Und trotzdem: Schüsse
Vielleicht erinnern Sie sich an die landesweiten »No Kings«-Proteste in den USA im Oktober gegen den Präsidenten Donald Trump?
Ich habe sie mir selbst angesehen, in Los Angeles, und das, was ich dort in Beverly Hills beobachtete, deckte sich mit dem, was ich später in den Nachrichten von anderen Orten sah. Mir kamen Menschen in lebensgroßen, aufblasbaren und bunten Kostümen entgegen. Die Frage, ob ich aus Versehen in eine Art Faschingsumzug geraten war, erübrigte sich, denn die Plakate, die sich gegen Trump richteten, waren nicht zu übersehen.
ICE-Kämpfer in Minneapolis am 24. Januar: Die Gefahr wächst
Foto: Craig Lassig / EPAIch fragte mich, ob es die richtige Methode sei, ein ernstes politisches Anliegen in putziger Verkleidung vorzutragen. Doch ich erfuhr dann, dass es den Demonstranten genau darum gegangen war, nicht so gefährlich zu wirken, wie ihnen von Trumps MAGA-Leuten immer unterstellt wird.
Aus ähnlichen Gründen setzten Demonstranten in der Türkei die Pokémon-Figur Pikachu ein oder in Hongkong das Internetmeme »Pepe der Frosch« (mehr dazu hier).
Mein Kollege Frank Hornig berichtet seit Tagen schon über die Proteste in Minneapolis gegen Trumps ICE-Kämpfer. Er schrieb mir, dass er die aufblasbaren Kostüme dort auch gesehen habe und schickte mir das Foto eines Menschen im Haikostüm, der ein Plakat trägt. Darauf steht: »You are safer with a shark than with ICE«, übersetzt: Mit einem Hai bist du sicherer als mit ICE.
Die Hoffnung aber, dass die Proteste gegen Trump in Minneapolis friedlich bleiben könnten, hat sich nicht erfüllt. In der Stadt ist am Wochenende nun der zweite US-Bürger durch Schüsse von ICE-Kämpfern gestorben.
Die Frage ist nun, wie sich diese Eskalation auf die Proteste in der Stadt auswirken wird (mehr zu möglichen Szenarien hier ). Es war überraschend, dass sie nach dem Kopfschuss am 7. Januar auf das erste Todesopfer, Renée Nicole Good, nicht etwa abflauten, sondern stärker wurden. Das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, erfordert großen Mut.
Jederzeit könne die Lage außer Kontrolle geraten, schreibt mein Kollege Frank in seinem Bericht . Die US-Regierung habe 1500 Soldaten für einen möglichen Einsatz in Minneapolis in Bereitschaft versetzt. Auch der von den Demokraten regierte Bundesstaat Minnesota halte Truppen bereit, so Frank. »Die Gefahr für einen bewaffneten, bürgerkriegsähnlichen Konflikt wächst mit jedem tödlichen Zwischenfall.«
Mehr Hintergründe hier: Die Republikaner sollten jetzt auf die Bevölkerung hören
Energiepolitik: Wird Europa eigenständiger?
Nimm das, Berlin.
Das heutige Gipfeltreffen der Nordsee-Anrainerstaaten, zu dem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Staats- und Regierungschefs eben jener Staaten eingeladen hat, findet nicht in der deutschen Hauptstadt statt, sondern in Hamburg. Das ist praktisch, denn das Rathaus, in dem sich die Damen und Herren zusammenfinden, muss gar nicht erst zum Thema passend ausstaffiert werden, sondern wartet seit jeher mit maritimem Dekor auf.
Wandgemälde mit Hafenmotiv im Festsaal des Hamburger Rathauses: Merz will über Offshore-Windparks sprechen
Foto: A3445 Wolfgang Langenstrassen/ dpaMeine Kollegin Marina Kormbaki aus unserem Hauptstadtbüro wird das Treffen beobachten und schickte mir vorab eine Einschätzung: »Als die Nordseestaaten 2022 zum ersten Mal in diesem Format zusammenkamen, nahmen sie sich vor, unabhängig von Russland zu werden«, so Marina. Dieses Mal aber richte sich der Blick der Beteiligten auch nach Westen. »Nach Trumps Erpressungsversuch in der Grönlandkrise dürften einige in Europa bezweifeln, dass die USA ein stets verlässlicher Energielieferant sein werden.«
Bei dem Treffen wird es vor allem um den Ausbau von Offshore-Windparks und andere Energieprojekte gehen. Marina schreibt: »Gastgeber Merz wird diesen Gipfel wohl dazu nutzen, ein Zeichen europäischer Eigenständigkeit zu setzen.«
Mehr Hintergründe: An Trumps Gastropf
Auch 2G und 3G geht es etwas an
Morgen ist der 81. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Der 27. Januar wird international als Holocaust-Gedenktag gefeiert.
Heute Abend gibt es in Berlin schon die ersten Veranstaltungen dazu. Am dortigen Holocaustdenkmal werden sich etwa Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg, die Linkenpolitikerin Heidi Reichinnek und der Vizepräsident des Bundestags, Bodo Ramelow, zu einem Gebet des Rabbiners Samuel Vingron einfinden.
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin: Treffpunkt für heutiges Gedenken
Foto: Sebastian Gollnow / Sebastian Christoph Gollnow / dpaDen Überlebenden des Holocaust war es immer wichtig, dass das Gedenken nicht mit dem zeitlichen Abstand zu den Ereignissen verblasst. Ihre Sorge war und ist berechtigt. Mehrere NS-Gedenkstätten in Deutschland verzeichnen eine Zunahme politisch motivierter Vorfälle.
Doch es gibt auch die anderen Anzeichen. Dass das Gedenken fortgesetzt wird, zeigt sich nicht nur an den geplanten Veranstaltungen, sondern auch an der Sprache, die etliche derjenigen nutzen, die sich mit dem Thema befassen.
Weil Menschen Abkürzungen lieben, haben sich in diesen Kreisen inzwischen die Begriffe »2G« und »3G« etabliert. Sie stehen für die zweite und dritte Generation nach dem Holocaust, also für die Kinder und Enkel von Opfern, Tätern, Mitläufern. Diese Leute wissen, dass sie sich nicht nur über etwas Vergangenes verständigen, sondern über etwas, das Spuren in ihrem eigenen Leben hinterlassen hat.
Mehr Hintergründe: »Der Stammtisch war wie eine zweite Familie«
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Die perfekte Ausrede für Verschmutzer: Teile der CDU wollen weg vom Ziel der Klimaneutralität. Kämen sie damit durch, würde sich Deutschland an Donald Trumps Seite zum Außenseiter machen – und eine weltweit verheerende Dynamik schaffen.
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Verlierer des Tages…
…ist der Wirtschaftsflügel der CDU. Er will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Das geht aus einem Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion an den CDU-Bundesparteitag im Februar hervor.
Doch aus den eigenen Reihen, aber auch von der SPD und von Arbeitsmarktexperten, hagelt es Kritik an dem Vorstoß. Zwar sei die Teilzeitquote in Deutschland mit rund 40 Prozent (2025) tatsächlich hoch, doch das führe nicht dazu, dass insgesamt weniger gearbeitet werde, sagen Wissenschaftler.
Erwerbstätiger in einem Porsche-Werk in Leipzig: Geht es wirklich um Lifestyle?
Foto: Jan Woitas / dpaMeinem Eindruck nach hat der Vorstoß der Unionsleute nicht nur inhaltliche, sondern auch strategische Schwächen. Statt ihr Anliegen positiv zu formulieren und zu sagen, dass Deutschland so viel wie möglich von jedem Arbeitnehmer und jeder Arbeitnehmerin brauche, erfanden sie den Begriff »Lifestyle-Freizeit«.
Wer andere ansatzlos herabwürdigt, muss sich über Widerspruch nicht wundern.
Mehr Hintergründe hier: Der Kampf um die Work-Life-Balance
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Viel Schnee und viel Eis – Wetterdienst warnt vor Verkehrschaos: Am Montag wird es in Süddeutschland teils kräftig schneien, im Osten gefährlich glatt. In Berlin und Brandenburg droht Meteorologen zufolge Gefahr für Leib und Leben. Ein Landkreis in Sachsen-Anhalt stellt den Nahverkehr ein.
Blitzeinschlag bei Pro-Bolsonaro-Demo – Dutzende Verletzte: Bei einer Kundgebung in der brasilianischen Hauptstadt sind zahlreiche Teilnehmer von einem Blitz getroffen worden, mindestens 30 mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Mehrere Menschen erlitten Nervenzusammenbrüche.
Patriots stehen wieder im Super Bowl – zum ersten Mal seit Tom Bradys Abschied: Die New England Patriots erreichten zuletzt vor sieben Jahren den Super Bowl, damals noch mit Superstar-Quarterback Tom Brady. Jetzt haben sie es erneut ins NFL-Finale geschafft. Trotz heftigen Schneefalls, Winds und schlechter Sicht.
Heute bei SPIEGEL Extra: Üppige Abfindungen in Deutschland – wie viel Beschäftigte bekommen können
In kaum einem Land in Europa werden so hohe Abfindungen gezahlt wie in Deutschland. Für Beschäftigte heißt das: Es geht ums Geld. Warum hierzulande besonders viel zu holen ist .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Susanne Beyer, Autorin der Chefredaktion
