SpOn 05.02.2026
17:14 Uhr

News des Tages: The Female Company, Crans-Montana, Arm-und-Reich-Debatte


Die Besitzer der Todes-Bar in Crans-Montana schreiben ihrem Personal einen Brief. Ein feministisches Start-up aus Berlin sieht sich massiven Vorwürfen ausgesetzt. Und die Löhne steigen weiter. Das ist die Lage am Donnerstagabend.

News des Tages: The Female Company, Crans-Montana, Arm-und-Reich-Debatte
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1. Feministische Fassade?

Das Berliner Start-up The Female Company galt lange als Vorzeigefirma. Das Unternehmen stellt nachhaltige, schadstofffreie Produkte rund um Menstruation, Schwangerschaft und Stillzeit her und betreibt zugleich Aufklärungs- und Tabubruch-Kampagnen rund um den weiblichen Körper. Einige von Deutschlands Top-Influencerinnen werben für die Firma. Im November 2025 wurde die Firmenchefin als eine der »Berliner Unternehmerinnen des Jahres« ausgezeichnet.

Nun berichtet eine Reihe von ehemaligen Angestellten von internen Missständen bei The Female Company. Im SPIEGEL schildert eine Ex-Mitarbeiterin, wie ein künftiger Kollege während einer Firmenfeier ihr Gesicht unmittelbar vor seinen Genitalbereich gedrückt habe. Der Mann habe mehrfach ihren Kopf vor und zurückbewegt, wie beim Oralsex. Der Mitarbeiter lässt über seine Anwälte sämtliche Vorwürfe ausdrücklich zurückweisen und bestreitet insbesondere, dass es einen sexualisierten Übergriff oder sonstiges unangemessenes Verhalten gegeben habe.

Zudem gibt es weitere Kritik, die die Frage aufwirft, wie ernst es dem Unternehmen mit der internen Umsetzung der propagierten Werte ist. Insgesamt erheben neben der betroffenen Frau zehn weitere ehemalige Beschäftigte Vorwürfe. Es geht um Kritik an der innerbetrieblichen Aufarbeitung des geschilderten mutmaßlichen Vorfalls, Berichte über als gesundheitlich belastend empfundene Arbeitsbedingungen sowie Hinweise auf einen als problematisch wahrgenommenen Umgang mit Müttern im Unternehmen. Das Unternehmen und Co-Gründerin Ann-Sophie Claus weisen alle erhobenen Vorwürfe vehement als falsch zurück.

Nach Darstellung des Unternehmens hat es eine monatelange interne Prüfung der Anschuldigungen gegeben, mit der sich auch die betroffene Mitarbeiterin zufrieden gezeigt habe. Außerdem habe man einen Verhaltenskodex zur Prävention sexueller Belästigung eingeführt und Schulungen durchgeführt.

Das wollen aber einige nicht mitbekommen haben.


2. Die Aufarbeitung der Tragödie von Crans-Montana

Die Besitzer der Bar Le Constellation im Schweizer Skiort Crans-Montana, Jacques und Jessica Moretti, haben sich in einem Brief an ihre Angestellten gewandt. Sie versichern, niemanden im Stich zu lassen, und kündigen Unterstützung an. »Wir sind durch dasselbe Schicksal verbunden und werden alles in unserer Macht Stehende tun, um euch zu helfen.«

In dem Lokal war in der Silvesternacht ein Feuer ausgebrochen, bei dem 41 Menschen starben und rund 80 verletzt wurden. Gegen die Besitzer wird wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Brandstiftung ermittelt, sie sind auf Kaution frei. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni nannte Morettis Freilassung eine »Schande«, was zu diplomatischen Spannungen zwischen Italien und der Schweiz führte. (Hier mehr dazu .)

In dem Brief erklären die Morettis, ihr langes Schweigen nach der Tragödie sei wegen der Ermittlungen nötig gewesen, aber sehr schmerzhaft. »Wir tragen diese Verantwortung, ohne in irgendeiner Weise zu versuchen, sie auf euch abzuwälzen.« Sie sprechen den Familien von drei getöteten Mitarbeitenden ihr Beileid aus.

Das sind neue Töne. In Vernehmungen und Medienberichten wies Jacques Moretti zunächst die persönliche Verantwortung für das Unglück mehrfach zurück. Zugleich schoben er und seine Frau einzelnen Angestellten – etwa einem Koch oder Servicekräften – einen Teil der Verantwortung für verschlossene Türen oder fehlende Sicherheitsmaßnahmen zu. Diese Schuldzuweisungen lösten beim Personal Empörung aus. Ob da ein Brief den Zorn lindert?


3. Das haben sie verdient

Kürzlich stieß ich auf eine Aussage der Armutsforscherin Martyna Linartas. Ihr zufolge verfügen in Deutschland die zwei reichsten Familien zusammen über mehr Vermögen als die gesamte ärmere Hälfte der restlichen Bevölkerung. Zwei Familien versus mehr als 40 Millionen Menschen. Solche Zahlen zementieren den Eindruck, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Nun gibt es neue Zahlen. Demnach sind die Stundenlöhne in Deutschland 2025 weiter gestiegen. Beschäftigte verdienten im zweiten Halbjahr durchschnittlich 25,88 Euro brutto pro Stunde – ein Plus von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Laut Lohnmonitor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) legten die mittleren Einkommen überdurchschnittlich stark zu: Der Medianlohn erhöhte sich um 5,2 Prozent, während Spitzenverdiener im obersten Zehntel nur 3,7 Prozent mehr bekamen. Dadurch hat sich die Lohnschere leicht geschlossen. Nach Einschätzung von IAB-Ökonom Enzo Weber sind die Löhne heute insgesamt gleichmäßiger verteilt als vor zehn Jahren, auch der Niedriglohnsektor ist geschrumpft, berichtet mein Kollege Benjamin Bidder.

Auffällig ist die unterschiedliche Entwicklung nach Qualifikation: Akademikerlöhne stagnierten fast und erreichten Ende 2025 im Schnitt 30,92 Euro. Bei Beschäftigten ohne Berufsabschluss kletterten die Verdienste hingegen stark auf 18,05 Euro – auch wegen gestiegener Mindestlöhne. Laut Weber könnte das ein geringeres Interesse an Ausbildungen fördern, da Helfertätigkeiten zunehmend besser bezahlt werden.

Nun sind steigende Löhne nicht gleichzusetzen mit Vermögen. Dennoch scheinen mir die IAB-Zahlen erst mal eine gute Nachricht zu sein.


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Marius Borg Høiby bestreitet Vergewaltigungsvorwürfe: Der Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Ihm droht jahrelange Haft. Vor Gericht versucht er nun zu erklären, warum er Begriffe wie »Vergewaltigung« googelte.

  • AfD verliert Streit um SPD-Saal: Im Streit um den zweitgrößten Sitzungssaal muss die AfD eine weitere Schlappe einstecken. Das Bundesverfassungsgericht sagt: Der Raum sei keine »Silbermedaille« für Wahlerfolg.

  • Bill Gates spricht über Epstein-Kontakte – »Es war dumm von mir«: In den jüngst veröffentlichten Epstein-Akten wird auch Bill Gates schwer belastet, zuletzt äußerte sich seine Ex-Frau öffentlich dazu. Jetzt bemüht sich der Milliardär um Schadensbegrenzung.


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So wird »Team Deutschland« bei der Eröffnungsfeier auflaufen

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Deutsche Säcke bei der Eröffnungsfeier: Ist es ein Poncho, garniert mit einem Anglerhut? Das Outfit des deutschen Olympiateams für die Winterspiele sorgt für kritische Designfragen. Nicht zum ersten Mal .

Was heute weniger wichtig ist

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Beringt abwehrbereit: Die niederländische Königin Máxima, 54, geht zum Militär. Nach einer Grundausbildung soll sie für einige Zeit bei den Streitkräften arbeiten. Damit folgt sie dem Vorbild ihrer Tochter. Máxima habe sich für den Dienst entschieden, da »unsere Sicherheit nicht mehr selbstverständlich ist und sie, wie viele andere auch, einen Beitrag zu dieser Sicherheit leisten möchte«.


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Cartoon des Tages: Heeresinspekteur General Freuding will bei der Truppe einen Kulturwandel einleiten

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Und heute Abend?

Könnten Sie die Netflix-Serie »Unfamiliar« schauen? Sie spielt im Agentenmilieu Berlins und verbindet Spionage- mit Familiengeschichte.

Schauspieler Henry Hübchen, Susanne Wolff und Felix Kramer in »Unfamiliar«

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Netflix

Ex-BND-Agenten Meret und Simon müssen ihre Tochter schützen, nachdem sie erfahren, dass sie nicht ihr leibliches Kind ist. Zwischen russischen Agenten, Gewalt und Ehekrise entsteht ein düsterer Thriller in kaltem Licht und brutalistischer Kulisse. Meinen Kollegen Oliver Kaever überzeugten die starken Actionszenen und eine »herausragende« Susanne Wolff in der Hauptrolle (hier die ganze Rezension ). Ihr gelinge das Kunststück, bei der flachen Familienaufstellung mitzumachen und gleichzeitig eine coole Agentin zu geben.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts