SpOn 08.10.2026
17:38 Uhr

News des Tages: Koalitionsgespräche in Berlin, lobbyistischer Berater von Lars Klingbeil, ein Puma in Bayern


Berliner Linke, SPD und Grüne einigen sich auf Sondierungsgespräche. Der Finanzminister braucht offenbar Hilfe beim Geldverteilen. Und Bayern fürchtet sich vor einem Puma in freier Wildbahn. Das ist die Lage am Donnerstagabend.

News des Tages: Koalitionsgespräche in Berlin, lobbyistischer Berater von Lars Klingbeil, ein Puma in Bayern

1. Mechanismus gegen Antisemitismus

JU-Chef Winkel

JU-Chef Winkel

Foto:

Jonas Berndt / DER SPIEGEL

Dass Berlin bald von einer Frau mit linkem Parteibuch regiert wird, ist heute ein bisschen wahrscheinlicher geworden. Linke, Grüne und SPD haben ein zentrales Hindernis für den Beginn von Sondierungsgesprächen beseitigt. Mit einem Mechanismus, der bis zum Fraktionsausschluss reichen kann, wollen die Parteien Antisemitismus ahnden (hier mehr dazu).

Dieses Papier hinzubekommen, habe vier Treffen lang gedauert, berichtet Marc Röhlig aus dem SPIEGEL-Hauptstadtbüro: »Die Linke hat sich auf harte Kontrollmechanismen eingelassen.« Das, was Teile der Linken vor allem in Neukölln in der Vergangenheit Seite an Seite mit propalästinensischen Akteuren skandiert haben und im Netz posten, geht laut diesem Papier nicht mehr (lesen Sie hier mehr dazu ). Das zeige, so Marc: »Die Linke will regieren und will beweisen, dass sie sauber ist.«

Nun können Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung beginnen. Aber der Weg dorthin ist noch lang. Bevor die Wahlsiegerin Elif Eralp wirklich Regierende Bürgermeisterin werden kann, müssten gar alle 19.000 Berliner Parteimitglieder in einer Urabstimmung über den Koalitionsvertrag, so er ausgehandelt wird, abstimmen. Dass die Neuköllner Linken das alles geräuschlos mitmachen? »Ausgeschlossen«, sagt Marc.

Und dann gibt es ja noch die Bundespolitik. Der Chef der Jungen Union, Johannes Winkel, sagte im Interview mit den Kollegen Sebastian Fischer und Christian Teevs: »Vizekanzler Lars Klingbeil muss Einfluss nehmen auf seine Berliner Genossen. Wenn er ein Linksbündnis in Berlin nicht verhindert, dann wäre das auch ein Misstrauensvotum gegen unsere Koalition.« (Lesen Sie hier mehr .)


2. Milliardenkuchen mit seltsamem Geschmack

Bundesfinanzminister Klingbeil, Investitionsberater Christ

Bundesfinanzminister Klingbeil, Investitionsberater Christ

Foto: Metodi Popow / picture alliance

Sagt Ihnen der Name Harald Christ etwas? Womöglich nicht. Dabei ist Christ einer der einflussreichsten Männer in der Hauptstadt. Der Investor und Lobbyist hilft dabei, dass seine Kundschaft gute Geschäfte mit dem Staat machen kann, er versorgt sie in ungezwungener Atmosphäre mit besten Kontakten in die Politik. Die Spitzen der Republik kennt Christ persönlich, mit manchen ist er befreundet.

Seit einem Jahr berät Harald Christ den Finanzminister Lars Klingbeil dabei, wie die 500 Milliarden Euro aus dem »Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität« sinnvoll investiert werden sollten (hier mehr dazu ). Womöglich tut er das nicht ganz uneigennützig. Wie meine Kollegen Sven Becker, David Böcking, Kristina Gnirke, Marcel Rosenbach und Gerald Traufetter recherchiert haben, geht manche Million aus dem Sondervermögen auch an ein Projekt der Bundesagentur für Arbeit, an dem das KI-Unternehmen Aleph Alpha beteiligt ist. Zugleich berät Christ das Unternehmen und ist darin auch investiert.

Ein Interessenkonflikt? Sein Medienanwalt weist die »unterstellten Verdächtigungen auf das Schärfste« zurück. Die Frage bleibt trotzdem: Warum lässt sich der Finanzminister bei der Verteilung des Milliardenkuchens von einem Lobbyisten beraten?


3. Ein Puma in Bayern?

Aufnahme eines Pumas in Chile

Aufnahme eines Pumas in Chile

Foto: Jami Tarris / Stone / Getty Images

Mein Sohn ist heute Morgen mit dem Bus in die Schule gefahren statt mit dem Fahrrad. Warum ich Ihnen das erzähle? Wir Bewohner am Stadtrand von München haben Angst. Vor einem Puma! Es klingt unglaublich, aber offenbar streift eine große »Katze unbekannter Art«, so der örtliche Polizeichef, durch ein Naturschutzgebiet nördlich der bayerischen Hauptstadt. (Lesen Sie hier mehr.) Experten tippen auf einen Puma (hier mehr). Dabei sind die Raubtiere in Bayern nicht heimisch. Die Zoos und Zirkusse der Region vermissen angeblich auch kein Mitglied.

Die Polizei Erding riet heute auf einer Pressekonferenz: »Halten Sie kleine Tiere an der Leine. Beobachten Sie die Umwelt aufmerksam und melden Sie sich, wenn Ihnen etwas auffällt.« Am Dienstagabend hatte ein Jäger im Notzingermoos nahe dem Münchner Flughafen das seltsame Tier entdeckt, gefilmt und umgehend die Polizei benachrichtigt. Die hält das Video für authentisch. Es begann eine groß angelegte Suche per Hubschrauber, Drohnen, mit Hunden und Polizeiketten. Bislang ohne Ergebnis.

SPIEGEL-Kollege Jean-Pierre Ziegler hat die gemeinsame Pressekonferenz von Polizei und Landratsamt verfolgt. Er schreibt: »Ein verendetes Reh habe man gefunden, es sei aber wohl von einem Mähdrescher verletzt worden.« Mein Sohn ist inzwischen auch heil aus der Schule zurückgekehrt. Ein komisches Gefühl bleibt. Hoffentlich muss Bayern nicht bald den Löwen im Staatswappen durch einen Puma ersetzen.


Was heute sonst noch wichtig ist


Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Ex-BND-Chef Hanning im Jahr 2015

Ex-BND-Chef Hanning im Jahr 2015

Foto:

Michael Kappeler / dpa

Hannings Baku-Connection: Aserbaidschan versucht seit Jahren, sich deutsche Politiker gefügig zu machen. Auch Ex-BND-Chef August Hanning ließ sich von der Diktatur hofieren – und soll aus vertraulichen Dokumenten ein Dossier erstellt haben .

Was heute weniger wichtig ist

»The Bear«-Star Jeremy Allen White

»The Bear«-Star Jeremy Allen White

Foto: Scott A Garfitt / Invision / AP / dpa

Der US-Schauspieler Jeremy Allen White ist vielen vielleicht bekannt als krisengeplagter Koch aus der Serie »The Bear«. In Aaron Sorkins neuem Facebook-Film »The Social Reckoning« spielt er den Journalisten Jeff Horwitz. Im Film geht es um die Macht sozialer Netzwerke. Ein Thema, das den Schauspieler auch privat beschäftigt. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, die großen Internetkonzerne hätten bereits »unser aller Leben verändert. Sie beanspruchen bereits einen Großteil unserer Zeit und Aufmerksamkeit«. Sein Tipp gegen zu viel Instagram, Facebook oder TikTok? »Ich lösche die App jetzt immer, nachdem ich sie benutzt habe.«


Mini-Hohlspiegel

Aus dem »SeMa Seniorenmagazin Hamburg«: »Das Kunstwerk wird nun gemeinsam mit der jungen Künstlerin im Bestattungshaus aufgehängt«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages: Landtagspräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt

CDU-Stimmen für Rauch? Frei spricht von »Spekulation« Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

CDU-Stimmen für Rauch? Frei spricht von »Spekulation«

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Helena Baumeister / DER SPIEGEL


Und heute Abend?

Nobelpreisträgerin Carson

Nobelpreisträgerin Carson

Foto: Pontus Lundahl / TT / IMAGO

Es ist nicht schön, sich wie der allerletzte Depp zu fühlen. Heute ist es mir im dritten Jahr in Folge passiert. Schon wieder hat die Schwedische Akademie eine Person mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, deren Namen ich noch nie gehört habe. Die Kanadierin Anne Carson wird für ihr Werk geehrt, das unter anderem Titel wie »Irdischer Durst« und »Anthropologie des Wassers« umfasst. Aha. 2025 ging der Preis an den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai . Im Jahr zuvor hatte die Südkoreanerin Han Kang  die Auszeichnung erhalten – »für ihre eindringliche, poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens offenbart«. Da fühlt man sich doch schon beim Lesen der Begründung hohl wie ein Halloweenkürbis.

Ich lese in meiner Freizeit große Mengen an Büchern, schreibe gerade selbst eines (über Jungsmütter, ein sehr »irdisches« Thema) und bekomme als Journalistin viel mit von der »Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens«. Trotzdem schaffen es die Nobelpreis-Juroren jedes Jahr, eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus meinem Bildungsschattenreich zu fischen.

Na gut. Es wäre wahrscheinlich langweilig, jedes Jahr die Person mit der höchsten Literaturauszeichnung der Welt zu beglücken, deren Bücher gerade am Flughafen neben den Toblerone-Pyramiden liegen. Aber könnte man nicht einen Kompromiss finden? Inzwischen bin ich so frustriert, dass ich mich lieber über meine literarische Unbildung aufrege, statt etwas dagegen zu unternehmen.

Hoffentlich geht es Ihnen anders! Falls Sie also heute Abend das Werk der kanadischen Nobelpreisautorin Anne Carson studieren, schreiben Sie mir gern, ob es sich lohnt.

Eine gute Lektüre wünscht

Ihre Anna Clauß, Autorin der Chefredaktion