1. Stuttgart 21 kommt später – wegen technischer Probleme
Mein Großvater ließ bei Familienfesten gern das ziemlich nervige Volkslied »Auf der Schwäbsche Eisebahne« erklingen, das die Schönheit des südwestdeutschen Zugverkehrs in ferner Vergangenheit feiert. Aktuell sind viele Zugreisende zwischen Stuttgart, Ulm und Biberach wenig amüsiert über die Bauarbeiten am Monsterprojekt Stuttgart 21, das schon 2019 fertig sein sollte. Zumindest war da ursprünglich die Eröffnung angesetzt. Heute wurde bekannt, dass die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla nun auch den zuletzt geltenden Eröffnungstermin im Dezember 2026 abgesagt hat.
Mein Kollege David Böcking berichtet, dass offenbar schon im Sommer, noch vor Pallas Amtsantritt, klar geworden sei, dass es bei dem geplanten Eröffnungsdatum erhebliche Risiken gab. »Grund für die aktuelle Verzögerung sind technische Probleme am sogenannten Digitalen Knoten Stuttgart – einem Pilotprojekt, mit dem die Leit- und Sicherungstechnik der Bahn im Großraum Stuttgart digitalisiert wird.« Offenbar gebe es Probleme mit der Zulassung und Freigabe der Technik des japanischen Konzerns Hitachi, einem zentralen Projektpartner der Bahn beim Digitalen Knoten.
Einen neuen Eröffnungstermin gibt es bislang nicht. Die Bahn-Chefin will offenbar kein weiteres Vertrauen verspielen. Palla habe angekündigt, sie wolle bei der Bahn »alles anders machen als vorher«, so mein Kollege David. »Dazu gehört offensichtlich auch, im Zweifel lieber keine Versprechen zu machen, die man ohnehin nicht halten kann.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Bahn-Chefin Palla sagt Eröffnung von Stuttgart 21 für 2026 ab
2. Handgeld funktioniert nicht als Ersatz für ein Leben in Freiheit
Wie gut kann man sich auf Zusagen der deutschen Regierung verlassen? Nach dem Machtwechsel in Afghanistan im Sommer 2021 hatte Deutschland versprochen, ehemaligen Ortskräften und von den Taliban Verfolgten Schutz zu gewähren, deshalb wurden in den vergangenen Jahren mehr als 30.000 Menschen aufgenommen. Derzeit warten noch 1.900 Afghaninnen und Afghanen in Pakistan auf eine Ausreise nach Deutschland. Die neue Bundesregierung wollte den Menschen nun Geld bieten, wenn sie aus dem Aufnahmeprogramm ausscheiden. Heute wurde bekannt, dass nur 62 Personen sich bereit erklärt haben, das Angebot anzunehmen.
Ob es demnächst wieder Flüge aus Pakistan nach Deutschland für Afghanen und Afghaninnen mit Aufnahmezusage geben wird, ist noch offen.
»Es ist sehr nachvollziehbar, dass die meisten der betroffenen Afghanen nicht auf den Kuhhandel des Innenministeriums eingegangen sind«, sagt mein Kollege Stefan Kuzmany, der in dieser Woche einen Leitartikel zum Thema geschrieben hat . Die Menschen hätten vor der Wahl gestanden, entweder mit ein paar Tausend Euro Handgeld unter die Herrschaft der Taliban zurückzukehren – oder weiter an der Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit für sich und ihre Familien festzuhalten.
»Die Entscheidung wird vor allem Menschen mit Kindern nicht schwergefallen sein«, so Stefan. Zumal die Chancen offenbar nicht schlecht stehen, sich gegen den Wortbruch der deutschen Regierung juristisch zu wehren: Zuletzt konnten einige Afghanen ihre Aufnahme in Deutschland gerichtlich durchsetzen.«
Lesen Sie hier mehr: Nur 62 Afghanen nehmen Geldangebot für Einreise-Verzicht an
3. Der Berg in Graubünden rutscht weiter
Das Schweizer Bergdorf Brienz ist vor zwei Jahren berühmt geworden, die Bewohner der Gegend hätten darauf gern verzichtet. Wegen einer drohenden Geröll-Lawine ließen die Behörden im Mai 2023 den Ort komplett räumen – und tatsächlich stürzten einige Wochen später 1,2 Millionen Kubikmeter Felsmassen talwärts und verfehlten den Ort nur knapp. Nur für etwas mehr als ein Jahr konnten die rund 80 Einwohner ins Dorf zurückkehren, dann folgte eine erneute Räumung. Heute wurde bekannt, dass in den nächsten Tagen mehr als 100.000 Kubikmeter Geröll auf Brienz hinabstürzen könnten. Angesichts von Bergstürzen in den Alpen denken viele Menschen an den rasch voranschreitenden Klimawandel und schmelzende Gletscher. Die Geschichte von Brienz zeigt, dass die Ursachen manchmal weiter zurückreichen.
»Wirklich überraschend ist die Lage nicht, das Dorf und das darüberliegende Plateau sind seit Menschengedenken in Bewegung. Nun aber rutschen Teile besonders schnell – das sorgt für die erhöhte Alarmstufe«, sagt meine Kollegin Alina Schadwinkel aus dem Wissenschaftsressort. Alina hat unter anderem mit Christian Gartmann, dem Sprecher des für Brienz eingerichteten Krisenstabs der Gemeinde Albula/Alvra gesprochen. Der spricht von einer »komplexen und potenziell gefährlichen Dynamik«.
Ob der Klimawandel für die Lage in Brienz verantwortlich ist? Gartmann sagt: »Sicher – aber der Ursprung der Bewegung liegt im Klimawandel vor etwa 13.000 Jahren, als sich der große Albulagletscher nach der Eiszeit zurückzog und eine zu steile Talflanke hinterließ.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Schweizer Bergdorf Brienz droht erneut ein Felssturz
Was heute sonst noch wichtig ist
Russisches Spionageschiff soll Laser auf britische Piloten gerichtet haben: Die russische »Yantar« befindet sich am Rande britischer Gewässer. Verteidigungsminister Healey richtet eine eindeutige Botschaft an Kremlchef Putin. Es ist bereits das zweite Mal, dass das Schiff dieses Jahr in der Region unterwegs ist.
Magdeburg-Attentäter galt laut Ex-Kolleginnen als unzuverlässiger Arzt: Beim Prozess gegen Taleb Al Abdulmohsen berichten Zeugen über die Zusammenarbeit mit dem späteren Attentäter. Es habe Fragen an seiner fachlichen Eignung als Arzt gegeben.
Frau von Christina Blocks Ex-Mann sagt aus – »waren schockiert«: An Silvester wurden die beiden jüngsten Kinder der Unternehmerin Christina Block aus der Obhut ihres Ex-Manns entführt. Nun hat das Landgericht Hamburg seine neue Ehefrau befragt.
Beamtenbesoldung in Berlin jahrelang überwiegend verfassungswidrig: Die Besoldung von Beamten im Land Berlin war über Jahre bis auf wenige Ausnahmen verfassungswidrig. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Reisebericht aus dem Herz der Finsternis
Einmal werden wir noch wach, heißa, dann wird in Hamburg zum ersten Mal der SPIEGEL Buchpreis verliehen. Die von der Jury bestimmte Preisträgerin oder der Preisträger wird zusammen mit den Zweit- und Drittplatzierten am morgigen Donnerstag bekannt geben. Heute lobt die Jurorin Eva Horn schon mal das Buch auf Platz vier, das ich ebenfalls fantastisch finde. Es handelt sich um Dorothee Elmigers Roman »Die Holländerinnen«. Das Buch entführt in den Dschungel Mittelamerikas, handelt unter anderem von einem mysteriösen Kriminalfall und funktioniert wie eine dunkle Erzählmaschine. »Im Kern ihres Romans steht im Grunde die Frage: Was bedeutet es, zu erzählen, wo es keine Lösung, kein Ziel des Erzählens gibt?«, so Eva Horn. »Genau dafür steht der Urwald: eine Landschaft ohne Ausgang, ohne Orientierung, ein Exzess der Lebendigkeit wie der Zerstörung.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Reisebericht aus dem Herz der Finsternis
Was heute weniger wichtig ist
Tribute für Leo: Schauspielerin Jennifer Lawrence, 35, äußert sich begeistert über einen aktuellen Kinofilm, in dem sie nicht mitspielt. Sie findet Paul Thomas Andersons Actionknaller »One Battle After Another« mit Leonardo DiCaprio und Sean Penn nicht bloß toll wie viele andere Kinobesucherinnen und Kinobesucher auch – sie nennt ihn den besten Film, den sie je gesehen habe. Ihre Begründung: »Es gibt keine einzige überflüssige Minute, an keiner Stelle zieht es sich in die Länge.«
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Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Könnten Sie Ihre Kennerschaft in der zeitgenössischen Popmusik ausbauen und sich mit der Musik und den Videos von Rosalía beschäftigen. Viele ihrer Songs, zum Beispiel ihr zusammen mit Björk gesungener aktuell größter Hit »Berghain« , sind tatsächlich großartig. Meine Kollegin Nadine Wolter hat aufgeschrieben, was sich zu wissen lohnt über die 33-jährige Rosalía . Den internationalen Durchbruch schaffte die Spanierin 2018 mit der Flamenco-Erneuerung »El mal querer« (»Die schlechte Liebe«); im Augenblick gebe es keinen Popstar, über den die Welt mehr redet. In Nadines Text erfährt man auch Dinge über die Künstlerin, die vielleicht nicht besonders wichtig erscheinen, die aber für jeden Partytalk zum Thema Rosalía ungemein hilfreich sein können: »Auf ihrem Oberschenkel ist ein Tattoo, das auf den ersten Blick ein bisschen wie ein Phallussymbol aussieht. Es ist eine feministische Kritik.«
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr
Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort




