Der überforderte Kanzler
Die Weltklimakonferenz in Brasilien ist auf der Zielgeraden. Doch in Deutschland bestimmen nicht etwa die Verringerung der Treibhausgasemissionen oder Klimahilfen die Debatte über die COP30. Nein, es sind die abfälligen Äußerungen des Kanzlers über den Veranstaltungsort Belém (mehr dazu hier ).
Kanzler Merz: Wie lange geht das noch gut?
Foto: Hannibal Hanschke / EPAFriedrich Merz mag die Aufregung läppisch finden (mehr zu seiner Reaktion hier). Dabei zeigt er nicht zum ersten Mal »einen erschreckend nachlässigen Umgang mit Worten«, wie mein Kollege Roland Nelles kommentiert. »Kleine Paschas«, Asylbewerber, die sich »die Zähne neu machen« lassen, Stadtbild-Debatte – das ist kein Klartext, wie der Kanzler ihn gern für sich reklamiert. »Er labert, redet also erst und denkt später«, schreibt Roland (der ganze Kommentar hier ).
Mit seiner Katastrophenkommunikation bringt Merz inzwischen auch die Koalition ins Wanken. Statt die Rentenrebellen vom Parteinachwuchs bei deren Bundestreffen zu umarmen, haute er ihnen ein »Das kann doch nicht euer Ernst sein!« um die Ohren und witzelte tags darauf über den kühlen Empfang der verprellten Merz-Fans. Kein Wunder, dass die jungen Abgeordneten wenig Bereitschaft zeigen, im Rentenstreit beizudrehen.
Die Frage ist: Wie lange geht das noch gut? »Zurück bleibt der Eindruck eines Bundeskanzlers, dem das Gespür fehlt, um seinen Job professionell und geräuschlos zu machen«, schreiben meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Hauptstadtbüro über die Merz-Krise. Der Eindruck »eines Kanzlers, der mit der Aufgabe überfordert ist«.
Die ganze Geschichte hier: Merz und die Junge Union – Ende einer Jugendliebe
Lesen Sie zum Thema auch den aktuellen SPIEGEL-Leitartikel
Eine Minderheitsregierung ist für die CDU kein Ausweg, sondern gefährlich: Teile der Unionsfraktion liebäugeln mit einer Minderheitsregierung. Sie träumen von CDU pur statt mühsamer Kompromisse mit der SPD. Doch der Glaube an eine solche Alternative führt ins Verderben.
Weihnachtsmarkt gegen die Angst
Heute beginnt in Magdeburg der Weihnachtsmarkt. Dort, wo vor elf Monaten Taleb Al Abdulmohsen, ein damals 50 Jahre alter Arzt aus Saudi-Arabien, mit einem angemieteten Auto einen neunjährigen Jungen und fünf Frauen tötete und Hunderte weitere verletzte, dort wollen am Vormittag Händler und Schausteller ihre Verkaufsbuden, Glühweinstände und Fahrgeschäfte für Besucher öffnen. Es soll eine »stille Eröffnung« werden, heißt es, ohne Bühne, Zeremonie oder Programm.
Magdeburg: Zufahrtssperren aus Beton am Rande des Weihnachtsmarktes
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpaBis vor zwei Tagen war ungewiss, ob der Markt überhaupt stattfinden kann. Die zuständigen Aufsichtsbehörden hatten das Sicherheitskonzept bemängelt, Stadt und Veranstalter mussten nachbessern (mehr dazu hier ). Gut, dass die Lücken offenbar geschlossen werden konnten. Vom Weihnachtsmarkt geht schließlich auch eine Botschaft aus: Magdeburg trotzt dem Terror und der Angst (hier ein Video zur Stimmung in der Stadt).
Dass zeitgleich zum Weihnachtsmarkt nicht weit entfernt auf der anderen Seite der Elbe in einer extra erbauten Leichtbauhalle der Prozess gegen den Attentäter läuft, bewegt die Menschen zusätzlich. Für die damals direkt Betroffenen und die Angehörigen der Opfer muss es unerträglich sein, wie Abdulmohsen den Gerichtssaal als Bühne für seine Verschwörungserzählungen zu nutzen versucht. Die Verhandlung wird heute fortgesetzt.
Mehr Hintergründe zu dem Prozess: Er fasst sich nicht kurz, er bleibt nicht beim Thema, er redet und redet und redet
Wer gewinnt den SPIEGEL Buchpreis?
Trommelwirbel! Den SPIEGEL Buchpreis gewinnt … Es tut mir leid, liebe Leserinnen, liebe Leser, ein wenig müssen Sie sich noch gedulden. Aber schon bald, noch heute Vormittag, werden wir auf SPIEGEL.de verkünden, welche Autorin oder welcher Autor die in diesem Jahr erstmals verliehene Auszeichnung bekommen wird.
Hervorragende Literatur: Die 20 nominierten Titel für den SPIEGEL Buchpreis
Foto:Alexandra Polina / DER SPIEGEL
Wer den Countdown in den vergangenen Wochen aufmerksam verfolgt hat, der weiß, welche drei belletristischen Werke der ursprünglich 20 nominierten Titel noch im Rennen um den Sieg sind:
Rachel Kushner, »See der Schöpfung«, übersetzt von Bettina Abarbanell (Rowohlt)
Irene Solà, »Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis«, übersetzt von Petra Zickmann (S. Fischer)
Szczepan Twardoch, »Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg«, übersetzt von Olaf Kühl (Rowohlt Berlin)
Während die anderen großen Literaturpreise in Deutschland allein deutschsprachige Werke prämieren, würdigt der SPIEGEL Buchpreis Romane internationaler und hiesiger Herkunft gleichermaßen. »So soll auch die oft virtuose und genauso oft übersehene Kunst der Übersetzerinnen und Übersetzer prämiert werden«, schreibt mein Kollege Andreas Bernard (hier mehr zum Buchpreis).
Natürlich ist das mit Ranglisten in der Literatur immer so eine Sache. Jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller hat einen eigenen Stil, ein eigenes Kunstverständnis, einen eigenen poetischen Weltzugang. Dem wollte auch die siebenköpfige Jury gerecht werden – wahrlich keine leichte Aufgabe.
Die Preisträgerin oder der Preisträger wird am Abend bei einem Festakt im Hamburger SPIEGEL-Haus geehrt. Im neuen SPIEGEL (erscheint heute um 13 Uhr digital) können Sie ein Gespräch mit der Gewinnerin/dem Gewinner lesen, und natürlich alles zum Buchpreis und den Plätzen 2 bis 20.
Alle Hintergründe hier: Der SPIEGEL Buchpreis und die bereits bekannten Platzierungen
Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz
Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games.
Verlierer des Tages…
… ist Wolfram Weimer. Der Kulturstaatsminister sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, als Miteigentümer der Weimer Media Group exklusive Politikerzugänge gegen Geld vermarktet zu haben. Es geht um den von Weimer und seiner Frau gegründeten Ludwig-Erhard-Gipfel, der jedes Jahr am Tegernsee stattfindet. Die Teilnahme ist teuer, dafür winkt die Chance, mit ehemaligen oder aktiven Spitzenpolitikern ins Gespräch zu kommen. Auch ein Treffen mit aktuellen Kabinettskollegen Weimers wurde wohl für den nächsten Gipfel in Aussicht gestellt.
Wolfram Weimer: Der Kulturstaatsminister spricht von einer »Kampagne«
Foto: Sean Gallup / Getty ImagesKlingt schwierig. Der Kulturstaatsminister allerdings will von Interessenkonflikten nichts wissen, spricht von »Kampagnen« und einer »Lüge«, gegen die er sich juristisch wehren werde. Ein Sprecher bestätigte zwar, dass Weimer nach wie vor 50 Prozent der Anteile an seiner Media Group halte. Aber: Er sei aus der Geschäftsführung ausgeschieden, habe kein Stimmrecht und sei auch sonst an keinen Entscheidungsprozessen beteiligt.
Das mag formal so sein. Aber ist damit alles gut? »Dass er mit seiner Frau Christiane Goetz-Weimer kein Wort über den Gipfel oder die Gäste redet, widerspricht dem gesunden Menschenverstand«, schreibt mein Kollege Christoph Schult. »Eine solche kommunikative Brandmauer ist in einer Ehe kaum vorstellbar.«
Die ganze Geschichte hier: Das wird Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vorgeworfen
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Trump unterschreibt Gesetz zur Freigabe von Epstein-Akten: Zuletzt hat der US-Senat für die Herausgabe der Epstein-Akten gestimmt, jetzt hat Donald Trump das Gesetz unterzeichnet. Wegen des wachsenden Drucks aus der eigenen Partei hatte er seine Haltung in der Frage geändert.
Deutschland gibt eine Milliarde Euro für globalen Waldschutzfonds: Bundeskanzler Friedrich Merz hat zuletzt auf dem Klimagipfel einen »namhaften« Betrag Deutschlands für den neuen Waldschutzfonds TFFF zugesagt. Jetzt steht die Summe fest.
Louvre soll mobilen Polizeiposten bekommen: Einbrecher ließen Schmuck im Wert von 88 Millionen Euro mitgehen, als sie Mitte Oktober in den Pariser Louvre eindrangen. Das Museum soll nun künftig besser gesichert werden.
Heute bei SPIEGEL Extra: Hilfe, die Frau hat Brüste – wie kann man sie wiederbeleben?
Reanimationspuppe mit Brüsten: Seltenes Exemplar
Foto:Verena Brüning / DER SPIEGEL
Studien zeigen: Frauen, die in der Öffentlichkeit einen Herzstillstand erleiden, werden seltener reanimiert, weil viele Menschen gehemmt sind. Was helfen könnte .
Kommen Sie gut in den Tag.
Herzlich,
Ihr Philipp Wittrock, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro
