Starkes Amerika, schwaches Deutschland?
Vor einigen Jahren ist mir ein kleines Buch in die Hände gefallen, aus einer fernen Zeit. »The March of Freedom. A Layman’s History of the American People.« Also die Geschichte Amerikas, geschrieben für den Laien. Das Buch stammt aus dem Jahr 1947.
In einfacher, streckenweise pathetischer Sprache erklärt Autor William Harlan Hale seinen Landsleuten den Sinn ihrer Nation: »Das Muster unserer Geschichte ist geprägt von einem ständigen Wechsel zwischen Phasen des Glaubens an den Menschen und dem Versuch, ihn auszubeuten.« Und »die Versuchung, unsere hohen Ziele zu vergessen, ist immer da; immer wieder, im Laufe unserer Geschichte, hat sie uns verführt«.
Bundeswehrsoldaten in Nuuk, Grönlands Hauptstadt
Foto: Julia Wäschenbach / dpaStellen wir uns Donald Trump und die Herrschaft seiner Unterlinge als eine solche dunkle Phase vor, dann hoffen wir: Eines Tages endet sie. Die Frage ist nur: Was ist bis dahin aus uns geworden? Mein Kollege Paul-Anton Krüger kommentiert hier , warum die deutsche Regierung nicht mit unkalkulierbarer Härte auf Trumps Härte reagieren sollte. Sondern weiterhin alles versuchen muss, Trump zu mäßigen. Und sich zugleich auf das Schlimmste vorbereiten muss.
So gesehen sind die 15 auf Wunsch Dänemarks gestern auf Grönland gelandeten deutschen Soldaten (lesen Sie hier mehr) eine doppelte Botschaft an Trump: erstens, dass es zur Sicherheit Grönlands gegen Russland und China mehr gemeinsamen Engagements bedarf; und zweitens, dass die Europäer Grönland nicht Trump preisgeben werden.
Zumindest der zweite Teil der Botschaft scheint in Washington angekommen zu sein. Gegnern seiner Grönlandpolitik hat Trump prompt mit Strafzöllen gedroht: »Ich werde möglicherweise einen Zoll gegen Staaten verhängen, die bei Grönland nicht mitziehen, denn wir brauchen Grönland für die nationale Sicherheit.« (Lesen Sie hier die Details.)
»Die Kräfte der Trägheit, der Gier und der Reaktion«, schrieb William Harlan Hale 1947, »sind stets unter uns.«
Mehr Hintergründe hier: So gefährlich ist unsere Abhängigkeit von Amerika
Wie weiter mit Jens Spahn?
Am Anfang herrscht Durcheinander, das ist nicht ungewöhnlich. Die Regierung Merz ist da keine Ausnahme. Zum Beispiel Gerhard Schröder: Erst als Frank-Walter Steinmeier ein knappes Jahr nach Regierungsantritt die Leitung des Kanzleramts übernahm, lief die Regierungsmaschine ruhiger. Bei Friedrich Merz nun, so beschreibt es mein Kollege Konstantin von Hammerstein, arbeiten die drei Machtzentren der Union nach knapp neun Monaten so schlecht zusammen, »dass sie intern als ›Bermudadreieck‹ gelten.« Gemeint sind CDU-Zentrale, Bundestagsfraktion und Kanzleramt: »Einig scheinen sie sich oft nur in einem einzigen Punkt zu sein. Dass nicht sie, sondern die jeweils anderen an dem Chaos schuld seien.«
Fraktionschef Spahn, Kanzler Merz: Womöglich nie getraut
Foto: Michael Kappeler / dpaIm Zentrum der Kritik stehen Kanzleramtschef Thorsten Frei und Fraktionschef Jens Spahn. Gemeinsam ließen sie den Rentenstreit mit der Jungen Union eskalieren. Bei der Richterwahl bekam Spahn die Koalition nicht auf Linie. (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen.) Führende Unionspolitiker, so Konstantin, sprechen von »Prozessschwäche«.
Was tun? Frei auswechseln? Spahn auswechseln? Aber wie? Konstantin über Merz: »Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen, so berichten es seine Leute, sei der Fraktionschef. Der Kanzler traue Jens Spahn nicht über den Weg, habe ihm womöglich nie getraut.« In den vergangenen Wochen sollen Spahn und Merz mehrfach heftig aneinandergerasselt sein, heißt es im Kanzleramt.
Im Mai steht die Wiederwahl von Jens Spahn als Fraktionschef an. Dann wird man sehen.
Die ganze Geschichte hier: Immer Ärger mit dem Personal
Linke gegen Linke
In Leipzig sind heute mehrere Kundgebungen und Demonstrationen zum Nahostkonflikt angekündigt. Oder konkret formuliert: Im Leipziger Stadtteil Connewitz, einer Hochburg der linksalternativen Szene, wollen heute Linke gegen Linke auf die Straße ziehen. Im Zentrum steht die sächsische Linkspartei-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel, eine bekannte Antifaschistin.
Leipziger Linkenpolitikerin Nagel: Migrantifa gegen Antifa
Foto: EHL Media / Tobias Voelcker / IMAGOUnter Leipziger Linken ist Nagel das prominenteste Gesicht des proisraelischen Lagers, schreibt unser Leipzig-Korrespondent Peter Maxwill. Daher steht sie im Mittelpunkt einer Kampagne, mit der propalästinensische Aktivisten gegen sie persönlich vorgehen.
Kurz gesagt: Es geht heute auch um die Frage, wie sich die politische Linke seit dem Hamas-Terror und dem darauffolgenden Gazakrieg positioniert. »Die Konfliktlinien und Argumente sind kaum zu überblicken«, sagt Peter. »Grob lassen sich zwei Lager unterscheiden: Auf der einen Seite vertreten dogmatische Antiimperialisten eine propalästinensische, antiisraelische Haltung. Auf der anderen Seite stehen Autonome und sogenannte Antideutsche, die überwiegend an der Seite Israels stehen.« Heißt: Migrantifa gegen Antifa.
Zu den Gruppen, die für Samstag mobilisieren, zählt Handala, ein Leipziger Verein, der laut Verfassungsschützern Sympathien für die Terrororganisation Hamas zeigt und mit antisemitischen Parolen auffiel. Mich überrascht es immer wieder, dass deutsche Linke – oder besser: Leute, die sich als Linke sehen – derart anfällig sind für Antisemitismus.
Die ganze Geschichte hier: Linke gegen Linke
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Gewinner des Tages…
…ist der Hefeteig. Er bekommt heute ein bisschen Aufmerksamkeit, weil er in Form eines 1,20 Meter hohen und zehn Kilogramm schweren Gebäckgebildes an den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland übergeben wird. Denn Friedrich Merz bekommt vom Bäckerinnungsverband West in Dortmund den »Großen Stutenkerl« verliehen. Die Auszeichnung mit diesem Weckmann (oder wie auch immer der in Ihrer Region heißen mag) erhalten Leute, die sich um das (Bäcker-)Handwerk verdient gemacht haben. Da habe ich auf die Schnelle bei Merz kein besonderes Verdienst recherchieren können, aber für den Hefeteig ist es doch in jedem Fall eine schöne Geste. Helmut Kohl (auch Kanzler) und Armin Laschet (nicht Kanzler geworden) haben den Stutenkerl übrigens auch schon erhalten.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Iranische Regierungsvertreter von Münchner Sicherheitskonferenz ausgeladen: Die Münchner Sicherheitskonferenz äußert sich sonst nicht zu ihrer Einladungspolitik. Wegen der äußersten Brutalität gegen Protestierende werden jedoch keine Vertreter Irans teilnehmen – dazu hatte auch die Bundesregierung geraten.
Trump holt Blair in Kontrollgremium für Gaza: Ein Friedensrat soll die Übergangsverwaltung des Gazastreifens überwachen. Die US-Regierung hat jetzt die Mitglieder benannt. Mit dabei: der britische Ex-Premier Tony Blair und Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.
Wer in der Schwangerschaft Paracetamol nimmt, erhöht NICHT das Risiko für Entwicklungsstörungen beim Kind: US-Präsident Trump behauptet: Wer in der Schwangerschaft Paracetamol einnehme, könne das Risiko für Autismus und ADHS beim Kind erhöhen. Belege hat er nicht. Eine große Studie zeigt nun: Es gibt keinen Zusammenhang.
Heute bei SPIEGEL Extra: Wenn Sie Kinder wollen, ist dieser Text für Sie. Wenn nicht, erst recht
Alexandra Polina / DER SPIEGEL
Unsere Autorin will nicht Mutter werden. Warum stört das andere Menschen so?
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Sebastian Fischer, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro
