1. Same same but different
Alles geht, alles kommt zurück: Der Kalenderspruch-Texter Friedrich Nietzsche hätte jede Redaktionskonferenz zwischen den Jahren gut überstanden. Die ewige Wiederkunft des Gleichen gilt besonders für die Debatten, die nach Weihnachten und vor Silvester die Schlagzeilen beherrschen, jedes Jahr aufs Neue: Sollte Deutschland das Böllern endlich verbieten ? Und sollte es härtere Strafen für Gewalttäter geben, die Feuerwehrleute und Polizisten angreifen?
Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach einer neuen Praxisgebühr. Der Oberarztlobbyist bzw. Arztoberlobbyist Andreas Gassen hat gerade in der »Bild«-Zeitung den Vorschlag ventiliert, dass jede und jeder drei bis vier Euro pro Arztbesuch bezahlen sollte – »wie in Japan«. Fast dasselbe hatte derselbe Mann in derselben Zeitung schon im Juli gesagt. Aber offenbar war das Sommerloch kleiner als die Zwischen-den-Jahren-Themenflaute, sodass der Vorstoß jetzt auf mehr Widerhall stößt (hier mehr dazu).
Mein Kollege Michael Kröger hat die Vorsitzende des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Nicola Buhlinger-Göpfarth gefragt, was sie davon hält, dass Patientinnen und Patienten für Praxisbesuche zahlen. Ihre Antwort ist eindeutig: »Die Erfahrung zeigt, dass solche Regelungen in einem bürokratischen Dickicht enden, durch das niemand mehr hindurchfindet. Genau aus diesen Gründen wurde die Praxisgebühr damals wieder abgeschafft.« Auch das sagt sie nicht zum ersten Mal.
Lesen Sie hier das ganze Interview: 3 bis 4 Euro pro Arztbesuch?
2. Endlos-Mieting
Der Kauf einer Eigentumswohnung in Deutschland ist insgesamt etwas erschwinglicher geworden – aber vor allem in den Metropolen selbst für Besserverdienende nach wie vor ein finanzieller Kraftakt. Nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts IW Köln mussten einkommensstarke deutsche Haushalte zuletzt etwa 29 Prozent ihres Nettoeinkommens ausgeben, um die Wohnung zu finanzieren. »Das lag zwar unter der Schwelle von 35 Prozent des Haushaltseinkommens, ab der Immobilien als unbezahlbar gelten« berichtet mein Kollege Stefan Kaiser aus unserem Wirtschaftsressort. »Doch viel Spielraum bleibt immer noch nicht gegenüber der 30-Prozent-Marke, die viele Verbraucherschützer als sinnvolle Grenze nennen, die man sich setzen sollte.« (Lesen Sie hier mehr.)
In fünf Großstädten ist es demnach besonders schwierig, die Ausgaben für ein Haus oder eine Wohnung zu stemmen – in München, Hamburg, Berlin, Frankfurt und Köln. Unter den sieben größten deutschen Städten ist es im Verhältnis zum Einkommen in Düsseldorf und Stuttgart am wenigsten teuer.
Nach wie vor gilt die Faustregel: Je weiter Käufer sich aufs Land begeben, desto günstiger wird es. In ländlichen Regionen muss ein durchschnittlicher Modellhaushalt demnach im Schnitt 26 Prozent des verfügbaren Nettoeinkommens für die Abzahlung einer Eigentumswohnung ausgeben.
Mehr Hintergründe hier: Wo sich Gutverdiener eine Eigentumswohnung leisten können – und wo nicht
3. Streaming killed the Video Star
»In diesen Tagen geht nicht nur das Jahr zu Ende, sondern eine Ära«, schreibt mein Kollege Jurek Skrobala aus unserem Kulturressort. Denn der Musiksender MTV stellt zum 1. Januar seine Musikformate ein – das, was lange den Kern des Geschäfts ausmachte: MTV sendet hierzulande keine Musikvideos mehr (lesen Sie hier mehr ). Der US-amerikanische Mutterkonzern Paramount Skydance schaltet die internationalen Musikkanäle ab. Das ist, als würde McDonald’s keine Big Macs mehr verkaufen oder Markus Söder aufhören, Fleischfotos zu posten.
Für mehrere Teenager-Kohorten bedeutete der Kabelanschluss, dass sie spätestens nach der Schule MTV einschalteten, um ihre Lieblingshits von Madonna, Michael Jackson, Nirvana, Oasis, Britney Spears oder gar Roxette nicht nur zu hören, sondern in der Heavy-Hot-Rotation wieder und wieder zu sehen. In ihren Dreißigern und Vierzigern konnten diese Ex-Teenager dann beim Pubquiz mit ihrem MTV-Wissen reüssieren: Der erste jemals gespielte Clip? Klar, »Video Killed the Radio Star«. Der am häufigsten gespielte Song? Angeblich »Sledge Hammer« von Peter Gabriel.
So gut wie jede und jeder Angehörige dieser MTV-Kohorten verbindet mindestens eine wichtige Erinnerung mit dem Sender. Mein Kollege Jurek denkt daran, wie er als Kind vor dem Fernseher stand: »Ich strecke eine Hand nach oben und halte in der anderen ein Luftmikrofon: Freddie Mercury als milchbärtige Miniversion.« Für mich ist es der Neid auf einen Schulfreund, der es bei einem Casting schaffte, als Moderator bei MTV anzufangen.
Was ist Ihr MTV-Moment? Schreiben Sie an lageamabend@spiegel.de – eine Auswahl der besten Einsendungen veröffentlichen wir morgen an dieser Stelle.
Mehr zum Ende der MTV-Musikvideos: Hier schließt sich ein Fenster nach Amerika
Was heute sonst noch wichtig ist
Selenskyj bezeichnet russische Vorwürfe als »verdammten Schwachsinn«: Moskau meldet einen Drohnenangriff auf die offizielle Residenz von Kremlchef Putin. Der ukrainische Präsident Selenskyj spricht von einer Lüge. Und einem Vorwand.
Das steckt hinter Chinas Großmanöver um Taiwan: Es ist Pekings Botschaft an vermeintliche »separatistische Kräfte«, mit einem großen Militäraufgebot zeigt China seine Macht. Hier der Überblick zu dem Manöver .
Berliner Stadtmission berichtet von »überwältigender Solidarität«: Am Tag, nachdem in Berlin ein Kältebus für Obdachlose angezündet wurde, hat die Stadtmission bereits Ersatz. Die Ermittlungen der Polizei allerdings dürften schwer werden.
Tumulte nach spektakulärem Einbruch in Gelsenkirchen – Polizei räumt Vorraum der Bank: Die Polizei in Gelsenkirchen ist nach dem Einbruch in einen Tresorraum einer Sparkasse nicht nur mit der Ermittlung der Täter beschäftigt. Beamte haben aufgebrachte Bankkunden aus dem Gebäude entfernt.
Mein Lieblingsvideo heute: Knigge im Imbiss
Bislang hielt mein Kollege Alexander Kühn sich für trittsicher, was Manieren angeht. Beim Besuch eines Kniggekurses lernte er nun einiges dazu. Etwa dass Beilagensalat nicht geschnitten werden darf, es aber statthaft ist, zu Fisch auch mal Rotwein zu bestellen anstatt des üblichen Weißweins. Alex recherchiert, wie sich eine zunehmend gereizte Gesellschaft nach Höflichkeit sehnt (hier mehr dazu ). Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft, Clemens Graf von Hoyos, erklärte Alex, wie man Döner isst, ohne zu kleckern. Beim Praxistest klappte es nicht, der Döner schmeckte trotzdem. »Benimmregeln sind hilfreich. Sie sollten nur nicht zum Gefängnis werden«, sagt Alex.
Hier das Video: Wie isst man einen Döner richtig?
Was heute weniger wichtig ist
Puppy hat gesagt, ich darf das: Die Selbstdarstellerin Kim Kardashian, 45, hat in einer Instagram-Story kundgetan, dass ihre Kinder North, Saint, Chicago und Psalm jeweils einen Hundewelpen zu Weihnachten bekamen. Das bringt ihr nun Kritik ein, wie das US-Magazin »People« berichtet. Demnach kommentiert die Tierrechtsorganisation Peta: »Welpen sind keine Plüschtiere.«
Mini-Hohlspiegel
Warnhinweis auf einem LED-Bewegungsmelder: »Tipps: Das Licht geht tagsüber nicht an, da es aufgeladen wird. Bitte vermeiden Sie nachts direkte Sonneneinstrahlung auf Sonnenkollektoren; andernfalls schätzt der Lichtsensor es als Tag ein und verhindert, dass sich das Licht einschaltet.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Drei Vorschläge:
Sie könnten …
… sich auf das Serienfinale von »Stranger Things« vorbereiten, die allerletzte Folge läuft in wenigen Tagen. Sie könnten vorher das Interview mit dem Schauspieler Finn Wolfhard lesen, das meine Kollegin Anna Ehlebracht geführt hat. Über den letzten Drehtag sagt er: »Jeder fing irgendwann einfach an zu weinen.« (Hier entlang. )
… etwas kochen, vielleicht schnelle Asia-Nudeln mit Spicy Chili Oil (hier das Rezept ).
… anfangen, das Buch »Eden« von Auður Ava Ólafsdóttir zu lesen. Ein Geheimtipp aus diesem Jahr von meiner Kollegin Katharina Stegelmann. Sie findet, es sei »ein meisterhaft übersetzter isländischer Roman, der für das menschliche Miteinander plädiert«. (Hier die Rezension. )
Ihnen einen erholsamen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion




