Heute war der große Tag der politischen Standortbestimmung im Deutschen Bundestag. Sollten Sie die Debatte verpasst haben, können Sie in Ruhe alles dazu nachlesen: Hier finden Sie das Minutenprotokoll sowie fünf Erkenntnisse , die sich aus der Regierungsbefragung mit Kanzler Merz und seiner anschließenden Regierungserklärung zum EU-Gipfel ziehen lassen. Und darüber, ob man nun mehr weiß über die Rezepte der Regierung angesichts des Epochenbruchs, von dem Friedrich Merz sprach.
1. Protest einer wohlhabenden Branche
Der Komödiendichter Molière hat vor 350 Jahren behauptet, dass viele Heilmittel den Menschen mehr schadeten als jede Krankheit. Deutschlands Apothekerinnen und Apotheker, die für den heutigen Tag eine Protestaktion ausgerufen haben, sind da sicher anderer Meinung. Mit einem bundesweiten »Versorgungsblackout«, für den in den Läden für einen begrenzten Zeitraum das Licht ausgeschaltet und nur mit Notbeleuchtung gearbeitet werden sollte, wollen die Apotheken auf ihre angeblich angespannte wirtschaftliche Lage aufmerksam machen (mehr dazu hier ).
Mein Kollege Martin U. Müller hat den Filialleiter einer Hamburger Apothekengruppe interviewt. »Unser Protest ist moderat«, sagt der Mann.
Der »Licht‑aus‑Protest« ist umstritten. Das durchschnittliche Jahreseinkommen selbstständiger Apothekeninhaber in Deutschland liegt bei rund 160.000 Euro. Der von meinem Kollegen befragte Apothekenleiter Nicolas Della Seta argumentiert allerdings, dass der Einkommensdurchschnitt wenig über die Not einzelner Apotheken aussage und fordert unter anderem politische Reformen. Sonst müssten viele Betriebe womöglich bald schließen.
»Die Apotheker sind eine der wohlhabendsten Opfergruppen in Deutschland«, sagt mein Kollege Martin. »Immer wieder suggerieren sie, dass ein gesundheitliches Fukushima droht, wenn etwa Onlineapotheken in ihrem Geschäft mitmischen.« Dabei verteidigten sie nicht die Versorgung der Bevölkerung, sondern ihre Strukturen – »gegen Wettbewerb, gegen Wandel, gegen Realität«.
Es handle sich um eine Branche, findet mein Kollege, »die gelernt hat, politisch zu drohen und wirtschaftlich zu jammern. Die Themen variieren: Mal geht es ihnen um Lieferengpässe, mal um den Schwund der Zahl der Apotheken. Doch neue Geschäftsmodelle, etwa Impfen in der Apotheke, Beratung zu Blutdruck oder Medikation, setzen die meisten Apotheken erst gar nicht um.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: »160.000 Euro Einkommen sind nur ein statistischer Durchschnitt«
2. Die Deutschen schenken etwas weniger großzügig
Die Weltlage ist bedrohlich, die Ökonomie scheint zu stottern, da wollen viele Deutsche in diesem Jahr bei den Weihnachtseinkäufen sparen. Mein Kollege Matthias Kaufmann hat diverse Umfragen aus jüngerer Zeit ausgewertet und urteilt, dass bei der Konsumzurückhaltung »ein steigendes Preisniveau und trübere Wirtschaftsaussichten eine wichtige Rolle spielen« (hier mehr ).
Schokoladenweihnachtsmänner von Marken wie Lindt und Milka etwa hätten sich immens verteuert; die Discounter Aldi und Lidl verlangten für die Figuren zwischen 56 und 72 Prozent höhere Preise als 2024. Möglicherweise seien es solche Signale, die bei deutschen Geschenkekäufern zu Zurückhaltung führten. Laut der jährlichen Weihnachtsumfrage der Hochschule für Ökonomie und Management wollen sie im Durchschnitt in diesem Jahr 502,20 Euro für Geschenke ausgeben. Im Vorjahr waren es 533,20 Euro.
»Als ich den Artikel bearbeitet habe, bin ich in der Mittagspause losgezogen, um einen Weihnachtsbaum zu kaufen«, berichtet mein Kollege Matthias. »Damit es schnell ging, habe ich ihn auf dem nächsten Supermarktparkplatz gekauft. Und musste kurz schlucken, als ich die Preise sah: Nordmanntanne, 1,80 Meter groß, 80 Euro. Uff.« Allerdings erfülle der Baum auch alle Kriterien für einen teuren Kauf: teuerste Sorte, kontrollierter Anbau – und besonders viel muss zahlen, wer in den Metropolen kauft, statt zu den Baumschulen zu fahren. Matthias hat über den Preis verhandelt, am Ende einigten sich der Händler und er auf 55 Euro.
Im Übrigen sagt mein Kollege: »Ich finde es eigentlich gar nicht knausrig, wenn die Deutschen im Schnitt 500 Euro für Geschenke ausgeben – es war halt nur viel mehr im vorigen Jahr.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: O du Sparsame!
3. Die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU verbessern sich
Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam hat vor einem halben Jahrtausend gelebt und wird unter anderem für diesen Spruch verehrt: »Die ganze Welt ist ein gemeinsames Vaterland.« Das phänomenal erfolgreiche und von vielen Studierenden genutzte EU-Austauschprogramm Erasmus ist nach dem klugen Mann benannt. Mit dem Brexit war Großbritannien 2020 – zum Bedauern vieler junger Menschen – aus Erasmus ausgestiegen, das soll nun rückgängig gemacht werden. Heute wurde bekannt, dass von 2027 an Studierende aus der EU ihr Auslandssemester wieder an britischen Hochschulen absolvieren können (hier mehr).
Das Erasmus-Programm wurde 1987 eingeführt und seither von mehr als 18 Millionen Teilnehmenden genutzt. Es unterstützt Studierende und Uni-Lehrpersonal auf dem Weg ins Ausland. Als Mutter der Erasmus-Idee gilt die italienische Rechts- und Erziehungswissenschaftlerin Sofia Corradi, die vor einigen Wochen gestorben ist. Mein Kollege Armin Himmelrath schrieb anlässlich ihres Todes: »Die Professorin veränderte das Leben von Millionen Akademikern. Nationales Denken war ihr zu eng, erst recht in der Wissenschaft.« (Hier mehr dazu.)
Dass Großbritannien wieder an Erasmus teilnehmen will, ist ein Zeichen verbesserter Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf der Plattform X, mit der Vereinbarung öffne man jungen Menschen die Tür »zu neuen gemeinsamen Erfahrungen und dauerhaften Freundschaften«.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Großbritannien nimmt wieder an Erasmus teil
Was heute sonst noch wichtig ist
EU-Parlament verschärft Migrationspolitik – mit einer Mehrheit abseits der Mitte: Mit einer rechten Mehrheit hat das Europaparlament für die Auslagerung von Asylverfahren in Nicht-EU-Staaten gestimmt. Die Grünen warnten vorab davor, das Vorhaben »mit Rechtsextremen, Klimaleugnern und Putin-Lobbyisten« durchzusetzen.
Zahl der chronisch Erkrankten in Deutschland steigt: Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an chronischen Erkrankungen. Eine Analyse zeigt, welche Bevölkerungsgruppe am häufigsten betroffen ist und welche Ursachen dahinterstecken.
Trade Republic ist Deutschlands wertvollstes Start-up: Beim Verkauf von Firmenanteilen wurde der Onlinebroker Trade Republic hoch wie nie bewertet. Der Schritt bringt dem Unternehmen kein zusätzliches Geld ein, nimmt aber den Druck, an die Börse zu gehen.
Museum muss Verkäufer des Schabowski-Zettels offenlegen: Günter Schabowskis Sprechzettel vom 9. November 1989 ist eines der wichtigsten Exponate im Bonner Haus der Geschichte. Aber wer hat das Papier dem Museum für 25.000 Euro verkauft? Ein Journalist wollte es genauer wissen – und bekam nun vor Gericht recht.
Amazon erwägt offenbar Milliardeninvestition in OpenAI: Der Techkonzern Amazon denkt laut Medienberichten darüber nach, Milliarden Dollar in den ChatGPT-Entwickler OpenAI zu investieren. So könnten sich die Machtverhältnisse bei dem KI-Giganten erheblich verschieben.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Dieser Weg wird kein leichter sein
Bühnenstar Naidoo
Foto:Rolf Vennenbernd / dpa
Hat es diese Rückkehr ins Rampenlicht gebraucht? Der Popkünstler Xavier Naidoo war drei Jahre lang abgetaucht, nun hat er am Dienstagabend vor 16.000 Zuschauern in der Kölner Lanxess Arena sein Publikum gefragt: »Wo wart ihr die ganzen Jahre?« Mein Kollege Tobias Rapp war beim Auftakt zu Naidoos Tour. Vor seinem Verschwinden war der Popstar vor sogenannten Reichsbürgern aufgetreten, hatte Verschwörungstheorien geteilt und antisemitische Sätze verbreitet. »Ich hatte mich verrannt, hätte er sagen können«, schreibt Tobias. »Es wäre eine perfekte Naidoo-Rede gewesen. Sie kommt nicht.« Stattdessen spielte Naidoo ein langes Set, ein Best-of aus 20 Jahren, von »20.000 Meilen« bis zu »Dieser Weg«. In der Ballung falle noch einmal auf, was für ein eigenartiger Künstler dieser Mann eigentlich sei, berichtet mein Kollege. »Xavier Naidoo dürfte der einzige wirkliche deutsche Soulsänger sein. Soul ist jene Musik, die aus der Säkularisierung des Gospels entstanden ist, die die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Menschen überblendet. Genau das macht Naidoo – in der Bundesrepublik, diesem Land, wo die Kirchen leer stehen und kaum noch jemand an Gott glaubt.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Dieser Weg wird kein leichter sein
Was heute weniger wichtig ist
Schauspielerin Gwyneth Paltrow mit Sohn Moses Martin
Foto: Jordan Strauss / Invision / APAufruhr in der Müttergruppe: US-Schauspielerin Gwyneth Paltrow, 53, hat sich zu den Liebesszenen mit dem von vielen Menschen angehimmelten Kollegen Timothée Chalamet, 29, in ihrem gemeinsamen Film »Marty Supreme« geäußert. Als Kussfotos vom Set kursierten, sei einiges los gewesen in ihrem Müttergruppenchat. »All die Mütter waren ziemlich begeistert«, sagte sie in der Fernsehsendung »Good Morning America«. »Es war offenbar wie ein globales Ereignis.«
Mini-Hohlspiegel
Bildunterschrift auf SPIEGEL.de: »Verkehr in Berlin: Elektroautos hören Fahrradfahrer und Fußgänger schlechter.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas PlaßmannUnd heute Abend?
Könnten Sie sich anlässlich des Todes des deutschen Filmemachers Rosa von Praunheim dessen berühmtesten Film aus dem Jahr 1971 ansehen (lesen Sie hier mehr).
Regisseur von Praunheim (1942– 2025)
Foto: Jörg Carstensen / dpa / picture allianceDer Film trägt den sprichwörtlich gewordenen Titel »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt«. Er ist auf diversen Streamingplattformen verfügbar.
In einem Interview mit meiner Kollegin Hannah Pilarczyk und meinem Kollegen Enrico Ippolito hat Praunheim 2021 über diese Arbeit gesagt: »Ich wollte von vornherein die Schwulen aufwecken und sagen: Ihr müsst selbst was für eure Emanzipation tun. Ihr dürft nicht warten, dass andere nett sind und euch die Schokolade hinhalten, sondern Ihr müsst rausgehen, ihr müsst auf die Straßen. Ihr müsst es euren Eltern sagen, dem Arbeitgeber.«
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort



