1. Zwei Reden in Davos
US-Präsident Donald Trump in Davos
Foto: Gian Ehrenzeller / EPADen Reden des US-Präsidenten Donald Trump zu lauschen, ist keine Freude. Er mäandert von Thema zu Thema, schweift ab, gleichzeitig muss man darauf gefasst sein, dass er en passant neue Ungeheuerlichkeiten in die Welt posaunt. Nach Trumps Rede in Davos am Nachmittag darf ich Ihnen immerhin eine gute Nachricht überbringen: Er schließt offenbar aus, militärische Gewalt einzusetzen, um Grönland unter US-Kontrolle zu bringen. Dennoch hat er mehrfach den amerikanischen Anspruch auf Grönland wiederholt.
Mein Kollege Mathieu von Rohr aus dem Auslandsressort hat sich die Rede angeschaut. Er glaubt, dass »die geschlossene Abwehrhaltung der Europäer dazu beigetragen hat, dass die militärische Option vom Tisch ist« (alle Reaktionen auf Trumps Rede hier ).
Tatsächlich hat sich der Ton derer, die sich Trump öffentlich entgegenstellen, verschärft. Besonders hervorgetan hat sich der Premierminister Mark Carney, kein Europäer, aber ein Vertreter des sogenannten Westens. Auch er hat eine Rede in Davos gehalten, gestern schon. Eine, die seitdem viral gegangen ist. Weil er die Welt, in der wir leben, ehrlich beschreibt. Und dennoch Hoffnung versprüht: Wir müssten aufhören, »in der Lüge zu leben«, sagte Carney in Davos. In der Lüge, dass die Ordnung, die den Ländern des Westens viele Jahre lang Demokratie und Wohlstand ermöglicht hat, noch existiert. Das tue sie nicht. »Vielleicht ist die Rede der Beginn einer anderen, besseren Politik«, schreibt mein Kollege Tobias Rapp aus dem Kulturressort »Die von mehr Realismus, mehr Würde, mehr strategischer Weitsicht geprägt ist.«
Lesen Sie hier, was alles passiert ist
2. Die Spionin, die aus der Kälte kam
Polizisten des Bundeskriminalamts haben heute in Berlin eine mutmaßliche Spionin Moskaus festgenommen. Die Deutsch-Ukrainerin Ilona W. soll gezielt Informationen zum Ukrainekrieg gesammelt und an einen Kontaktmann in der russischen Botschaft weitergegeben haben. Außerdem soll die 56-jährige Unternehmerin ihren mutmaßlichen Agentenführer aus der Botschaft – unter falschem Namen – in politische Versammlungen eingeschleust haben. Der Generalbundesanwalt wirft der Frau »geheimdienstliche Agententätigkeit« vor.
Nach SPIEGEL-Recherchen war Ilona W. im Vorstand eines Berliner Vereins aktiv, der sich für Völkerverständigung und internationale Zusammenarbeit einsetzt und Kontakte zu hochrangigen Politikern von SPD und CDU sowie Wirtschaftsgrößen pflegt. Im Vorstand des Vereins saß neben Ilona W. ein früherer Direktor des deutschen Verteidigungsministeriums.
Sollten sich all diese Vorwürfe gegen Ilona W. bewahrheiten, wäre der deutschen Spionageabwehr ein Scoop gelungen. Mein Kollege Sven Röbel, der gemeinsam mit Matthias Gebauer zuerst über die Festnahme berichtet hat, glaubt, »dass die Angelegenheit politisch noch brisant« werden könnte. »Nach allem, was wir bisher wissen, war die Beschuldigte bestens vernetzt im Regierungsviertel und in der Bundeswehr.«
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3. Bremse fürs Mercosur-Abkommen
Eigentlich dachte man, das Ding ist geritzt: Am Samstag unterzeichnete die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Paraguay das Mercosur-Abkommen. Doch nun hat das Europaparlament das Projekt vorerst ausgebremst. Der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) soll den Deal prüfen (hier mehr). Das könnte Monate oder sogar Jahre dauern. Zur Not könnte die Kommission das Abkommen vorläufig in Kraft treten lassen.
Ziel des Abkommens ist es, durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen den Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und dem Mercosur anzukurbeln. Die Rede ist von einer Steigerung der jährlichen Exporte in die Mercosur-Staaten um 39 Prozent.
Doch vorerst haben sich die Gegner des Abkommens durchgesetzt, wenn auch knapp: In einer Abstimmung in Straßburg votierten 334 für ein Gutachten, 324 dagegen. Elf Abgeordnete enthielten sich. Mein Kollege Timo Lehmann, der für den SPIEGEL aus Brüssel berichtet, wundert sich vor allem über das Abstimmungsverhalten der deutschen Grünen, die gemeinsam mit der AfD gestimmt hätten. »Ohne die Stimmen der AfD wäre die Resolution nicht durchgekommen«, sagt Timo. »Für die EU und ihre Pläne, neue Partner in der Welt zu finden, ist das kein gutes Signal.«
Sage und schreibe 25 Jahre haben die EU und der Mercosur übrigens schon über das Abkommen verhandelt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis es tatsächlich in Kraft tritt.
Lesen Sie hier mehr über die Hintergründe des Protests: Warum Landwirte protestieren und wie Verbraucher profitieren
Was heute sonst noch wichtig ist
Syriens »Schlächter von Hama« ist laut Medienbericht tot: Er hat einen Aufstand niederprügeln lassen, die Opfer wurden misshandelt und getötet. Später musste er selbst fliehen und sammelte Immobilien in Europa. Nun ist der frühere syrische Vizepräsident Rifaat al-Assad offenbar gestorben.
Kunden müssen nicht für Stilllegung des Gasanschlusses bezahlen: Der Einbau einer Wärmepumpe kann teuer werden, wenn Hausbesitzer ihren Gasanschluss stilllegen wollen. Nun hat ein Gericht entschieden, dass Netzbetreiber diese Kosten nicht auf Eigentümer umlegen dürfen.
Bushido gewinnt Millionenstreit gegen Ex-Manager Abou-Chaker: Nach jahrelangem Gerichtsstreit ist klar: Bushidos Ex-Manager Abou-Chaker muss dem Rapper Einnahmen in Millionenhöhe zurückzahlen. Ein Vertrag zwischen beiden sei als »sittenwidrige Knebelung« einzustufen.
Meine Lieblingsgeschichte: Die Ruhe unter dem Eis
Unter dem Eis: Tauchen im zugefrorenen Gewässer lässt sich lernen – wenn man will
Foto:Malte Clavin
Ich neige zu Platzangst. Deshalb steigt in mir schon ein beklemmendes Gefühl auf, wenn ich nur lese (und auf dem Foto sehe), dass mein Kollege Malte Clavin in Finnland gelernt hat, unter dickem Eis freizutauchen. Also ohne Pressluftflasche. Immerhin gibt es auch ein Saunazelt, in dem man sich hinterher aufwärmen kann. Malte scheint die Aktion nicht bereut zu haben, er schreibt: »Wer die Panik des Körpers im Eiswasser kontrollieren kann, wer drei Minuten ohne Luft verharrt, der kann große Ruhe mit zurück in den hektischen Alltag nehmen.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Luft anhalten. Warten. Der Kampf beginnt
Was heute weniger wichtig ist
Simone Ballack vor dem Abflug zum Dschungelcamp
Foto: Gartner / IMAGOEin Souvenir für den Dschungel: Zwei Luxusgegenstände dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dschungelcamps mit nach Australien nehmen. Simone Ballack, 49, Ex-Frau von Fußballer Michael Ballack, reist in diesem Jahr mit der Asche ihres verstorbenen Sohns Emilio an. Über die Kette, in deren Anhänger sich die gepresste Asche befindet, sagte sie RTL: »Ich trage sie nur ganz selten, weil ich immer Angst habe, dass sie wegkommt.« Deswegen habe sie auch »ganz lange überlegt«.
Mini-Hohlspiegel
Aus dem E-Paper der »Ruhr Nachrichten«: »Ein russischer General ist in Moskau erneut durch einen Bombenanschlag getötet worden.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Sollten sie bei all den deprimierenden Nachrichten unbedingt die phantastische Playlist meiner Kollegen aus dem Kulturressort hören. 13 Songs haben sie zusammengetragen, mit denen man die Welt versteht. Und übersteht. Mit dabei: »American Idiot« von Green Day (über eine inzwischen eingetretene Zukunft, in der vermittels andauernder Propaganda die Bevölkerung unter paranoider Dauerspannung gehalten wird), »This Is America« von Childish Gambino (dreht sich um alles, was kaputt ist in Amerika) und »Der Traum ist aus« von Ton Steine Scherben (über die erschreckende Einsicht, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie uns wünschen – und darüber, wie man diesen Schrecken produktiv wenden kann).
Hören Sie hier die Playlist: Besuchen Sie Europa (solange es noch steht)
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Laura Backes, Autorin



