SpOn 10.02.2026
17:18 Uhr

News des Tages: Gesundheitskosten, Schwärzungen in Akten über Jeffrey Epstein, Studie zu sexueller Gewalt


Die Koalition streitet über die Gesundheitskosten, US-Politiker beklagen, das Justizministerium habe mächtige Männer im Epstein-Skandal gedeckt, und eine Studie zeigt das Ausmaß sexueller Belästigung. Das ist die Lage am Dienstagabend.

News des Tages: Gesundheitskosten, Schwärzungen in Akten über Jeffrey Epstein, Studie zu sexueller Gewalt
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1. Neuer Klassenk(r)ampf

Die SPD will die Kosten für Gesundheit und Pflege künftig breiter finanzieren und auch Kapitalerträge in die Beitragsbasis einbeziehen. Was Bundeskanzler Olaf Scholz 2025 noch als »alten Hut« abtat, steht nun in einem Beschlusspapier der Sozialdemokraten. Die Union lehnt das ab. Die CDU-Politikerin Simone Borchardt spricht von »neuen Belastungen«, Gesundheitsministerin Nina Warken und Generalsekretär Carsten Linnemann lehnen den Vorschlag ebenfalls ab.

Doch wer Linnemann beobachtete, als er den SPD-Vorstoß pflichtgemäß abtat, wurde den Eindruck nicht los, dass er gar nicht recht verstand, worüber er da gerade redet. Linnemann schürte die Angst, es gehe vor allem um Mieteinnahmen der kleinen Leute, die mit der Mini-Einliegerwohnung ja nur »vorsorgen«. Und dann sage man denen, »sorry, die Planungssicherheit ist nicht mehr da, wir verbeitragen auch eure Vorsorge. Das halte ich nicht für den richtigen Weg«, so Linnemann.

Das Papier der SPD-Sozialstaatskommission umfasst nur 79 Wörter. Bleibt das bisherige System bestehen, könnten die Sozialabgaben bis 2050 auf über 50 Prozent steigen. Kritiker sehen in der SPD-Idee zwar keinen Anreiz, im Gesundheitswesen mehr zu sparen. Doch sie würde die Last immerhin gerechter verteilen, da bisher allein Beschäftigte und Rentner zahlen. Mein Kollege Florian Diekmann argumentiert, »die demografisch unvermeidlichen Kostensteigerungen künftig weiterhin allein dem Faktor Arbeit aufzubürden, würde die Wettbewerbsfähigkeit weiter schwächen«. Wieso Eigentümer von Mehrfamilienhäusern oder die Dividenden von Unternehmenserben verschont bleiben sollen, »leuchtet kaum ein«, so Florian.

Ministerin Warken dagegen will stattdessen gesetzlich Versicherte nicht länger für Bürgergeldempfänger zahlen und deren Krankenkassenbeiträge lieber aus Steuermitteln bezahlen lassen (hier mehr dazu). Für Florian nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver: Das hätte man schon vor ein paar Monaten haben können, als der Koalitionsvertrag verhandelt wurde. Allein, es fehlte dafür das Geld im Haushalt.


2. Schwarze Schafe

»Hört auf, Namen zu schwärzen, die nicht geschwärzt werden müssen«, sagte Marina Lacerda, als der erste Schwung der Epstein-Files im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Lacerda war 14, als Epstein sie ab 2002 drei Jahre lang missbrauchte. Offenbar ahnte sie, dass durch Schwärzungen in den Millionen Dokumenten nicht nur Opfer wie sie geschützt werden sollen, sondern womöglich auch manch einer der Täter.

Lacerdas Vorahnung erweist sich heute wohl als Realität. US-Abgeordnete haben erstmals ungeschwärzte Teile der Epstein-Akten im US-Justizministerium eingesehen und erheben nun schwere Vorwürfe gegen die Behörde. Zwar konnten sie das Material nur zwei Stunden lang auf vier Rechnern durchsuchen, doch beanstanden sie zahlreiche unrechtmäßige Schwärzungen. Besonders stieß ihnen auf, dass mindestens sechs Männer, die mutmaßlich belastet werden, anonym blieben.

Vizejustizminister Todd Blanche hatte erklärt, nur Opfer zu schützen, Täter hingegen nicht. Doch laut den Abgeordneten zeigt sich das Gegenteil: Fotos und Namen männlicher Beteiligter seien geschwärzt, Opfer hingegen teils erkennbar. Unter den geschützten Personen sollen sich auch internationale Persönlichkeiten befinden. Ghislaine Maxwell, Epsteins inhaftierte Vertraute, verweigerte vor dem Repräsentantenhaus die Aussage und verlangt eine Begnadigung durch Trump. International hat der Fall große politische Folgen, in den USA bleiben Konsequenzen bislang aus. Die Abgeordneten verlangen nun vollständige Offenlegung der Akten.

Hoffentlich dann mit den richtigen Schwärzungen. Und selbst das ist keine Garantie: Im Dezember hatten Nutzer öffentlich gemacht, wie sich Schwärzungen technisch umgehen ließen. Sie hätten demnach geschwärzte Textstellen kopiert und sie in ein anderes Dokument eingefügt. Dadurch sei der ursprünglich verdeckte Text sichtbar geworden.


3. Tabulose Deutsche

Fast die Hälfte der Frauen zwischen 18 und 24 Jahren hat in den vergangenen fünf Jahren sexuelle Belästigung mit Körperkontakt erlebt, doch nur etwa zwei Prozent erstatteten Anzeige. Das zeigt die neue Dunkelfeldstudie »LeSuBiA« zur Gewaltbetroffenheit, über die meine Kolleginnen Sophie Burkhart, Juliane Löffler und Rina Wilkin berichten.

Die Studie erfasst erstmals seit 2004 auch Gewaltformen, die in keiner Kriminalstatistik auftauchen, nämlich digitale Gewalt. Im weiteren Sinne versteht man darunter psychische Gewalt. Jede fünfte Frau und jeder siebte Mann waren betroffen, sechs Prozent erlebten Delikte wie die Veröffentlichung intimer Fotos. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind Menschen mit Migrationsgeschichte und LGBTIQ-Personen. Es trifft auch Prominente wie Nadine Breaty. Sie zählt zu Deutschlands größten TikTok-Stars. Von ihr tauchen zunehmend Fake-Nacktbilder und KI-generierte Pornos auf. »Menschen haben mich nach meinem Account auf der Erotikplattform OnlyFans gefragt«, so Breaty im Interview mit meinem Kollegen Pascal Mühle. »Dabei mache ich gar keinen Erotik-Content.« (hier das ganze Interview )

Für die »LeSuBiA«-Studie wurden rund 15.000 Menschen befragt. Psychische Gewalt trifft Frauen und Männer ähnlich häufig (rund 23 Prozent). Bei sexueller Belästigung gibt es deutliche Unterschiede: 41 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer berichten über körperliche Übergriffe. 17,8 Prozent der Frauen erlebten sexuelle Übergriffe, meist in Beziehungen.

Mehr als jede zwanzigste Frau berichtet, schon vergewaltigt worden zu sein, doch nur drei Prozent zeigten dies an. Expertinnen machen mangelndes Vertrauen in Behörden verantwortlich. Die Studie soll Grundlage für künftige Schutzstrategien sein.


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Macron erwartet neue Spannungen mit Trump – »Europa muss Grönland-Moment nutzen«: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ruft die Europäer zu einer entschlosseneren Haltung gegenüber den USA auf. »Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt

  • Krankheitsfälle nach Luxushotel-Aufenthalt – TUI wird von britischen Urlaubern verklagt: Unsachgemäß zubereitete Speisen, streunende Hunde und von Kakerlaken befallene Zimmer: Hunderte Briten sollen nach einem Urlaub in einem Hotel auf den Kapverden krank geworden sein. Sie fordern vom Reisekonzern TUI nun Schadensersatz.

  • Dieser Vierbeiner war einer der ersten Pflanzenfresser: Forschende haben den versteinerten Schädel eines Mikrosauriers aus dem Karbon-Zeitalter analysiert und dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Die Kreatur konnte offenbar Pflanzen kauen.


Mein Lieblings-Liveblog: Sie will doch nur Spiele

Foto: Lisi Niesner / REUTERS

Skirennläuferin Emma Aicher gewann heute mit Kira Weidle-Winkelmann Silber in der Team-Kombination, ihre zweite Silbermedaille der laufenden Olympischen Winterspiele, die dritte insgesamt. Sie holte auch mit dem Team vor vier Jahren schon Silber. Ein wenig bitter: Wieder verpasst sie Gold ganz knapp. Am Sonntag bei der Abfahrt um 0,04 Sekunden, heute um 0,05. Das alles können Sie im SPIEGEL-Olympialiveblog nachlesen, der Sie über alles informiert, was gerade in Mailand und Cortina d’Ampezzo passiert. Darin finden Sie auch das verlinkte Porträt der niederländischen Eisschnellläuferin Jutta Leerdam, der »schillerndsten Figur der Spiele« (hier der ganze Text ) und natürlich viele weitere Leseempfehlungen.


Was heute weniger wichtig ist

Foto: Jordan Strauss / Invision / dpa

Insta gram?: Direkt im Anschluss an die Halbzeitshow des Super Bowl hat der Latin-Superstar Bad Bunny, 31, sämtliche Beiträge auf seinem Instagram-Profil gelöscht und damit für Verwunderung und Spekulationen gesorgt. Schon Anfang 2023 hatte er sein Profil vorübergehend auf privat umgestellt, nachdem er angekündigt hatte, eine Pause von der Öffentlichkeit zu nehmen. Sein Auftritt beim Super Bowl versetzte Präsident Donald Trump in Rage. Dieser bezeichnete die Halbzeitshow als »eine der schlechtesten«, die er je gesehen habe.


Mini-Hohlspiegel

Aus der »Oberhessischen Zeitung«

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Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Thomas Plaßmann


Und heute Abend?

Foto: Janko Tietz / Der Spiegel

Machen Sie sich doch einfach einen leckeren Drink zu Hause. Ob alkoholfreier Cocktail oder Sommerspritz in Vorfreude. Meiden Sie jedenfalls Bars, denn dort laufen Sie Gefahr, dass die Betreiber den Ausspruch »ein guter Tropfen« allzu wörtlich nehmen.

Ich war am Samstag in einer und habe einen alkoholfreien Virgin Basil Smash bestellt. Bekommen habe ich einen Eisblock, benetzt mit einer Flüssigkeit, die mit viel Fantasie nach Basilikum und Zitrone schmeckte. Wahrscheinlich wurde der Eiswürfel von einem der wenigen verbliebenen Gletscher in der Schweiz vom Barbetreiber persönlich mit der Hand herausgemeißelt und zu Fuß nach Hamburg getragen – nur so ließ sich der Preis von 13 Euro offenbar rechtfertigen.

Wie ein guter alkoholfreier Cocktail auch zu Hause gelingt, können Sie hier nachlesen .

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Abend (ich habe Elternabend …). Herzlich

Ihr

Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts