1. Nächste GroKo im Anmarsch?
Das Brandenburger Bündnis aus SPD und BSW ist zerbrochen. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) erklärte heute das Ende der Zusammenarbeit mit der Wagenknecht-Partei und will nun zunächst mit einer Minderheitsregierung weitermachen, um später auf die CDU zuzugehen. Der Koalitionsbruch folgt auf heftige innerparteiliche Konflikte im BSW, das nach dem Austritt mehrerer Abgeordneter seine Fraktion verlor. Die Abtrünnigen warfen der Parteiführung autoritäres Verhalten und Gesprächsverweigerung vor. Woidke sprach von »toxischem Verhalten« und fehlendem Vertrauen (lesen Sie hier mehr).
Das BSW hat sich als Namenszusatz »Vernunft und Gerechtigkeit« gegeben. Keine Ahnung, wie die Mitglieder ausgerechnet auf diese beiden Vokabeln kamen. »Missgunst und Gehässigkeit« träfe es bei dieser Partei vielleicht eher. Die Wagenknecht-Truppe steckt nach dem Rückzug ihrer Gründerin in einer Krise und verliert bundesweit immer weiter an Bedeutung. Selbst den Talkshows scheint die Litanei von Wagenknecht inzwischen zu eintönig.
In Brandenburg bedauert SPD-Fraktionschef Björn Lüttmann das Ende der Koalition, will aber umgehend Gespräche mit der CDU aufnehmen. Durch den Übertritt von drei Ex-BSW-Abgeordneten zur SPD könnten Sozialdemokraten und Christdemokraten nun eine Mehrheit erreichen.
Die CDU zeigt sich gesprächsbereit, aber ob sie »so leicht anbeißt, ist fraglich«, schreiben meine Kollegin Frauke Böger und mein Kollege Marc Röhlig. Immer, wenn die CDU in der Regierungskoalition war, stellte sie den Innenminister. Das wird diesmal aber schwierig, weil SPD-Mann René Wilke erst seit Mai 2025 im Amt ist.
Die AfD nutzt die Regierungskrise und fordert Neuwahlen. Laut Umfragen liegt sie mit 35 Prozent klar vorn, während die Zustimmung für Woidke deutlich gesunken ist. Das BSW hat sich auch gegründet, um der AfD etwas entgegenzusetzen. Wenn das BSW in Brandenburg so regiert hat, wie es innerparteilich aufgestellt ist, ist es wohl besser, dass es nicht mehr am Ruder ist.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Bündnis Schnell Weg
2. Tauscht Merz nach seinem Büroleiter auch Minister aus?
Jacob Schrot, enger Vertrauter von Bundeskanzler Friedrich Merz, verlässt weniger als ein Jahr nach Regierungsstart seinen Posten als Büroleiter des Kanzlers und Chef des Nationalen Sicherheitsrats. Offiziell geschieht dies »im gegenseitigen Einvernehmen«, Schrot spricht von neuen beruflichen Herausforderungen. In der Union heißt es jedoch, Merz habe handeln müssen – der Unmut in Partei und Fraktion sei zu groß gewesen, teils gezielt gegen Schrot gerichtet (hier mehr dazu).
Kritiker warfen ihm vor, den Zugang zum Kanzler zu stark kontrolliert und Informationsflüsse blockiert zu haben. Zudem galt er als schlecht vernetzt und im Umgang mit Mitarbeitern als ruppig. Persönlich soll das Verhältnis zu Merz intakt sein.
Doch die Lage in der Union ist angespannt: schwache Umfragen, Streit über Rente und Personalentscheidungen, Unzufriedenheit mit Kanzleramtsminister Thorsten Frei und Fraktionschef Jens Spahn, bis auf Innenminister Dobrindt farblose Unionsministerinnen und -minister. Angesichts wachsender Unruhe erscheint mittlerweile sogar eine Kabinettsumbildung nicht mehr ausgeschlossen, analysieren meine Kollegen Konstantin von Hammerstein, Paul-Anton Krüger, Jonas Schaible und Christian Teevs. Merz stehe vor der Frage, ob Schrots Abgang reicht, um Stabilität und Vertrauen zurückzugewinnen – oder ob ein größerer Befreiungsschlag nötig ist. »Ruhe kehrt nach Schrots Abgang erst einmal nicht ein«, so ihr Resümee.
Lesen Sie hier mehr: Ist der Merz-Büroleiter nur der Erste, der gehen muss?
3. Schweizer Stur-Werk
Nach dem verheerenden Brand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana mit 40 Toten und 116 Verletzten hat Gemeindepräsident Nicolas Féraud eingeräumt, dass das Lokal zuletzt 2019 kontrolliert wurde – und damit sechs Jahre lang ohne Überprüfung blieb. Frühere Aussagen, dass es jährlich oder zweijährlich Kontrollen gegeben habe, widerrief er: Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass diese unterblieben seien.
Warum die Kontrollen ausgesetzt wurden, ist unklar; das Dämmmaterial sei bei der letzten Prüfung kein Thema gewesen. Die Gemeinde übergab am Samstag Unterlagen an die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis, die nun ermittelt. Ein externes Büro soll alle öffentlichen Betriebe auf Sicherheitsmängel prüfen. Zudem ist Pyrotechnik in geschlossenen Räumen vorerst verboten.
Auf eine SPIEGEL-Anfrage zur Kontrollpraxis reagierte Féraud scharf: »Wer sind Sie, so etwas zu verlangen!«, fragte Féraud meinen Kollegen Serafin Reiber und verwies auf die Kantonspolizei (lesen Sie hier den Kommentar dazu ). Der Brand war laut Ermittlungen durch Funken von Champagner-Fontänen entzündet worden, die den Akustikschaum an der Decke in Brand setzten. Féraud schloss persönliche Verbindungen zu den Barbetreibern und einen Rücktritt aus: »Man verlässt das Schiff nicht im Sturm«, sagte er.
Was heute sonst noch wichtig ist
Sieben europäische Länder stellen sich hinter Grönland und Dänemark: Greift die Trump-Regierung ernsthaft nach Grönland? Nach den jüngsten alarmierenden Äußerungen aus Washington reagieren mehrere europäische Staaten mit einer klaren Ansage. Auch Deutschland.
Selenskyj holt Kanadas ehemalige Außen- und Finanzministerin in sein Beraterteam: Eine frühere kanadische Spitzenpolitikerin soll Wolodymyr Selenskyj beim wirtschaftlichen Wiederaufbau der Ukraine beraten. Dafür gibt Chrystia Freeland ihre bisherige Rolle in ihrer Heimat auf.
Markus Söders lange Wunschliste: Am Anfang der CSU-Klausur im Kloster Seeon stehen Forderungen: Markus Söder will Reformen. Außerdem Reformen vorziehen. Dazu Reformen, die wehtun. Und den Führerschein ab 16.
Kälte und Schnee haben weite Teile Europas im Griff: In Großbritannien fallen Flüge aus, in Dänemark droht ein Schneesturm: Viele Länder Europas sind noch immer eisiger Kälte ausgesetzt, sogar in Spanien gibt es Frost. Milde Temperaturen herrschen hingegen in Bulgarien.
Meine Lieblingsgeschichte: Scheinheilige Könige
In Krippen stehen Caspar, Melchior und Balthasar bei Jesus, heute sammeln Kinder mit Kronen Geld für den guten Zweck. Das Problem: Die Bibel verliert kein Wort über die Heiligen Drei Könige. Mein Kollege Florian Pütz hat sich auf Spurensuche begeben, was es mit dem Feiertag auf sich hat. Schlimmer Verdacht: Er könnte ein reines Hirngespinst sein. Irgendwelche Theologen könnten aus den Sternendeutern vor Jahrhunderten einfach Könige gemacht haben. Theologieprofessor Martin Kirschner von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sagte Florian, man könne nicht »alle Bibeltexte eins zu eins in historische Wahrheit übersetzen«. Biblische Texte und Traditionen seien voller Symbole. Die Könige also nur ein Symbol. Der ganze Kölner Dom fußt auf diesem Symbol. Der wird wahrscheinlich jetzt nicht abgerissen, aber die FDP müsste vielleicht darüber nachdenken, ihr Dreikönigstreffen umzubenennen.
Darstellung der Heiligen Drei Könige (in der Kathedrale Notre-Dame in Paris)
Foto: Peter Schickert / IMAGOLesen Sie hier die ganze Geschichte: Haben sich Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen-Anhalt einen Feiertag erschlichen?
Was heute weniger wichtig ist
»Männer!«: Auf ein Treffen im Kanzleramt hatte er keine Lust. Jetzt erzählt Herbert Grönemeyer, 69, warum er die frühere Regierungschefin Angela Merkel kritisch sieht. »Frau Merkel hat 16 Jahre nie kommuniziert, außer dass sie einmal den Satz gesagt hat: ›Wir schaffen das.‹ Danach wurde nicht mehr kommuniziert, und das kann man mit einer Gesellschaft nicht machen.«
Mini-Hohlspiegel
Die »Saarbrücker Zeitung« über einen Vorfall mit einem Betrunkenen in einer Metzgerei in Schwäbisch Hall (Bad.-Württ.): »Der 28-Jährige war wohl aus einem Fenster eines angrenzenden Lokals in den Innenhof der Metzgerei gefallen. Er verschaffte sich Zutritt und aß laut Polizei Würste, bevor er sie alarmierte.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Könnten Sie die irische Krimiserie »Boglands« anschauen. Die sechs Folgen sind schon in der Arte-Mediathek zu finden, die TV-Ausstrahlung beginnt am 8. Januar. Mein Kollege Oliver Kaever findet die knorrigen Charaktere und die Geheimnisse, die im Lauf der sechs Folgen ans Licht kommen, erstaunlich unterhaltsam. Außerdem mache die dramatische Bühne der irischen Landschaft aus »Boglands« in jedem Fall einen umwerfenden Naturfilm. Hier lesen Sie die ganze Rezension.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts




