Nun aber soll sie ohne Tabus auch schmerzhafte Reformen vorschlagen dürfen (mehr dazu hier ).

Reicht das, damit die jüngeren Unionsleute ihren Widerstand aufgeben? »Das wird sich wahrscheinlich erst bei der nächsten Fraktionssitzung am Dienstag zeigen«, sagt mein Kollege Paul-Anton Krüger aus unserem Hauptstadtbüro. »Die Rentenrebellen gingen wortlos aus dem eigens anberaumten Treffen der Unionsabgeordneten am Freitagmorgen. Merz erwartet, dass die Kanzlermehrheit steht, aber sicher kann er sich nicht sein.« Sollte er doch verlieren, muss den Rentenrebellen klar sein, dass sie ihren Kanzler womöglich deutlich früher in Rente schicken, als ihnen lieb sein dürfte.


2. Der Buddy des Präsidenten

Ukrainische Antikorruptionsermittler haben am Morgen die Wohnung von Andrij Jermak durchsucht. Andrij wer? Jermak war bis heute der Stabschef von Wolodymyr Selenskyj, sein wichtigster Mann. Sie bildeten eine Art politische Symbiose, bei der nicht klar war, wo der Stabschef aufhört und der Präsident beginnt. Als einen »Organismus mit einem Kopf und vier Armen« beschreibt sie ein ehemaliger Mitstreiter im Gespräch mit meinem Kollegen Christian Esch, der aus Kyjiw berichtet. Jetzt ist Jermak zurückgetreten.

Wohl auch weil die Korruptionsaffäre, die Kyjiw seit Wochen erschüttert, dem Präsidenten gefährlich nah gekommen war. »Es ist die größte innenpolitische Krise seit seinem Amtsantritt«, berichtet Christian. Dazu kommt der außenpolitische Druck durch Trump und seine Leute (hier mehr ).

Erschreckende Schilderungen kursierten in den vergangenen Tagen: Als Selenskyjs Stabschef soll Jermak versucht haben, den Chef der Selenskyj-Fraktion im Parlament – seinen ärgsten Widersacher im eigenen Lager – wegen Hochverrats festnehmen zu lassen. Geheimdienstchef und Generalstaatsanwalt hätten sich widersetzt; Präsidialbüro, Geheimdienst, Staatsanwaltschaft bestreiten das. Christian sagt: »Jermak verkörpert all das, was im Regierungssystem Selenskyj schlecht läuft – und trotzdem schaffte es der Präsident lange nicht, sich von ihm zu distanzieren.« Jetzt hat jemand die Reißleine gezogen.


3. Große Freude, darf diesen Text empfehlen

Bullshit-Bingo allerorten. Politiker sagen: »Wir bekennen uns aus tiefster Überzeugung zur aktiven Prüfung.« Heißt: Nichts wird passieren. Manager sagen: »Wir stoßen einen Prozess an, um unsere Abläufe zu hinterfragen.« Heißt: Es ändert sich nichts. Die Hotline sagt: »Wir nehmen Ihr Anliegen ernst.« Heißt: Du kannst uns mal. Lehrer sagen: »Ihr Kind hat ausgeprägte Potenziale in vielen Bereichen.« Heißt: Der Kleine kann nix.

Besonders nervt der LinkedIn-Sound, der um sich greift. Warum posten kluge Leute in verantwortungsvollen Positionen im Stakkato devote Null-Botschaften? Die klingen ungefähr so: »Große Ehre, durfte mit XY die Transformation der Branche ganz neu denken.« Dabei hat man nur bei zwei bis zwölf Bier am Messestand des mittelfränkischen Mittelstands über den neuen Chef gelästert.

Andererseits ist diese Alltags-PR wenigstens freundlich im Ton und ungefährlich. Manch einer macht ganz andere Erfahrungen auf LinkedIn, wie meine Kollegin Verena Töpper recherchiert hat. Sie hat den Fall eines 64-jährigen Mannes rekonstruiert, der auf der Karriereplattform von einer »Ella« angeschrieben wurde. »2500 Nachrichten und drei Videoanrufe später ist er in sie verliebt«, berichtet Verena. Und er überweist »Ella« 5000 Euro. Es ist die Geschichte einer perfiden Manipulation.


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Bundestag beschließt Haushalt für 2026: Der Bundeshaushalt für das kommende Jahr steht: Die Ausgaben sollen 525 Milliarden Euro betragen, insgesamt sind Kredite von rund 180 Milliarden Euro geplant. Am meisten soll in Straßen, Brücken und Schienen investiert werden.

  • Gespräche über Großbritanniens Beitritt zu EU-Verteidigungsfonds gescheitert: Die Wiederannäherung zwischen Großbritannien und der EU erhält einen Dämpfer: Einen gemeinsamen Verteidigungsfonds wird es wohl nicht geben. London spricht von Enttäuschung.

  • Mutmaßlicher Drahtzieher der Nord-Stream-Anschläge in Deutschland in U-Haft: Serhij K. soll die Operation zur Sprengung an Pipelines in der Ostsee geleitet haben. Nach drei Monaten in italienischer Untersuchungshaft wurde dem Ukrainer nun in Karlsruhe der Haftbefehl eröffnet.

  • Ingrid van Bergen ist tot: »Des Teufels General«, »Rosen für den Staatsanwalt«: Ingrid van Bergen zählte zu den berühmtesten Schauspielerinnen im Nachkriegsdeutschland – und krönte sich im Alter zur »Dschungelkönigin«. Nun ist sie gestorben.


Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen: Von der ARD zu Axel Springer

SPIEGEL-Redakteurin Vicky Bargel, Constantin Schreiber und Kameramann Michael Shubitz in Israel

SPIEGEL-Redakteurin Vicky Bargel, Constantin Schreiber und Kameramann Michael Shubitz in Israel

Foto:

DER SPIEGEL

Bis Mai dieses Jahres war Constantin Schreiber einer der bekanntesten Sprecher der »Tagesschau«. Seit September ist er »Global Reporter« beim Konzern Axel Springer, für dessen Medien »Bild« und »Welt« er unter anderem aus Israel berichtet. Warum wechselt einer wie er vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgerechnet zu Springer?

Knapp ein halbes Jahr lang hat meine Kollegin Vicky Bargel Schreiber nach seinem ARD-Abschied zu Terminen begleitet. Sie traf Schreiber und den Kameramann Michael Shubitz während Dreharbeiten in Jerusalem, bei einem Auftritt seiner True-Crime-Show im Circus Krone in München und hinter den Kulissen der WDR-Talkshow »Kölner Treff«.

Vicky war erstaunt, wie viele Projekte Schreiber gleichzeitig verfolgt und wie hoch sein Arbeitspensum ist. Immer wieder kamen sie unterwegs auf seine Motivation zu sprechen. Schreiber sagt, er wolle Haltung zeigen. Zugleich versucht er, sich als Marke zu etablieren. »Seine größte Herausforderung ist vermutlich, zu zeigen, wofür er eigentlich stehen will«, sagt Vicky.


Was heute weniger wichtig ist

Rappy End: Bushido, 47, und seine Frau Anna-Maria Ferchichi, 44, haben sich nach 13 Jahren offenbar getrennt, nachdem sie mit ihren sieben Kindern nach Dubai ausgewandert waren. Sie teilt auf Instagram mit: »Unsere Ehe ist in eine schwierige Phase geraten, und wir hatten beide das Bedürfnis, etwas Abstand zu nehmen, um wieder klarer zu sehen«, heißt es da. »Seit einiger Zeit leben wir nicht mehr zusammen.«

Mini-Hohlspiegel

Aus der »Oberhessischen Presse«

Aus der »Oberhessischen Presse«

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Darsteller O’Connor, Craig in »Wake Up Dead Man«: Mord in einer Kirche

Darsteller O’Connor, Craig in »Wake Up Dead Man«: Mord in einer Kirche

Foto:

John Wilson / Netflix

Könnten Sie ins Kino gehen. Daniel Craig ermittelt wieder als Benoit Blanc. In den vergangenen Jahren gab es wenig unterhaltsamere Krimis als die »Knives Out«-Reihe: Bond-Darsteller Craig klärt in dandyhaften Anzügen absurde Fälle auf. Die beiden bisherigen Teile lassen sich so zusammenfassen: Agatha Christie auf Speed!

Im dritten Kapitel namens »Wake Up Dead Man« soll der Meisterdetektiv den Mord an einem katholischen Priester untersuchen. »Detailreich und mit viel Tempo erzählt Regisseur Rian Johnson seine Räuberpistole«, schreibt mein Kollege Oliver Kaever in seiner Rezension. Gleichzeitig drosselt Johnson den Irrsinn im Vergleich zum zweiten Teil. Dessen Story um einen durchgeknallten Tech-Oligarchen auf einer Privatinsel wirkte überdreht, überfrachtet mit Plot-Twists. »›Wake Up Dead Man‹ ist wieder deutlich geerdeter und näher am ersten Teil«, findet Oliver. Aber keine Angst: »Der satirische Unterton ist messerscharf wie immer.« (Hier die ganze Rezension )

Ich versuche, mir jedes Wortspiel zu verkniven, und wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion