1. The Final Countdown
Sie lieben Bücher? Wir auch. Deswegen haben wir uns in den vergangenen Wochen die Frage gestellt: Was sind die besten Romane des Jahres? Heute können wir Ihnen – zumindest aus unserer Sicht – eine Antwort geben. Nun steht die Preisträgerin des SPIEGEL-Buchpreises fest: Rachel Kushner mit ihrem Roman »See der Schöpfung«.
»Man fragt sich: Wo genau will sie einen hinführen? Ist das wirklich relevant für die Story? Hab ich gerade nicht aufgepasst? Schon misstraut man sich selbst, genauso aber der Erzählerin. Und der Autorin natürlich auch« – das schreibt mein Kollege Xaver von Cranach über das Buch (hier mehr dazu ).
Zusammen mit den anderen Kolleginnen und Kollegen aus der siebenköpfigen Jury hat Xaver Dutzende Bücher gelesen und bewertet – nicht nur deutsche, sondern auch internationale Werke, die bereits ins Deutsche übersetzt wurden. »So soll auch die oft virtuose und genauso oft übersehene Kunst der Übersetzerinnen und Übersetzer prämiert werden«, schreibt mein Kollege Andreas Bernard, der ebenfalls Mitglied der Jury ist (hier mehr).
Warum »See der Schöpfung« gewonnen hat, begründen die Kolleginnen und Kollegen so: »Rachel Kushner schafft es, mit cooler Präzision eine Heldin zu erschaffen, die unsympathisch, berechnend und manipulativ ist – und der wir gebannt bis zum Ende folgen. ›See der Schöpfung‹ ist eine Agentengeschichte, die spannend ist, schnell wie eine Pistolenkugel. Hypnotisch wird die Geschichte aber dadurch, dass – sozusagen als Gratisgeschenk – immer wieder tiefschürfende Reflexionen eingestreut werden.«
In seiner Rezension des Siegerinnenbuches fasst es Xaver etwas knackiger zusammen: »Es wird manisch erzählt, listig erfunden und unterkühlt gevögelt. Außerdem geht es um Neandertaler. Wahnsinn!«
Ein Gespräch mit der Gewinnerin Rachel Kushner können Sie hier lesen .
Und alle Informationen zum SPIEGEL-Buchpreis finden Sie hier: Warum der SPIEGEL hervorragende Literatur auszeichnet
2. Brasilianische Überrumpelungstaktik
Die jährlich stattfindenden Klimagipfel waren zuletzt ziemlich matte Veranstaltungen. Unter zähem Ringen wurde in den vergangenen Jahren meist nur ein Minimalkonsens errungen. Rettung vor der Klimakrise? Daran glaubten wohl nur noch wenige Teilnehmer.
Umso überraschender und erfreulicher ist, was meine Kollegin Susanne Götze und mein Kollege Gerald Traufetter von der COP30 im brasilianischen Belém berichten (hier mehr ). Selbst erfahrene Beobachter der Klimatreffen seien überrascht; nie sei man drei Tage vor dem offiziellen Ende so weit gewesen. Die Brasilianer hätten in Zeiten geopolitischer Spannungen und trotz der Attacken von Rechten und Trumpisten auf die Klimawissenschaft enorm viel geschafft. »Es gibt ein unglaubliches Tempo und konstruktive Gespräche«, sagt Staatssekretär Jochen Flasbarth, der für die deutsche Delegation in Belém verhandelt.
Die Stimmung sei gut, berichten Insider. Bei anderen COPs habe in dieser Endphase oft Misstrauen geherrscht, Länder seien ausgegrenzt und unter Druck gesetzt worden. Das sei dieses Mal nicht so.
Susanne und Gerald schreiben das einer speziellen Verhandlungstaktik der Brasilianer, allen voran des Staatschefs Lula, zu. Es gehe darum, die Partner konstruktiv zu überrumpeln und destruktive Endlosdiskussionen zu vermeiden. Gelingt so endlich der schrittweise Ausstieg aus den fossilen Energien, den Brasilien unbedingt durchbringen will?
Lesen Sie den ganzen Report von der Klimakonferenz hier: Das Lula-Prinzip
3. Bei diesem Geruch droht Gefahr
Das Schicksal der jungen Familie, die unter tragischen Umständen in Istanbul starb, beschäftigt die Menschen in der Türkei – und weltweit. Jüngste Ermittlungsergebnisse legen nahe, dass die Eltern und ihre beiden Kinder durch ein Schädlingsbekämpfungsmittel starben, welches ihr Hotel gegen Bettwanzen eingesetzt hatte.
Meine Kolleginnen Cathrin Schmiegel, Şebnem Arsu und mein Kollege Bradley Secker haben in der Türkei recherchiert und sind nach Bolvadin gereist. Von dort stammte die Familie, die zwischenzeitlich nach Hamburg ausgewandert war; in Bolvadin wurde sie nun beerdigt. Die berührende Reportage über den Tag der Trauer in ihrem Heimatdorf lesen Sie hier .
Mein Kollege Martin Schlak hat sich mit den Gefahren des mutmaßlich eingesetzten Insektizids beschäftigt. Sein FAQ zu Aluminiumphosphid lesen sie hier .
Falls auch Sie sich vor Bettwanzen oder den gegen die Tiere eingesetzten Mitteln fürchten, empfehle ich Ihnen das Interview meiner Kollegin Antje Blinda mit einem Schädlingsbekämpfer. Er erklärt beruhigend detailliert, wie die kleinen Biester ausgerottet werden können, ohne dass es für Menschen gefährlich wird (hier mehr dazu ). Und er sagt, warum man bei Knoblauchgeruch im Hotelzimmer aufmerken sollte.
Lesen Sie hier mehr: Knoblauchgeruch ist ein Alarmsignal
Was heute sonst noch wichtig ist
Angeblicher US-Friedensplan irritiert Europäer: Washington soll Medienberichten zufolge einen Friedensplan für den Ukrainekrieg erarbeitet haben, der große Zugeständnisse Kyjiws vorsieht. Die Bundesregierung und EU-Außenbeauftragte Kallas äußern Kritik.
Kulturstaatsminister Weimer gibt Firmenanteile an Treuhänder ab: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wird kritisiert, weil Teilnehmer eines von ihm gegründeten Gipfels gegen Bezahlung politische Entscheidungsträger treffen. Nun überlässt er seine Anteile am Medienunternehmen einem Treuhänder.
IAEA drängt auf Inspektionen in Iran – Teheran kündigt Vereinbarung: Die Internationale Atomenergiebehörde hat eine international initiierte Resolution angenommen: Teheran soll umfassende Inspektionen zulassen. Iran kündigte daraufhin die Vereinbarung mit der IAEA.
Wo die Renten in Deutschland am höchsten sind: Die Bezüge der Rentnerinnen und Rentner unterscheiden sich erheblich von Bundesland zu Bundesland. Wer bekommt am meisten, wer am wenigsten? Der Überblick.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Zukunft? Nein, danke.
Autoabgase: Der Markt für Verbrennungsmotoren schrumpft weltweit seit Jahren
Foto: Peter Cade / Getty ImagesWas der Bauer nicht kennt, frisst er nicht – dieses bei Landwirten sicher hoch beliebte deutsche Sprichwort müsste langsam mal umgedichtet werden: Was der Deutsche nicht kennt, fährt er nicht.
Das ist ein Problem, wie mein Kollege Martin Wittler schreibt . Während Länder wie China mit Vollgas in Richtung elektrischer Zukunft fahren, klammern sich deutsche Käufer an den vertrauten Verbrennermotor. Damit beschützen sie die deutsche Autoindustrie nicht, sondern könnten sie in den Abgrund reißen, analysiert Martin. Ex-VW-Chef Herbert Diess hat es mal griffig zusammengefasst: »Wir können da draußen nichts verkaufen, wo der deutsche Kunde sagt: ›Will ich nicht‹.«
Martins Artikel zeigt auf, was die Angst der Deutschen vor Elektroautos nährt. Ich will hier nicht zu viel verraten, bin aber einigermaßen erschüttert, welch irrationale Gründe womöglich verhindern, dass sich eine objektiv betrachtet bessere Technologie durchsetzt. Der wohl entscheidendste: Drei Viertel der Deutschen sind noch nie ein Elektroauto gefahren und hatten somit keine Gelegenheit, Vorurteile abzubauen.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Geht die deutsche Autoindustrie an ihrer konservativen Kundschaft zugrunde?
Was heute weniger wichtig ist
Nö!: Schauspielerin Jane Fonda, 87, hat im »Stern«, nun ja, Alterseinsichten verraten: »Es sind nicht die vielen Erfahrungen, die einen weise machen. Erst das Nachdenken über die Erfahrungen und das Verstehen, was sie bedeuten, bringen Weisheit.« Sie sei nicht selbstbewusst aufgewachsen, sagt die Tochter des berühmten Schauspielers Henry Fonda in der Rückschau: »Ich hatte das Gefühl, nie gut genug zu sein, um seine Anerkennung zu verdienen.« Erst in ihren Sechzigern habe sie gelernt, Grenzen zu setzen. Befreiend sei für sie die Erkenntnis gewesen, dass »Nein ein vollständiger Satz ist«.
Mini-Hohlspiegel
Aus der »Schwäbischen Zeitung«
Cartoon des Tages
Kanzleretat: Über 12.000 Euro für Visagisten und Friseure. Merz will nach Kritik Staatskasse durch Werbung für Beautyprodukte füllen. Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Leonard Riegel / DER SPIEGEL
Und heute Abend?
Darstellerinnen Erivo, Grande
Foto: Giles Keyte / Universal PicturesKönnten Sie sich »Wicked: Teil 2« anschauen, der gerade in den Kinos angelaufen ist (hier dazu mehr ). Die Geschichte der beiden Hexen Glinda (Ariana Grande) und Elphaba (Cynthia Erivo) ist die erfolgreichste Musicalverfilmung aller Zeiten.
Lassen Sie sich vom Gefunkel und den spektakulären Animationen nicht blenden: Der zweite Teil hat ernste Anliegen, wie meine Kollegin Annina Metz in ihrer Rezension schreibt. Er setzt sich intensiv mit dem Thema Rassismus auseinander und zeigt auf, wie leicht sich faschistisches Denken seinen Weg bahnen kann.
Vor allem aber ist »Wicked: Teil 2« die Geschichte einer Frau, die aus der ihr zugedachten Rolle ausbrechen möchte. Schon als Kind wird Glinda eingebläut, immer hübsch die Mundwinkel nach oben zu ziehen, ganz egal ob ihr gerade danach ist oder nicht. Lange macht sie das Theater mit, lässt sich in die glitzernde Prominenz fallen, die um sie herum geschaffen wurde. Doch dann fragt sie sich: Will sie sich nur bewundern lassen oder ihre Prinzipien leben?
Falls Sie den ersten Film verpasst haben, seien Sie gewarnt: Der zweite Teil spendiert kein »Was bisher geschah« am Anfang. Sie können aber problemlos nachsitzen: Der Vorgänger kann auf Amazon Prime gestreamt werden. Lesen Sie hier die Rezension zu »Wicked: Teil 2« .
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort



