Das verrückte Wahl-Labyrinth
Friedrich Merz hat heute einen Termin in Ravensburg, südliches Oberschwaben. Dort sitzt nicht nur jenes Unternehmen mit dem blauen Dreieckslogo, das Brettspielklassiker wie »Das verrückte Labyrinth« herstellt, dort steht auch die Oberschwabenhalle, in der heute am frühen Abend der Kanzler und CDU-Vorsitzende zum Wahlkampfabschluss der baden-württembergischen CDU erwartet wird. An seiner Seite: Spitzenkandidat Manuel Hagel, der am Sonntag die Landtagswahl gewinnen und Ministerpräsident werden will.
Kontrahenten Özdemir, Hagel: Ulm, Stockach, Ravensburg
Foto: Marijan Murat / dpaFür 17.30 Uhr sind die beiden laut Nachrichtenagenturen angekündigt, was insofern eng werden könnte, als sie um 16 Uhr noch in Stockach auftreten sollen, in der Jahnhalle, ebenfalls zum CDU-Wahlkampfabschluss. Laut Google Maps braucht man mit dem Auto etwa eine Stunde von der Jahnhalle zur Oberschwabenhalle. Das wiederum passt irgendwie zu dieser Wahl, denn auch am Sonntag könnte es ziemlich eng werden, zwischen Hagel und seiner CDU auf der einen, Cem Özdemir und den Grünen auf der anderen Seite. In den Umfragen lag die CDU bislang immer vorn, doch die Grünen haben aufgeholt, mittlerweile liegen beide Kopf an Kopf. Haben die Grünen die Dynamik auf ihrer Seite? Das Momentum, wie Wahlkämpfer es nennen?
Für beide Parteien, CDU wie Grüne, hängt viel von diesem Sonntag ab (mehr dazu hier ). Schafft Hagel es nicht, die einstige schwarze Hochburg Baden-Württemberg nach fast 15 Jahren unter dem Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zurückzuerobern, müssten er und seine Partei sich eingestehen, dass Kretschmann nicht die Ausnahme, der Betriebsunfall war, zu dem sie ihn immer wieder erklärt haben. Dann müsste die Südwest-CDU darüber nachdenken, was sie grundlegend anders machen sollte. Auch in der Bundespartei dürfte es dann unruhig werden. Erst recht, wenn zwei Wochen später bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz der nächste Versuch scheitern sollte, ein früheres CDU-Stammland zurückzuerobern, dort von der SPD. Und diese Unruhe hätte mit Sicherheit Folgen für die schwarz-rote Koalition im Bund.
Und die Grünen? Sollte Özdemir mit seinem harten Realo-Kurs Erfolg haben und die Wahl gewinnen, dürfte in der Bundespartei eine Diskussion darüber losgehen, ob man das nicht einfach nachmachen sollte. Der linke Flügel wäre argumentativ in der Defensive, und die Grünen hätten nach dem Abgang von Annalena Baerbock, Robert Habeck und Ricarda Lang wieder einen Spitzenvertreter mit Starpotential, wie er ihnen derzeit fehlt.
Heute Abend tritt Özdemir noch mal mit Kretschmann auf, in Ulm, genauer: im »Roxy Ulm«. Um 20 Uhr. Merz und Hagel dürften ihren Auftritt in Ravensburg da schon eine Weile hinter sich haben.
Mehr Hintergründe hier: Hagel zittert, Özdemir lacht
Im Nebel des Krieges
Winston Churchill hat den Krieg als Kette von Ereignissen beschrieben, die, einmal in Gang gesetzt, für die Kriegsparteien nicht mehr zu kontrollieren sei. Demnach gibt es genau eine Entscheidung, die nicht dieser Eigendynamik unterliegt: den Entschluss, einen Krieg zu beginnen. Alles danach: nicht vorhersehbar.
Mitglied der Exilgruppe KDPI in traditioneller kurdischer Kluft: Aufstand gegen Teheran?
Foto: Osama Al Maqdoni / Middle East Images / picture allianceBeim Thema Iran zeigt sich das gerade an einem Nebenstrang, einer weiteren Verästelung, die dieser Konflikt schon nach wenigen Tagen bildet. Amerikanische Medien hatten berichtet, dass die USA planten, iranisch-kurdische Oppositionsgruppen zum Aufstand gegen das Regime in Teheran zu bewegen, sie möglicherweise auch zu bewaffnen. Das klang erst mal nach dem, was man eine Win-win-Situation nennt: Die kurdische Minderheit im Norden des Landes hatte bislang keine Chance, sich gegen das Regime zu erheben. Die USA wiederum brauchen Verbündete am Boden, die in ihrem Sinn handeln. Allerdings birgt so etwas, also die Bewaffnung von Gruppen, die dann mit diesen Waffen, siehe Churchill, alle möglichen Ziele verfolgen können, immer enorme Risiken. (Zur Liveanalyse der Lage im Irankrieg geht es hier.)
Und nun tritt auch noch die Türkei auf den Plan, die kein Interesse an kurdischer Selbstbestimmung hat. Schließlich könnten sich am Ende, dürfte man in Ankara fürchten, die Kurden im eigenen Land noch zur Nachahmung animiert fühlen. Man beobachte »terroristische« kurdische Gruppierungen genau, erklärte das türkische Verteidigungsministerium. Aktivitäten von Gruppen, »die ethnischen Separatismus vorantreiben«, bedrohten nicht nur die Sicherheit Irans, sondern beeinflussten »den gesamten Frieden und die Stabilität der Region«. (Aktuelle Karten und Grafiken zu dem Konflikt finden Sie hier. )
Die Türkei ist ein Nato-Partner der USA, nennt deren mögliche neue Verbündete aber terroristisch. Langsam wird es unübersichtlich. Und der Krieg wird heute weitergehen.
Mehr Hintergründe hier: Warum die CIA die iranischen Kurden zum bewaffneten Aufstand bewegen will
Established 1356
In Hamburg wird heute ein Festmahl gefeiert, das traditionelle Matthiae-Mahl, zu dem seit 1356 ins Hamburger Rathaus geladen wird. Erwartet werden diesmal unter anderem Altbundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Ratspräsident António Costa.
Matthiae-Mahl 2025: Wie das Weihnachtsessen in Hogwarts
Foto: Marcus Brandt / dpaDas Matthiae-Mahl taucht jedes Jahr wieder am Rand meines geistigen Radars auf, rückt aber nie so richtig ins Zentrum, sondern fristet dort, am Rand, sein Dasein zwischen regionalen Besonderheiten und Absonderlichkeiten wie dem Oktoberfest in München oder dem Stoppelmarkt in Vechta. Will sagen: Ich habe mich nie näher damit auseinandergesetzt, was es mit dem Matthiae-Mahl auf sich hat.
Deshalb habe ich Steffen Hebestreit gefragt, der bis ins vergangene Jahr Regierungssprecher von Olaf Scholz und auch schon an dessen Seite war, als Scholz noch als Erster Bürgermeister in Hamburg regierte (mehr hier), also Gastgeber des Matthiae-Mahls war.
Was hat es mit diesem Mahl auf sich?
»Das Matthiae-Mahl gilt als ältestes, noch heute begangenes Festmahl der Welt«, schreibt mir Hebestreit. »Das stimmt zwar, denn seine Ursprünge liegen im Jahr 1356 begründet. Allerdings vergessen die Hamburger manchmal zu erwähnen, dass diese Tradition mehrere Jahrhunderte lang brach lag, bevor man sich ihrer erstmals wieder im frühen 20. Jahrhundert erinnerte. Inzwischen hat es aber seinen festen Platz im Veranstaltungskalender der Hansestadt.«
Und wie sieht das aus?
»400 Hamburgerinnen und Hamburger werden in den großen Saal des Rathauses vom Senat zu einem mehrgängigen Menü eingeladen, das an langen Tafeln serviert wird. Der Silberschatz der Stadt wird dafür herausgeputzt und auf den Tischen drapiert. Als Ehrengäste werden stets ein hochrangiger Gast aus dem Inland und ein ausländischer Staatsgast begrüßt, die nach dem Bürgermeister jeweils eine politische Rede halten dürfen.«
Und wie fühlt es sich an?
»Ich selbst«, schreibt Hebestreit, »hatte die Freude, viermal am Matthiae-Mahl teilzunehmen – was mich auch immer ein bisschen an das Weihnachtsessen in Hogwarts erinnert hat (Harry-Potter-Leserinnen und -Leser werden wissen, was ich meine). Beeindruckend ist im Übrigen, dass es gelingt, den 400 Gästen nahezu zeitgleich die Speisen zu servieren – eine logistische und organisatorische Großtat.«
Wieder was gelernt.
Mehr Hintergründe hier: »Mit Olaf Scholz kann man viel Spaß haben«
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Verliererin des Tages…
Kristi Noem (am 23. Februar):
Foto: Aaron Schwartz / EPA…ist Kristi Noem, bislang Heimatschutzministerin in den USA. Präsident Donald Trump hat die umstrittene Ministerin entlassen. Umstritten war sie unter anderem wegen des brutalen Vorgehens der Einwanderungsbehörde ICE, aber auch wegen ihrer eigenen öffentlichen Auftritte. Noem soll nun Sondergesandte für den »Schild Amerikas« werden, einer neuen Sicherheitsinitiative. Bestimmt auch interessant.
Mehr zum Thema: Trump feuert seine oberste Propagandafrau
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Mehr als 32.000 Beschwerden – Abstimmung über Trumps Ballsaal muss verschoben werden: »Scheußlich« und »geschmacklos«: Zehntausende US-Bürgerinnen und -Bürger haben klargemacht, was sie von den präsidialen Plänen für den Ballsaal am Weißen Haus halten. Die Reaktion aus dem Trump-Lager kam prompt.
Mann mit Messer randaliert in Bitburger Polizeirevier: Ein 25-Jähriger hat versucht, mit einem Messer bewaffnet in eine Polizeiwache in Bitburg zu gelangen. Er kam bis zur Sicherheitsschleuse – dann reagierten die Beamten gedankenschnell.
Russland meldet mindestens neun Verletzte nach Drohnenattacke in Sewastopol: Im Abwehrkampf gegen Russland nimmt die Ukraine immer wieder Ziele auf der russisch besetzten Halbinsel Krim ins Visier. Eine abgefangene Drohne soll nun ein Wohnhaus getroffen haben.
Heute bei SPIEGEL Extra: Spaghetti all’assassina – mörderisch gute Pasta
UliU / Getty Images
Aus einem regionalen Geheimtipp wurde ein Social-Media-Hype: Spaghetti all’assassina lassen einem Tränen in die Augen steigen. Unser Autor hat in Bari erfahren, was man für dieses Gericht lernen muss.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Christoph Hickmann, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros
