1. Bovino muss ins Abklingbecken
Gregory Bovino ist das Gesicht der martialisch auftretenden US-Einwanderungsbehörde ICE (lesen Sie hier mehr ). Offiziell ist Bovino, der frappierende Ähnlichkeit zu dem von Sean Penn verkörperten Steven J. Lockjaw im Film »One Battle After Another« aufweist, Befehlshaber der US-Grenzschutzeinheit Customs and Border Patrol (CBP). Und als solcher lässt er auf der Straße brutal umsetzen, was Heimatschutzministerin Kristi Noem und ihr Chef Donald Trump verbal anordnen.
Bei den Abschieberazzien galt Bovino bislang als Mastermind. Er hat kein Problem damit, im Gestapo-Look aufzutreten, und er rasiert sich den Schädel wie Reichsführer SS Heinrich Himmler. Reiner Zufall natürlich, die Parallelen.
Nach den tödlichen Schüssen auf den Krankenpfleger Alex Pretti am Samstag in Minnesota lobte Bovino die Einsatzkräfte für ihre »gute Arbeit«. Auch nachdem die 37-jährige dreifache Mutter Renée Good von ICE-Einsatzkräften erschossen wurde, verteidigte Bovino das Vorgehen. »Hut ab!«, so seine Worte.
Offenbar hat Bovino den Bogen überspannt. Nachdem der demokratische Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, sowie der demokratische Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, mit Trump telefoniert hatten, stimmte dieser offenbar zu, die Präsenz der Bundesbehörden in Minneapolis zu reduzieren. Bovino soll durch den Grenzschutzbeauftragten Tom Homan ersetzt werden. Nach einer Phase im Abklingbecken im kalifornischen El Centro, wo seine Karriere begann, werde Bovino in den Ruhestand geschickt.
Man muss sich keine Hoffnung machen, dass Homan deutlich milder auftritt, er gilt ebenso als Hardliner. Aber zumindest scheinen die Proteste erste Wirkung zu zeigen.
Lesen Sie hier mehr: Umstrittener Grenzschützer Gregory Bovino wird offenbar aus Minneapolis abgezogen
2. Modi Operandi
Die EU und Indien haben ihre Verhandlungen über ein umfassendes Freihandelsabkommen abgeschlossen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist dafür zu Indiens Premier Narendra Modi nach Neu-Delhi gereist. Beide wollen Zölle und Handelsbarrieren abbauen, Wachstum fördern und Jobs durch eine geringere Abhängigkeit von anderen Staaten schaffen. Politisch gilt das Abkommen auch als Signal gegen die protektionistische Handelspolitik der USA und Chinas Einflussstreben.
Laut von der Leyen entsteht eine Freihandelszone mit rund zwei Milliarden Menschen, die beide Seiten wirtschaftlich stärkt. Das Abkommen ist zwar weniger weitreichend als jenes mit den Mercosur-Staaten, zählt wegen des großen indischen Marktes aber zu den bedeutendsten. Es sieht schrittweise Zollsenkungen etwa für Autos, Maschinen, Chemikalien und Pharmazeutika vor. Besonders die deutsche Autoindustrie dürfte profitieren, da Einfuhrzölle von aktuell bis zu 110 Prozent stark sinken.
Bis 2032 sollen sich die EU-Exporte nach Indien verdoppeln, durch niedrigere Zölle könnten Unternehmen jährlich etwa vier Milliarden Euro einsparen. Landwirtschaft bleibt weitgehend ausgenommen: Empfindliche Produkte wie Rind- und Geflügelfleisch, Reis und Zucker bleiben geschützt. Für Wein und verarbeitete Agrargüter werden die Zölle jedoch teils deutlich gesenkt. Vor der Unterzeichnung muss der Vertrag noch rechtlich geprüft und von EU-Staaten sowie dem Europaparlament gebilligt werden.
Die Europäer brauchen Indien dringend, analysieren meine Kollegen Benedikt Müller-Arnold und Serafin Reiber. Sonst laufe der alte Kontinent Gefahr, »in der Raubtierwelt von Trump, Xi und Putin bald nichts mehr zu melden zu haben«. Europa versuche nun, vom hohen Ross herunterzusteigen – indem es auch in Indien neue »strategische Partnerschaften« suche.
Lesen Sie hier mehr: Indiens Hoffnung, Europas Chance, Amerikas Nachsehen
3. Haushalts-Déjà-vu
Als der frühere Finanzminister Christian Lindner (FDP) im Juni 2024 versuchte, einen Haushalt 2025 zu zimmern, rief er alle Ministerien zum Sparen auf. Damals reagierte SPD-Chef Lars Klingbeil scharf: »Was nicht geht, ist, dass man eben mal 30, 40 Milliarden aus dem Bundeshaushalt rausspart«, sagte er. »Dann würde was kaputtgehen in diesem Land.«
Heute ist Klingbeil selbst Finanzminister, und die finanzielle Lage hat sich nicht entspannt, um es vorsichtig zu sagen. Und raten Sie, was Klingbeil gerade macht? Er ruft die Ressorts zu striktem Sparen auf. Laut Haushaltsaufstellungsschreiben für 2027 müssen alle Ministerien zur »strukturellen Konsolidierung« beitragen. Hintergrund sind massive Haushaltslöcher: 2027 fehlen rund zwölf Milliarden Euro, in den Folgejahren über 60 Milliarden, berichtet mein Kollege Christian Reiermann. Um die Finanzlücke zu verkleinern, müssen die Ressorts ein Prozent ihrer Ausgaben kürzen – rund fünf Milliarden Euro.
Allerdings hofft Klingbeil neben Einsparungen auch auf höhere Staatseinnahmen. Besonders Klingbeils SPD drängt dabei auf eine höhere Erbschaftsteuer, eine höhere Einkommensteuer für Spitzenverdiener sowie auf eine Digitalsteuer für große Techkonzerne. Steueranhebungen dürften jedoch zu Streit mit den Koalitionspartnern CDU und CSU führen, die neue Belastungen ablehnen.
Viele Menschen posten in sozialen Netzwerken gerade Reminiszenzen an das Jahr 2016 (hier mehr ). Dabei genügt womöglich der Blick zurück aufs Jahr 2024. Lindner warnte damals Klingbeil vor einem Koalitionsbruch: »Für höhere Steuern und die Abschaffung der Schuldenbremse müsste er eine Mehrheit jenseits der FDP suchen.« Die Koalition zerbrach am Haushalt. Mit dem nun gestarteten Aufstellungsverfahren soll der Etat 2027 bis Juli vom Kabinett beschlossen werden – sofern die Koalition bis dahin stabil ist.
Lesen Sie hier mehr: Klingbeil schließt Steuererhöhungen nicht aus
Was heute sonst noch wichtig ist
DGB holt Kevin Kühnert und Ricarda Lang in eigene Rentenkommission: Der Deutsche Gewerkschaftsbund verspricht mit seiner Rentenkommission einen Gegenentwurf jenseits von »Stückwerk und kurzfristigen Debatten«. Mit dabei: SPD-Politiker Kevin Kühnert und Ex-Grünenchefin Ricarda Lang.
Plastik könnte immer mehr Lebensjahre kosten: Die Gesundheitsfolgen durch den Einsatz und die Produktion von Plastik könnten sich bis 2040 verdoppeln, berichten Forschende. Die Belastung wäre dann vergleichbar mit einstigen berufsbedingten Schäden durch Asbest.
Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen Tilman Kuban ein: Wegen einer Strafanzeige gegen den Abgeordneten hob der Bundestag im Oktober die Immunität von Tilman Kuban auf. Für die Staatsanwaltschaft liegt nach SPIEGEL-Informationen kein hinreichender Tatverdacht gegen den CDU-Politiker vor.
Deutsche Firmen ziehen Geld aus den USA ab und investieren massiv in China: Wegen Donald Trumps erratischer Zollpolitik reduzieren deutsche Firmen ihre Geschäfte in den USA. Forscher sehen gleichzeitig verstärkte Investitionen in China. Für Deutschlands Exportbilanz sei das ein erhebliches Problem.
Meine wichtigste Geschichte
[M] Lea Rossa / DER SPIEGEL; Fotos: akg-images; picture alliance; Stefan Boness / IPON / picture alliance
Heute vor 81 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Erst 50 Jahre später legte Bundespräsident Roman Herzog per Proklamation fest, dass der 27. Januar der Holocaust-Gedenktag in der Bundesrepublik ist. Die Flaggen an offiziellen Gebäuden wehen auf halbmast. Seit 2005 ist der 27. Januar zusätzlich ein internationaler Gedenktag der Vereinten Nationen. Meine Kolleginnen und Kollegen aus dem SPIEGEL-Geschichtsressort haben Fachleute gebeten, Bücher, Filme und Websites zum Thema zu empfehlen – zum Einstieg oder zum Vertiefen. Der Text beansprucht einiges von Ihrer Zeit, aber jede Minute Lesezeit ist gut investiert.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Wissen Sie genug über den Holocaust?
Was heute weniger wichtig ist
Sydney Sweeney im Oktober 2025
Foto: Mario Anzuoni / REUTERSHollyboob: Die Schauspielerin Sydney Sweeney, 28, steht nach einer früheren Jeanskampagne nun wegen einer möglicherweise unerlaubten Werbeaktion in der Kritik. Auf Instagram veröffentlichte sie ein Video, das zeigt, wie sie nachts mit anderen eine BH-Girlande am berühmten Hollywood Sign anbringt – offenbar als PR-Aktion für ihre Dessousmarke. Zwar besaß Sweeneys Team eine allgemeine Drehbewilligung für das Gebiet, doch das Hollywood Sign erfordert zusätzliche Lizenzen und Gebühren. Ein Sprecher sagte: »Wir hatten im Vorfeld keinerlei Kenntnis davon.«
Mini-Hohlspiegel
Zigarettenwerbung von Benson & Hedges in Berlin
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Könnten Sie den neuen Roman von Colleen Hoover lesen. »Woman Down« verknüpft auf irritierende Weise persönliche Erfahrungen der Autorin mit der fiktiven Handlung. Im Buch zieht sich die Schriftstellerin Petra Rosa nach einem PR-Skandal in eine Hütte zurück, wo sie sich auf eine gefährliche, erotische Beziehung mit einem Polizisten einlässt. Diese Beziehung überschreitet Grenzen von Konsens, wird aber romantisch verklärt – typisch für Hoovers umstrittene Darstellungsweise. Meine Kollegin Sonja Dawson kritisiert, dass Hoover Machtmissbrauch ästhetisiert und ihre Figuren in patriarchalen Mustern gefangen bleiben (lesen Sie hier die ganze Rezension ). Neu sei aber, dass Hoover sich diesmal selbst und ihr Schreiben offen reflektiert – und die Trennung zwischen Autorin und Werk fast aufhebt.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Ressortleiter Nachrichten




