1. Bäm! Ex-Prinz Andrew wurde festgenommen
»Bäm! Endlich!« schrieb mir eine Freundin, als die Nachricht heute raus war: Ex-Prinz Andrew ist an seinem 66. Geburtstag von der britischen Polizei festgenommen worden. Da lief im SPIEGEL schon der Liveticker zum Thema. (Lesen Sie hier alles Wichtige im Live-Update.) Die lautmalerische Reaktion symbolisiert den Druck, der auf dem Fall lastet: Immer mehr Hintergründe werden bekannt – und doch hatte sich schon länger eine Art Ohnmacht breitgemacht. Und jetzt das: Polizeifahrzeuge auf einem Anwesen des britischen Königshauses. »Wann hat man das zuletzt gesehen?«, fragt unser London-Korrespondent Christoph Giesen in seiner Analyse : Das letzte ranghohe Mitglied der britischen Königsfamilie, das festgenommen wurde, sei König Charles I. gewesen. Das war im 17. Jahrhundert.
Der aktuelle König, Charles III., beobachtet die Nachrichten denn auch »mit größter Sorge« – und gibt doch Prokura: Das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen. Die Geschwister von Virginia Giuffre, eines mutmaßlichen Andrew-Missbrauchsopfers, danken hingegen schon öffentlich der Polizei.
Andrew wird nun vorgeworfen, in seiner früheren Rolle als Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente an Epstein weitergeleitet zu haben. Britische Medien hatten in den neuen Akten E-Mails entdeckt, die diesen Verdacht nahelegen. Ob sich Andrew damit selbst strafbar gemacht haben könnte, war bisher unklar. Nun aber scheint sich die Polizei sicher zu sein – und nahm ihn mit.
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2. Familienbande bei der AfD: Schöne neue Clankultur
Die AfD kommt nicht zur Ruhe. Einstufungen als »gesichert rechtsextremistisch« nimmt sie oft erstaunlich gelassen hin – diesmal aber wächst in der Partei offenbar tatsächlich die Sorge, dass es politisch wehtun könnte. Der Grund: Die Vetternwirtschaft in Landesverbänden hat absurde Züge angenommen. Auslöser sind immer neue Berichte über interne Seilschaften und Gefälligkeiten – von der Beschäftigung von Familienangehörigen in Abgeordnetenbüros bis zu mutmaßlichen Absprachen. Das Thema betrifft längst nicht mehr nur Sachsen-Anhalt; inzwischen steht neben anderen Bundesländern auch NRW im Fokus.
In den sozialen Medien wird das teils noch wegdiskutiert: Nicht »Bereicherungsabsicht« sei das Problem, heißt es dort, sondern der Mangel an gut ausgebildeten wissenschaftlichen Mitarbeitenden. Treffender wirkt da eher die nüchterne Feststellung: Blut ist dicker als Arbeitsverträge. Das verrückteste Beispiel: Der Ehemann einer Mittachtzigerin soll seine Frau nicht allzu lang allein zu Hause lassen können. Also bekam sie eine Anstellung.
Wer wie die AfD besonders laut »Altparteien-Filz« anprangert, steht bei jedem neuen Verwandtschaftsfund unter dem Verdacht, genau das nachzubauen, was sie angeblich bekämpfen will. Und dem SPIEGEL liegen viele Belege vor . Unter anderem über eine »Allianz« aus Niedersachsen, eine »reine Macht- und Gelderhaltungsmaschine«. Wie meine Kollegin Ann-Katrin Müller die Stimmung beschreibt, wachse nun die Wut und der Druck auf die Parteispitze um Tino Chrupalla und Alice Weidel.
Inzwischen hat auch Bundeskanzler Friedrich Merz, der morgen beim CDU-Parteitag auf eine Wiederwahl als Parteichef setzt, diese Steilvorlage der AfD angenommen – und kündigt Konsequenzen an: »Ich würde uns eine gesetzliche Regelung gern ersparen. Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs werden wir aber möglicherweise nicht darum herumkommen.«
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3. Viertagewoche als Erfolgsmodell: Was bringt Mehrarbeit wirklich?
Kaum eine Debatte hat zuletzt so zuverlässig die Betriebstemperatur erhöht wie die um die angeblich »faulen Deutschen« – ein Vorwurf von Kanzler Merz, der sich erstaunlich gut eignet, um Talkshows zu füttern und Kommentarspalten zu füllen. Und auch CSU-Chef Markus Söder stieg sofort ein: Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche, das sei doch wirklich nicht zu viel verlangt. Seitdem wird gerungen um die große Frage: Müssen wir nur länger schuften, damit Deutschland wieder nach vorn kommt?
Das viele Gerede bekommt nun allerdings etwas, das in solchen Debatten selten ist: eine robuste wissenschaftliche Basis. In Deutschland wurde die Viertagewoche die vergangenen zwei Jahre getestet . Mein Kollege Florian Gontek hat mit der Leiterin der Studie, Transformationsforscherin Julia Backmann, und Carsten Meier gesprochen, der die Studie initiiert hat. Sie begleiteten 45 Organisationen aus ganz unterschiedlichen Branchen – von Beratungsunternehmen und IT-Firmen über Handwerksbetriebe bis zu Kindertagesstätten. Ein Teil der Beschäftigten reduzierte die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, während eine Kontrollgruppe normal weiterarbeitete.
Das Ergebnis ist – freundlich gesagt – ungünstig für alle, die Produktivität wie einen Lichtschalter behandeln: mehr Stunden an = mehr Output. Arbeitszeit taugt nur begrenzt als Maß für Leistung oder Wachstum. Man kann sogar noch weitergehen: Die Mitarbeitenden mit reduzierter Arbeitszeit nahmen sich selbst als effizienter wahr. Und auf Organisationsebene berichten 74 Prozent von Verbesserungen bei Innovation und Kreativität – keine Organisation meldet eine Verschlechterung.
Vielleicht geht es bei der Forderung doch nicht um Leistung, sondern ganz schlicht um ein Mittel zur Kostensenkung: Stellenabbau. Darüber müsste man aber ganz anders diskutieren.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: So gut ist die Viertagewoche wirklich
Was heute sonst noch wichtig ist
Trump bezeichnet Glyphosat als entscheidend für die nationale Sicherheit: Glyphosat ist ein Reizwort, Tausende US-Klagen setzen dem Hersteller Bayer seit Jahren zu. Das Weiße Haus stuft den Unkrautvernichter nun als unentbehrlich für die nationale Sicherheit ein.
Airbus beschwert sich über Lieferverzögerung bei A320-Triebwerken: Nach Qualitätsproblemen im Vorjahr will Airbus 2026 mehr Jets ausliefern als je zuvor. Könnte sein, dass der Flugzeughersteller die Rechnung ohne einen wichtigen Zulieferer macht.
US-Regierung entwickelt offenbar Portal gegen EU-Netzsperren: Die USA arbeiten laut einem Bericht an einem neuen Onlineportal. Darüber sollen Menschen in Europa und anderswo offenbar bald auf Inhalte zugreifen können, die in ihren Ländern eigentlich gesperrt sind.
Deutsche Welle muss 21 Millionen Euro sparen: Der Auslandssender Deutsche Welle muss sein Programm reduzieren. Wegen der Kürzung von Bundeszuschüssen wird unter anderem das Angebot auf Griechisch eingestellt. Kündigungen seien aber nicht geplant.
Meine Lieblingsgeschichte heute:
Mietshaus in der Oranienstraße: »Besonderes wohnungspolitisches Projekt«
Foto:Robin Hinsch / DER SPIEGEL
Als publik wurde, was sich mutmaßlich seit den Neunzigerjahren rund um ein Haus in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg abgespielt hat, war das nicht einfach nur ein weiterer Berliner Immobilienskandal. Es war ein Lehrstück über Doppelmoral.
Denn laut Recherchen unter anderem vom SPIEGEL beantragte eine Gruppe prominenter, heute zumeist ehemaliger Journalistinnen und Journalisten Fördergeld in Millionenhöhe für ein angebliches »Selbsthelferprojekt«. Die Idee klang wie aus dem sozialpolitischen Bilderbuch: Wohnraum schaffen, und zwar für sich selbst und für Bedürftige. Von diesem Versprechen aber soll am Ende vor allem eines übrig geblieben sein: Betrug.
Das Land Berlin klagte auf Rückzahlung – und hat nun per Vergleich am Verwaltungsgericht erreicht, dass die Fördermittel für das Haus vollständig zurückfließen. Insgesamt sollen die Eigentümer rund 3,145 Millionen Euro zahlen.
Besonders bitter ist dieses Drama, weil es nicht um irgendein abstraktes Förderprogramm geht. Es geht um Wohnungen, also um das, was in Berlin (und längst auch in München, Köln, Hamburg) zum größten sozialen Stressfaktor geworden ist. Verstörend ist außerdem, was sich nicht nur an diesem Fall zeigt, sondern auch die Erfahrung lehrt: Das Problem sind nicht nur die großen, anonymen Player. Es sind auch jene, die früh drin waren, vom Boom profitiert haben – und jetzt den Hals nicht vollkriegen.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Prominente Journalisten müssen 3,1 Millionen Euro an das Land Berlin zurückzahlen
Was heute weniger wichtig ist
Schauspielerin Seyfried: »Dann sollte der Film besser ein Hit werden«
Foto: Lexie Moreland / WWD / Getty ImagesLorbeeren ohne Leistung? Amanda Seyfried, 40, spielt in dem Überraschungshit »The Housemaid«, mehr als 300 Millionen Dollar hat der Film bisher eingespielt, eine Hauptrolle – und war als ausführende Produzentin eingebunden. Sie selbst wusste davon aber offenbar zunächst nichts: »Ich habe überhaupt nichts zu dem Film beigetragen«.
Mini-Hohlspiegel
Straßenschild in Erfurt
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages: Das Bewerbungsgespräch
»Was unterscheidet Sie von anderen Bewerbern?« – »Meine Angelausflüge mit dir, Onkel Rudi!« Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Miriam Wurster / DER SPIEGEL
Und heute Abend?
Olympia neigt sich langsam dem Ende zu – und wir Deutschen übertreiben es mal wieder mit dem Trübsinn über den Medaillenspiegel. Es gibt einen Sport, da hat es uns auch erwischt: Eishockey! Es war ein Debakel bei den Männern im Viertelfinale. Auch die Frauen haben die Sensation verpasst und scheiterten gegen Kanada. Doch heute Abend sollte mal die Neugierde auf große Sportler und ihre außergewöhnlichen Geschichten über den ollen Sportpatriotismus siegen. Es läuft nämlich Laila Edwards für die USA gegen Kanada bei den Frauen im Finale auf. Und sie schreibt auf besondere Weise Geschichte.
Edwards ist die erste schwarze Eishockeynationalspielerin der USA. »Auch wenn die Hautfarbe im Eishockey irgendwann vielleicht keine Nachricht mehr sein wird – noch ist sie eine«, schreibt mein Kollege Florian Haupt in seinem Porträt . Er findet viele Gründe, dass kein anderer großer Profisport in Nordamerika so lange weiß blieb. Einer aber ist, erzählt das Porträt, das konservative Milieu des Sports. Umso erwähnenswerter ist noch eine kleine Geschichte zum Finale heute Abend, die dem etwas entgegenstellt. Edwards’ Teamkollegin Hilary Knight machte ihrer Partnerin, der Eisschnellläuferin Brittany Bowe, bei Olympia einen Heiratsantrag – und teilte den Moment später auf Instagram. Und so kämpfen Edwards und Knight heute Abend gemeinsam um Gold – und irgendwie auch für eine USA der Toleranz und Vielfalt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Swantje Karich, Redakteurin im Ressort Meinung und Debatte




