1. Wenn auch wenig in Deutschland funktioniert – die Reflexe schon
Häuser in Baden-Württemberg: Die Lage entscheidet maßgeblich über den Wert
Foto: Silas Stein / IMAGOMit ihren Vorschlägen für eine Reform der Erbschaftsteuer hat die SPD eine Debatte angestoßen, die ihren Koalitionspartner in der Bundesregierung reflexartig auf die Palme bringt (hier mehr dazu). Und man fragt sich, warum eigentlich? Schlimmer Verdacht: Macht die Union etwa Klientelpolitik?
Ein großer Teil der Vermögen in Deutschland wird nicht erarbeitet, sondern vererbt. Und diese Erben werden bislang nur relativ schwach besteuert (hier mehr dazu ). So nahm der Staat im Jahr 2022 rund 895 Milliarden Euro Steuern ein. Davon entfielen aber nur etwa neun Milliarden auf die Erbschaftsteuer – und das, obwohl Schätzungen zufolge jährlich etwa 300 bis 400 Milliarden Euro vererbt werden.
Nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2021 erben die meisten Deutschen entweder gar nichts oder sogar Schulden. Nur zehn Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen 15 Jahren etwas vererbt oder geschenkt bekommen zu haben. Die Folge: Vermögen konzentriert sich auf einige wenige, die Ungleichheit wächst. Dagegen will die SPD etwas tun, zumal die möglichen Mehreinnahmen durch die Ländersteuer in Schulen, Kitas und Hochschulen fließen könnten.
Wirtschaft und Lobbyverbände brandmarken die Erbschaftsteuer als »Neidsteuer«, sehen »überflüssige Belastungen«, »toxische Ideen«, die Union geißelt die SPD-Pläne als leistungsfeindlich. Dabei können insbesondere Unternehmensvermögen durch Sonderregeln häufig weitgehend steuerfrei übertragen werden, auch die SPD will einen Freibetrag von fünf Millionen Euro beibehalten. Vielleicht lesen die Kritiker der Sozialdemokraten einfach mal Urteile des Bundesverfassungsgerichts durch, wonach das Erbschaftsteuerrecht dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht. Oder gleich das Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.«
Lesen Sie hier mehr: So hoch sind die Steuern, wenn Sie Ihr Haus vererben
2. Anmerkung der Redaktion
Ein satirisches Gedicht im Mitarbeitermagazin des Auswärtigen Amts (»internAA«, Heft 1/26) sorgt für Unruhe unter Diplomaten. Das Werk mit dem Titel »Ken & Barbie« wird als Spott über Ex-Außenministerin Annalena Baerbock und Ex-Vizekanzler Robert Habeck (beide Grüne) gelesen. Es verhöhnt Baerbocks feministische Außenpolitik, internationale Auftritte und den Abgang nach New York (»Das Volk frohlockt, nun ist sie verbannt«) sowie Habeck als philosophischen, aber wirkungslosen Politiker (»Heizung aus, Pullover an, viel Philosophie, wenig Wirkung«). Der »grüne Baum«, der seinen Weg verliere, gilt als Anspielung auf die Grünen.
Die Hintergründe sind unklar; unter dem Text steht das Kürzel »SIGGIG«. Herausgeber des Hefts ist das Auswärtige Amt, das erklärte, die Redaktion treffe ihre Entscheidungen unabhängig. In der digitalen Version wurde das Gedicht inzwischen gelöscht. Stattdessen steht dort nun: »Uns ist hier ein unschöner Fehler passiert… Die Redaktion hatte bereits im Juni 2025 entschieden, es nicht zu veröffentlichen.«
Warum es dennoch erschien, hat mein Kollege Christoph Schult recherchiert. (Hier mehr dazu. ) Er ist seit Langem Kenner des AA. Demnach rief die Redaktion auf, eine Ausgabe jenen Diplomaten zu widmen, die sich auch als »LiterAAten« betätigen. Siegfried Geilhausen, stellvertretender deutscher Konsul in Temeswar, Rumänien, fühlte sich angesprochen und reichte das Gedicht ein. Baerbock hatte in Teilen der Belegschaft nicht nur Freunde, der Autor steht also mit seiner Meinung nicht allein, glaubt Christoph. »Die Veröffentlichung halten aber viele trotzdem für falsch, da das Gedicht dichterisch auf dem Niveau eines mittelmäßigen Geburtstagsgedichts liegt.«
Im Haus rätseln alle, wie das Gedicht veröffentlicht werden konnte, obwohl es im vergangenen Jahr von der Redaktion abgelehnt wurde. Aufklären könnte es nur die Redaktionsleiterin, aber die erhielt vom Pressereferat keine Freigabe, mit dem SPIEGEL zu sprechen.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Wer war das?
3. Blockbuster mit zu vielen Protagonisten
Im Fall der entführten Kinder der Unternehmerin Christina Block muss ich gestehen, etwas den Überblick verloren zu haben. Der heutige Tag dürfte das Problem eher noch vergrößern, denn es trat eine weitere Person auf, die es einzusortieren gilt. Mit Keren T. trat eine weitere Hauptverdächtige vor die Staatsanwaltschaft Hamburg. Die Israelin war laut Anklage rechte Hand von David Barkay und mutmaßliche Mitplanerin der Tat. Nach fast zweijähriger internationaler Fahndung wurde sie im Januar 2026 vernommen, wie Richterin Isabel Hildebrandt bestätigte. Blocks Kinder waren in der Silvesternacht 2023/24 ihrem Vater entrissen worden. Mindestens acht Israelis sollen beteiligt gewesen sein, beauftragt angeblich von Block, die dies bestreitet.
Seit Juli 2025 läuft der Prozess vor dem Landgericht Hamburg. Neben Block ist ihr Partner, Ex-Moderator Gerhard Delling, wegen Beihilfe angeklagt. Bisher steht nur Tal S. vor Gericht, der 2024 auf Zypern festgenommen wurde und gestand, den Vater überwältigt zu haben, in dem Glauben, rechtmäßig zu handeln.
Parallel wird gegen weitere Tatverdächtige ermittelt. Barkay hatte im November bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt und dafür freies Geleit erhalten. Kurz darauf wurden auch Said B. und Thach K. vernommen; sie könnten ebenso wie Keren T. als Zeugen auftreten. Nach SPIEGEL-Informationen belasten ihre Aussagen Block und den Vertrauensanwalt Andreas C. schwer. Blocks Verteidigung weist die Vorwürfe zurück und zieht die Glaubwürdigkeit Barkays in Zweifel.
Wenn es Ihnen geht wie mir und Sie nicht mehr recht durchblicken: Mehrere namhafte Produzenten denken offenbar über eine filmische Umsetzung des Entführungsdramas nach. Maria Furtwängler wird als Mutter Block gehandelt.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Weitere mutmaßliche Haupttäterin im Fall der entführten Block-Kinder sagt aus
Was heute sonst noch wichtig ist
Trump ruft iranische Demonstranten zum Umsturz auf – »Hilfe ist auf dem Weg«: US-Präsident Donald Trump verschärft den Druck auf das Regime in Teheran. Gespräche mit iranischen Regierungsvertretern hat er nach eigenen Angaben abgesagt. Den Demonstranten im Land verspricht er Unterstützung.
Wadephul sieht keine Anhaltspunkte für US-Militäraktion in Grönland: Die aggressiven Töne der USA gegenüber Grönland sorgen in Europa für Entsetzen. Bundesaußenminister Johann Wadephul zieht nach einem Gespräch mit seinem amerikanischen Amtskollegen jetzt aber eine positive Bilanz.
ICE meldet vier tote Migranten in Haft binnen weniger Tage: Die US-Einwanderungsbehörde ICE hält etwa 69.000 Menschen in Gewahrsam. In diesem Januar sind bereits vier Männer in Haftlagern gestorben. Im vergangenen Jahr erreichten die Todesfälle eine Rekordzahl.
Zahl der Organspenden steigt auf höchsten Stand seit 2012: Mehr als 8000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan, viele von ihnen vergebens. Immerhin hat sich die Zahl der Spender erhöht.
Meine Lieblingsgeschichte: Die Gedanken sind frei
Campus der Universität Harvard: Steuergelder in Milliardenhöhe blockiert
Foto: Steven Senne / APSeit Beginn der neuen Trump-Regierung haben es US-Universitäten schwer. Entweder sie beugen sich dem Druck des Präsidenten, seine Ideologie zur Grundlage der Lehre zu machen, oder sie müssen mit Repressalien rechnen. Mein Kollege Claus Hecking, US-Korrespondent in Boston, beschreibt, wie sich die US-Eliteuniversität Harvard erfolgreich gegen den politischen und finanziellen Druck gewehrt hat. (Hier mehr dazu. ) Nach monatelangen Konflikten musste Washington eingefrorene Forschungsgelder wieder freigeben, und die Universität gewann an Rückhalt bei Spendern und Lehrkräften. Der Widerstand von Studierenden und Professoren gilt als Symbol für Standhaftigkeit und Verteidigung demokratischer Werte. Dennoch bleibt die Lage angespannt, da Harvard weiterhin mit möglichen neuen Angriffen rechnen muss.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Harvards Widerstand gegen Trump zahlt sich aus
Was heute weniger wichtig ist
Carina Walz und Dieter Bohlen (2024)
Foto:nicepix.world / IMAGO
Marry marry Lady: Musikmogul, Poptitan und Universalgenie Dieter Bohlen, 71, hat seine an Silvester in der Karibik vollzogene Heirat mit seiner Langzeitfreundin Carina Walz, 42, nun auch vom Standesamt im Rathaus Nenndorf in der Gemeinde Rosengarten amtlich bestätigen lassen. Dazu schrieb er auf Instagram: »Offiziell Frau und Herr Bohlen«
Mini-Hohlspiegel
Aus der Bedienungsanleitung eines Basketballkorbständers: »Um Ihre Sicherheit zu gewährleisten, werfen Sie bitte den Basketball entweder gewaltsam in den Korb oder hängen sich an den Korb.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
»Iranische Patrioten, protestiert weiter! Übernehmt eure Institutionen!«: US-Präsident Donald Trump hat mit einem Post auf der Plattform Truth Social Unterstützung für die Demonstranten in Iran angekündigt.
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Damit versucht Trump ein weiteres Mal, sich als Friedensstifter zu inszenieren. Sie könnten – falls Sie es gestern verpasst haben – die dreiteilige ARD-Doku »Trump & us« ansehen, die versucht, der Politik dieses atypischen Politikers auf den Grund zu gehen (hier die erste Folge ). Und hier und hier Folge zwei und drei in der ARD-Mediathek.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts


