Auch ein geringer Abstand kann im Fußball zu groß sein: 0:0 gegen die spanischen Weltmeisterinnen – das Hinspiel dieses Nations-League-Finals war ein Erfolg für das DFB-Team und ein Beleg seiner positiven Entwicklung. Im Rückspiel in Madrid konnte es den ersten Titel seit 2016 gewinnen. Lange hielt es gegen Spanien mit. Bis bei einem gegnerischen Angriff erst Giulia Gwinn und dann Rebecca Knaak ihren Gegenspielerinnen einige Zentimeter zu viel Abstand gewährten. Schon stand es 1:0 für Spanien. Das war in der 61. Minute. Es war der Anfang vom Ende der DFB-Träume. 13 Minuten später hieß es 0:3, der starke Auftritt zuvor sowie im Hinspiel wurde bedeutungslos.
Ergebnis: 0:3 (0:0) unterlag Deutschland Spanien in diesem Final-Rückspiel. Die Weltmeisterinnen sind nun auch Nations-League-Gewinnerinnen.
Überraschend deutlich: Im Hinspiel in Kaiserslautern waren die DFB-Spielerinnen noch überlegen gewesen, konnten beim 0:0 ihre Chancen aber nicht nutzen. Man wisse nun, dass man gegen Spanien nicht nur mithalten, sondern das eigene Spiel durchziehen könne, sagte Wück danach. »Das ist schon eine Entwicklung, die uns die wenigsten zugetraut hätten.« Das stimmt. Und man war nun überrascht, wie überrascht man darüber war, dass Deutschland Spanien diesmal so wenig entgegenzusetzen hatte. Wobei das nicht von Beginn an so war.
Die erste Hälfte: War geprägt von einem taktischen Mittel, dem Pressing. Bei gegnerischen Abstößen schoben die Teams hoch, sie wollten früh den Ball erobern, und auch sonst war diese Partie eine der Zweikämpfe. Alle Spielerinnen jagten den Ball oder versuchten, ihn gegen Jägerinnen zu behaupten. Dass dieses Spiel so begann und eine gute halbe Stunde so weiterlief, war für die deutsche Elf ein Erfolg. Denn so wurde Spaniens technische Überlegenheit lange zur Nebensache. Bis sie sich schließlich durchsetzte.
Mariona gegen Berger: Ball pariert, Treffer kassiert
Foto: Manu Fernandez / APBerger gegen Treffer, Treffer gegen Berger: Schon während der ausgeglicheneren ersten halben Stunde dieser Partie war Spanien etwas gefährlicher als Deutschland; danach wurde die spanische Dominanz teils erdrückend. Das 0:0 zur Pause rettete dem DFB-Team seine Torhüterin, Ann-Katrin Berger. In der 45. Minute verhinderte ihr Reflex das sichere 0:1 durch Mariona (wobei sie die Chance selbst mit einem Fehlpass eingeleitet hatte). Einen Treffer kassierte Berger in dieser Szene doch, wenn auch kein Gegentor: Mariona erwischte beim Nachsetzen im Anschluss an die Parade Berger mit dem Schienbein am Kopf. Nach kurzer Behandlung konnte die 35-Jährige weiterspielen.
Christian allein zu Haus: Und plötzlich war sie da, die Großchance aufs deutsche 1:0. Einen halbhohen Pass von Elisa Senß vor den Strafraum leitete Sjoeke Nüsken vor das Tor weiter, wo Nicole Anyomi die Situation schneller erfasste als die spanische Verteidigung. Doch die Stürmerin von Eintracht Frankfurt schoss Zentimeter am Tor vorbei (45.+2). Die TV-Kameras fingen daraufhin Bundestrainer Wück ein, der die Handflächen an die Wangen drückte wie einst der Aftershave ausprobierende Macaulay Culkin in Kevin – Allein zu Haus . Vielleicht ahnte Wück: Eine solche Chance würde sein Team nicht noch mal erhalten.
19-jährige López beim Torjubel: Umzingelt, aber erfolgreich
Foto: Javier Soriano / AFPDeutschland geht die Puste aus: Man erkannte das beim 0:2. Da ließ Führungsspielerin Nüsken Spaniens Toptalent Vicky López ziehen. Eigentlich fehlten Nüsken nicht viele Meter, um López zu stören, doch ihr schien die Power auszugehen, die der nötige Sprint verlangte. Sie schien zu hoffen, dass Teamkollegin Knaak einspringen würde, doch diese zögerte. López hingegen strotzte vor Kraft, sie zog in den Strafraum und schlenzte den Ball ins lange Eck. Im Moment des Schusses umzingelten sie vier DFB-Verteidigerinnen, aber sie alle ließen López den Abstand, den sie für dieses Traumtor brauchte.
Es kam noch schlimmer: Abwehrchefin Janina Minge spielte den Ball nicht zu Kapitänin Gwinn, sondern zu Clàudia Pina. Diese dribbelte auf den Strafraum zu, wurde nicht attackiert und schoss den Ball aus gut 20 Metern über Berger hinweg ins Tor. Ein wunderbarer Treffer einer wunderbaren Spielerin. Das war in der 74. Minute. Gut 150 Minuten lang hatte sich Deutschland gegen die spanischen Favoritinnen gut geschlagen. Doch in diesen 13 Minuten war das DFB-Team kollabiert.
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Dabei fehlten sogar Spaniens Beste: Spanien musste ohne Aitana Bonmatí auskommen. Die 27 Jahre alte Weltfußballerin hatte sich am Sonntag im Training das Wadenbein gebrochen. Vor dem Finale verkündete ihr FC Barcelona, dass die Mittelfeldspielerin rund fünf Monate ausfallen würde. Bonmatís Geniestreich war es, der das deutsche Aus im EM-Halbfinale bedeutete. Spanien musste aber auch ohne Patri Guijarro auskommen. Die ist zwar nicht Weltfußballerin, gilt aber manchen als eigentliche Schlüsselspielerin im spanischen Mittelfeld. Auch sie fehlte verletzt.
Und das bedeutet? Wück dürfte zu Recht dagegenhalten, dass auch er auf Lena Oberdorf verzichten musste. Und dass das DFB-Team Fortschritte macht. Im Vergleich zum verlorenen EM-Halbfinale hatte Deutschland mehr vom Spiel, war in Kaiserslautern sogar auf Augenhöhe mit Spanien. Gerade aufgrund des guten Auftritts in jenem Hinspiel vergangene Woche ist das Resultat von diesem Abend umso schmerzhafter für den DFB. Falls man dachte, dass der Rückstand auf Spanien gering geworden ist, hat man sich getäuscht.
