1. Der Zar ist nackt
Präsident Putin: »Übliche Strategien«
Foto:Dmitri Lovetsky / AP / dpa
Bevor Sie jetzt Ihren Pfandbon spenden oder die AfD ein Charity-Event ausrichtet: Um Wladimir Putin müssen wir uns keine Sorgen machen. Also zumindest finanziell. Der russische Präsident besitzt immerhin eine 77-Quadratmeter-Wohnung in Sankt Petersburg. Außerdem einen Lada Niva, den könnte man im Zweifel für etwa 18.000 Euro bei mobile.de verkaufen. Ach ja, eine Garage (18 Quadratmeter) hat er auch noch. Steht so alles in der Bewerberliste für die letzte Wahl von 2024 (Protzvilla und Milliardenvermögen werden da nicht erwähnt, sicher aus, äh, Platzgründen). Also: Putin kommt schon irgendwie durch. Der russische Bär allerdings jault, die Ukraine macht enorme Geländegewinne und die Wirtschaft kriselt: »Das Land steckt in einer Stagflation, einer Kombination aus stagnierendem Wachstum nahe der Nulllinie und hoher Inflation«, erklärt der Ökonom Alexander Libman meinem Kollegen Benjamin Bidder im Interview.
Nun könnte man denken: Ha, das sind unsere Sanktionen! »Quatsch«, sagt Libman. »Das hat bei Putin nicht funktioniert, weil er für seine geopolitischen Ambitionen wirtschaftliche Schäden in Kauf nimmt.« Es ist eher der niedrige Ölpreis, der Moskau schlingern lässt. Stürzen wird Zar Wladimir aber auch darüber nicht: Putin wird seine üblichen Strategien anwenden, vermutet Libman. Verantwortung abschieben. Auf die Regierung, auf die Gouverneure in den Regionen. Und im Zweifel findet Moskau schneller neue Geldquellen für seinen Krieg, als Ihnen das Lachen über diesen russischen Witz, den Libman meinem Kollegen Benjamin erzählt hat, im Halse stecken bleiben wird:
Vater: »Schlechte Nachrichten, die Wodkapreise sind gestiegen.« – »Oha«, sagt der Sohn, »wirst du jetzt weniger trinken, Papa?« – »Nein, Sohn, du wirst weniger essen.«
2. Acht Arme für Deutschland
Oktopusse haben neun Gehirne: eins im Kopf und dann noch mal eins für jeden Arm. So können die possierlichen Kopffüßler ihre Saugnapf-Tentakel völlig unabhängig voneinander steuern. Wow. Stellen Sie mal einen Oktopus bei VW am Fließband vor! Brrr, ssrrt (Sie bemerken meine lautmalerische Hilflosigkeit, aber ich denke an Akkuschrauber und Punktschweißgerät), in zehn Minuten hat der doch einen Golf Variant zusammengedengelt. Ist sie das, die Lösung für den kränkelnden Standort Deutschland? Zuwanderung aus der Tiefsee?
Denn: »Der Wachstumsmotor wird nie mehr anspringen«, behauptet DIW-Chef Marcel Fratzscher heute. Warum? Es fehlten schlicht die Arbeitskräfte, um die Raten der Vergangenheit zu erreichen. 0,7 Prozent im Jahr, mehr ist im Mittel nicht drin, analysiert der Internationale Währungsfonds. Und das bis 2070. Well, ich wäre ja froh, wenn ich mir 2070 noch allein die Schuhe zubinden könnte, aber das allein dürfte für die ökonomische Schlagkraft unseres Landes nicht reichen: »Wir kommen an Steuererhöhungen und dem Abbau von Subventionen nicht vorbei«, so Fratzscher. Schließlich werden wir immer weniger, zehn Prozent weniger Deutsche im selben Zeitraum, dafür immer mehr Ältere. Bevor Sie googeln: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Oktopusses beträgt zwei Jahre.
3. Lidl klont sich
Sie könnten mich nachts um 2 Uhr wecken und fragen, wo beim Lidl die Doppelkekse stehen (zweites Regal links). Die Spaghetti. Oder der Ketchup. Im Gegensatz zu meinen Küchenschränken (dort herrscht das Gesetz des Dschungels) sind die Regale in dem Supermarkt immer aufgeräumt, es riecht nach dem immer gleichen Putzmittel, und ein Schälchen Cherrytomaten kostet nicht gleich einen Monatslohn. Discount counts: Im New Yorker Stadtteil Brooklyn hat jetzt eine neue Lidl-Filiale eröffnet, die Bürger hatten es sich in einem Beteiligungsverfahren so gewünscht. Kein Wunder: Trumps großes Wahlversprechen, der Inflationshydra die Köpfe abzuschlagen, ist verpufft wie ein Knallbonbon (drittes Regal rechts).
Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani zog auch deshalb mit dem Schlachtruf »Bezahlbarkeit« in den Wahlkampf. Und gewann deutlich. Gerade in den Wolkenkratzer-Großstädten machen die Lebenshaltungskosten schwindelig, Billigsupermärkte wie Lidl oder Aldi boomen: »Frisch aufgebackene Buttercroissants etwa, die anderswo mindestens drei Dollar kosten, gibt es hier für 49 Cent«, schreibt meine Kollegin Katharina Kort mit dem nötigen Sinn für Vielblättrigkeit. (Lesen Sie hier Ihren Text. ) Sie hat den Erfolg der Deutschdiscounter auf dem US-Markt analysiert: Bis Ende des Jahres will Aldi 2800 US-Filialen haben, Lidl kommt immerhin auf 200 Supermärkte an der Ostküste. Tendenz steigend, prognostiziert Katharina: »Billig statt schick dürfte auch deshalb derzeit das Motto vieler Lebensmitteleinkäufer im ganzen Land sein.«
Was heute sonst noch wichtig ist
US-Bürgerrechtler Jesse Jackson gestorben: Er war einer der bedeutendsten Bürgerrechtsaktivisten der USA, zweimal bewarb er sich um das Amt des US-Präsidenten. Nun ist Jesse Jackson tot.
AfD in Niedersachsen als extremistische Bestrebung eingestuft: Der Verfassungsschutz sieht in der niedersächsischen AfD eine Gefahr für die Gesellschaft. Parteimitglieder, die für den Staat arbeiten oder Waffen tragen, dürften künftig unter Druck geraten.
EU-Kommission leitet Verfahren gegen Shein ein: Die EU nimmt Onlinehändler Shein ins Visier. Es geht um womöglich suchtförderndes App-Design sowie den Skandal um Sexpuppen mit Kindergesichtern.
ZDF entfernt KI-Bilder aus Beitrag über ICE-Einsatz: Im »heute journal« waren am Sonntag Bilder zu sehen, die mit einer künstlichen Intelligenz erstellt worden waren. Das Problem: Dies war nicht gekennzeichnet. Der Sender bittet um Entschuldigung.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Masood Boomgaard: Wo ist der Typ, der mir erlaubt, auf alles zu scheißen?
Foto:Jerome Naidoo
Manchmal hilft nur ein lautes »F*ck it«: Als »Self Help Singh« ist der Südafrikaner Massood Boomgard zum Internetphänomen geworden: Statt zu achtsamer Selbstoptimierung ermuntert er die Menschen, endlich aufzugeben. Und holt alle ab, die vom Yogitum genervt sind.
Was heute weniger wichtig ist
Waldemar Hartmann mit Jutta Speidel auf dem Oktoberfest
Foto: Hannes Magerstaedt/ Getty ImagesAlter reicher Mann: Waldemar Hartmann, 77, Ex-Fußballexperte und Weißbier-Maskottchen, kann sich nicht entscheiden. Also eigentlich ist er zutiefst dankbar, zum Beispiel weil er so viel Geld verdient hat: »Dank Rudi Völler. Ohne seine Tirade hätte ich den Paulaner-Vertrag nie bekommen«, hat er jetzt in einem Interview verraten. Aber andererseits ist er auch unzufrieden, so mit der Gesamtsituation. Weshalb er bei Julian Reichelts rechtem Portal Nius gegen das Gendern und Klimaaktivisten wettert: »Aber ich bin halt nicht reif für die Hängematte«. Herr Hartmann, sind Sie sich da sicher?
Mini-Hohlspiegel
Von SPIEGEL.de
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Zweierbob der Männer: Pilot Johannes Lochner und Georg Fleischhauer im Vorlauf
Foto: Robert Michael / dpaSki-Ba-Bob-Ba-Dop-Bob: Schauen wir doch zusammen Olympia, genauer: die Entscheidung im Zweierbob (so gegen 21 Uhr, hier geht es zum Liveticker ). Dazu müssen Sie wissen: Bobfahren ist eine Sportart, bei der die Athleten auf Metallkufen in einem Eiskanal rasen, und am Ende gewinnen die Deutschen. So hat mir das zumindest meine Kollegin Annika Schultz erklärt, sie ist im Cortina Sliding Center (heißt wirklich so) und wird den Wettkampf kommentieren, Lochner oder Friedrich, wer bringt das Gold heim? Ach ja, das schreibt mir Annika gerade noch: »Lochners Anschieber ist seit ein paar Wochen auf OnlyFans, aber das ist vielleicht nicht so passend für einen Satz in der Lage 😅«. Entscheiden Sie.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Jens Radü, Chef vom Dienst


