1. Der Sadistenzirkel ist weiterhin aktiv
Unter dem Namen »White Tiger« trat ein etwa 20‑jähriger deutsch-iranischer Mann aus Hamburg auf verschiedenen Onlineplattformen auf und soll dort Kinder und Jugendliche im Alter von ungefähr elf bis 15 Jahren manipuliert haben. Er soll auch Teil, womöglich sogar einer der Köpfe des international agierenden sadistisch-pädokriminellen Netzwerks »764« gewesen sein, das Minderjährige auf Plattformen wie Discord, Telegram oder Instagram zu Selbstverletzung und Suizid gedrängt haben soll, teilweise in Livestreams.
Der 13-jährige Jay Taylor und der 25-jährige Samuel Hervey etwa töteten sich vor laufender Kamera selbst. Die Auftraggeber sollen sich daran ergötzt haben. Meine Kollegen Max Hoppenstedt und Roman Höfner recherchieren seit Langem zu diesen abscheulichen Verbrechen. Nun haben sie in einer Datenauswertung mehr als 80 neue Fälle in 22 Ländern zutage gefördert. In den vergangenen Jahren gab es weitere sechs Fälle, in denen Mitglieder der Szene Menschen in den Tod trieben. Die Szene ist nach diesen Recherchen weiterhin aktiv. Die »764«-Gruppierung ist Teil von »Com«, einem globalen Netzwerk des Menschenhasses. Einer der aktuell größten »Com«-Chats hat mehr als 1600 Mitglieder.
In einem Fall in Leipzig gehen Behörden nach SPIEGEL-Informationen dem Verdacht nach, dass ein »764«-Mitglied eine 13-Jährige dazu brachte, ihre jüngere Schwester zu töten. In einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Kleinzschocher soll das Mädchen im Oktober 2024 die Siebenjährige erstochen haben, als die Eltern nicht zu Hause waren.
Wie wird eine betroffene Familie damit fertig? Wie geht man als Rechercheur mit diesen Abgründen um? »Ihre Geschichten und das Leid sind auch für uns Journalisten manchmal schwer auszuhalten«, sagt Roman. Ihm sei gerade zu Beginn der Recherche 2023 mitunter schwindelig geworden, die Gedanken fingen an zu rasen. »Ein Video, das mich damals an die Grenzen des Aushaltbaren brachte, ist eines der Hauptbeweisstücke im Fall White Tiger.« Es war das Video, das Jays Tod zeigt.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Mit 13 suchte er im Netz nach Freunden – sie trieben ihn in den Tod
2. Das Inferno von Hongkong
Bei dem verheerenden Großbrand in einem Hochhauskomplex in Hongkong ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 83 gestiegen. Rund 70 weitere Menschen sind verletzt worden. Das Feuer brach am Mittwochnachmittag (Ortszeit) im Hochhauskomplex Wang Fuk Court aus, der aus acht Blöcken mit je mehr als 30 Stockwerken und fast 2000 Wohnungen besteht. Die Bilder der brennenden Wohnkolosse haben etwas von Armageddon.
Betroffener des Hochhausbrandes in Hongkong
Foto: Tyrone Siu / REUTERSMein Kollege Georg Fahrion, Chinakorrespondent des SPIEGEL, hat sich unmittelbar nach Bekanntwerden der Katastrophe auf den Weg nach Hongkong gemacht. »24 Stunden nachdem das Feuer entdeckt worden ist, hängt hier immer noch ein stechender Rauchgeruch in der Luft«, berichtet er.
Am frühen Morgen nahm die Polizei drei Männer wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung fest – zwei Direktoren und einen technischen Berater eines Bauunternehmens. Sie sollen nicht zugelassene Materialien für die Gerüstnetze verwendet und die Fenster mit Polystyrolplatten versiegelt haben. Diese hochentzündlichen Stoffe sollen dazu geführt haben, dass sich die Flammen rasch ausbreiten konnten.
»Man kann sich kaum vorstellen, wie da ein Mensch, der auf einem der oberen Stockwerke sich aufgehalten hat, es nach unten geschafft haben soll. Da muss man schon wahnsinnig viel Glück gehabt haben«, sagt Georg im Video (hier mehr).
Die Feuer sind inzwischen weitgehend gelöscht. Die Katastrophe kommt für die örtliche Regierung wie auch für die Führung in Peking zu einem besonders schwierigen Zeitpunkt, berichtet mein Kollege Jan Petter, der erst am Sonntag von einer Reise nach Hongkong zurückkehrte. Am 7. Dezember sind im formell teils immer noch unabhängigen Hongkong Wahlen geplant. Die örtliche Verwaltung prüft bereits eine Verschiebung.
Lesen Sie hier mehr: Der schlimme Verdacht von Tai Po
3. Wen schießen wir zum Mond?
Ich will Sie bei dieser Lage am Abend nicht nur mit Katastrophenmeldungen behelligen, daher hier noch eine gute Nachricht: Ein deutscher Astronaut soll im Rahmen des Artemis-Programms in einigen Jahren zum Mond fliegen, voraussichtlich zunächst nur in die Mondumlaufbahn und nicht direkt zur Oberfläche. »Der erste Europäer, der das erleben wird, wird ein Deutscher sein«, sagte Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU).
Vollmond durch ein Teleskop: Die Esa hat große Pläne
Foto:Claudio Divizia / imageBROKER / picture alliance
Noch ist offen, welcher deutsche Astronaut ausgewählt wird. Im Gespräch sind Alexander Gerst und Matthias Maurer, die beide bereits Erfahrung auf der ISS gesammelt haben. Deutschland ist dank seiner wichtigen Beiträge – etwa dem in Bremen gebauten Servicemodul für das »Orion«-Raumschiff und Modulen für die geplante Mondstation »Gateway« – zentral am Artemis-Programm beteiligt. Auch Frankreich und Italien erhalten je einen Platz für ihre ESA-Astronauten, da diese drei Länder die größten Beitragszahler der ESA sind.
Die USA planen mit »Artemis 2« ab 2026 einen zehntägigen Flug mit vier US-Astronauten um den Mond, eine Mondlandung ist mit »Artemis 3« ab 2027 vorgesehen. Erst ab »Artemis 4«, derzeit für 2028 angepeilt, könnte ein deutscher Astronaut mitfliegen, wobei Verzögerungen möglich sind. Politische Unsicherheiten bleiben, da US-Präsident Donald Trump das teure Programm theoretisch noch zugunsten einer stärkeren Fokussierung auf den Mars verändern oder kürzen könnte.
Oder er braucht das Geld einfach für den Goldanstrich des neuen Ballroom am Weißen Haus?
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Deutscher soll zum Mond fliegen
Was heute sonst noch wichtig ist
Trump spricht nach Schüssen auf Nationalgardisten von Terrorakt: Ein Schütze hat in der US-Hauptstadt zwei Soldaten der Nationalgarde schwer verletzt. Präsident Trump macht in einer Ansprache den politischen Gegner verantwortlich. Zudem gibt es erste Informationen über den mutmaßlichen Täter.
Ver.di und DGB warnen vor AfD-Kurs der Familienunternehmer: Ver.di-Chef Frank Werneke warnt vor einer »Abdrift nach rechts« bei den Familienunternehmern – nachdem der Verband Kontakte zu der rechtsextremen Partei geknüpft hat. Einige Unternehmen ziehen Konsequenzen.
Mutmaßlicher Nord-Stream-Operationsleiter an Deutschland ausgeliefert: Er soll die Operation zur Sprengung an Pipelines in der Ostsee geleitet haben. Serhij K. wurde in Italien verhaftet, nach juristischem Hin und Her ist er nun ausgeliefert und nach Karlsruhe geflogen worden.
Meine Lieblingsgeschichte: Die Bahn trollt
ICE am Berliner Hauptbahnhof (Symbolbild): »Lassen Sie uns einfach nett zueinander sein«
Foto: Paul Langrock / laifDas Media Relations Team der Deutschen Bahn ist an 365 Tagen rund um die Uhr für Journalist:innen und Medienvertreter:innen erreichbar. Soweit die Selbstauskunft des Staatskonzerns. Doch was bringt Erreichbarkeit, wenn sie zu nichts führt? Die Bahn-Pressestelle dürfte eine der größten in ganz Deutschland sein. Es gibt ein Leitungsteam, Corporate Media Manager, Sprecher für die Geschäftsfelder DB InfraGO AG, Personenbahnhöfe, Großprojekte und Konzernsicherheit. Sprecher für Politik, Finanzen, Nachhaltigkeit. Sprecher für die einzelnen Bundesländer undsoweiterundsofort.
Meine Kollegin Anastasia Trenkler erlebte jüngst, wie eine Zugchefin der Deutschen Bahn sich mit einer Durchsage gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus starkmachte. In ihren Zug wurde ein Hakenkreuz geritzt und Passagiere rissen Ausländerwitze. Die Zugchefin mit Migrationsgeschichte ließ sich das nicht bieten. Anastasia wollte gern mit ihr über Zivilcourage sprechen. Die Zugchefin wollte auch. Vorausgesetzt, die Pressestelle mache mit. Doch die hat bis Jahresende »Kapazitätsprobleme«. Vielleicht sind es aber auch nur Priorisierungsprobleme.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Eine Zugchefin der Deutschen Bahn wollte über Rassismus reden. Der Konzern ließ sie nicht
Was heute weniger wichtig ist
Britische Sängerin Olivia Dean: Kritik an Preisgestaltung von wiederverkauften Konzertkarten
Foto: Telmo Pinto / ZUMA Press / IMAGOLive Aid: Die Sängerin Olivia Dean, 26, hatte Ticketplattformen gerügt, weil sie exorbitante Preise für wiederverkaufte Tickets zulassen. Sie bezeichnete das als »ekelhaften Service«. Nun will Ticketmaster die Preise deckeln und Fans Geld erstatten. »Livemusik sollte erschwinglich und zugänglich sein«, so Dean.
Mini-Hohlspiegel
»Euronews«-Nachricht auf msn.de
Cartoon des Tages
Lula da Silva plant Deutschlandbesuch im April: »… doch, doch, wir sind ein lebensfrohes Völkchen …«
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Miriam Wurster / DER SPIEGEL
Und heute Abend?
Ensemble, Regisseure von »Stranger Things«: Nostalgie als Schmiermittel
Foto:Netflix
Könnten Sie die letzte Staffel von »Stranger Things« anschauen, nach »House of Cards« der zweite große Hit von Netflix. Mein Kollege Oliver Kaever findet zwar, die Serie und auch der Streamingkonzern hätten sich im Laufe der Jahre ungut aufgebläht. Die Schauspieler seien buchstäblich aus ihren Rollen herausgewachsen. Mit der Serie ende auch eine Ära: Die wilden Jahre im Streamingbusiness seien vorbei, teure Serien wie »Stranger Things« seien das neue Normal. Ob Oliver recht hat? (Hier lesen Sie seine ganze Rezension. ) Finden Sie es selbst heraus.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts

