Verschimmelte Gemeinschaftsküchen und Bäder, bröckelnder Putz, Wasserschäden, verrostete Toiletten, lose Kabel: Die Liste der Mängel, die Bewohnerinnen und Bewohner der Münchner Studentenstadt gesammelt haben, ist lang. Bereits in der vergangenen Woche hatten sie dem Studierendenwerk München Oberbayern, Betreiber der Wohnheime, mehr als 2400 Fotos von Gemeinschaftsräumen überreicht, auf denen die Schäden festgehalten sind. Die Studierenden kündigten an, ab März eine Mietminderung durchsetzen zu wollen, sollte das Studierendenwerk nicht zeitnah handeln. Über die schlechten Zustände in Münchner Wohnheimen hatte die »Süddeutsche Zeitung« zuerst berichtet .
Undichtes Rohr, schimmelige Wände: Auch das Studierendenwerk spricht von »zum Teil sehr großen« Schäden
Foto: PrivatAuf die Klagen der Studierenden hat der Betreiber nun mit einem Aktionsplan reagiert, der dem SPIEGEL vorliegt: Seit Anfang der Woche hätten demnach erste Reinigungsarbeiten in den Gemeinschaftsbereichen, Fluren, Küchen und Sanitäranlagen der sogenannten Altstadt der Studentenstadt begonnen. »Zahlreiche« Kühlschränke und Herde seien bereits ausgetauscht worden. Zudem habe man die dokumentierten Schäden vor Ort erfasst, was künftig »regelmäßig« erfolgen solle. Das Budget solle aufgestockt werden, um etwa Reparaturen »deutlich schneller« durchführen zu können.
Man wolle über die Fortschritte regelmäßig informieren. Ziel sei es, das »Vertrauen der Studierenden in unsere Wohnanlagen zurückzugewinnen«, heißt es in der Erklärung.
Die Bewohner üben hingegen weiter Kritik am Studierendenwerk: »Wir wurden an der Erarbeitung des Aktionsplans nicht beteiligt – dabei sind wir doch die Betroffenen«, sagt Philipp Hörterer, Bewohner der Studentenstadt. »Das sorgt bei uns nicht für Zuversicht, sondern für Unverständnis«, heißt es auch in einer Stellungnahme. Kurzfristige Maßnahmen änderten zudem nicht das Grundproblem: »Jahrelang fahrlässiges Handeln, fehlende Einbindung, Abwehr statt Dialog, und dann PR, sobald der öffentliche Druck steigt«, heißt es in der Erklärung. »So kann es nicht weitergehen.«
»Handeln Sie jetzt, sonst handelt die Stadt«
Seit 2015 gehört die Münchner Studentenstadt dem Studierendenwerk München Oberbayern. Mit 2478 Wohnplätzen gilt sie als die größte Studierendensiedlung Deutschlands. Die Aufnahmen entstanden in der sogenannten Altstadt, die 1968 fertiggestellt wurde und die Häuser mit insgesamt etwa 750 Wohnplätzen umfasst. Die Neustadt, in der sich inzwischen einige Häuser im Besitz der staatlichen Wohnbaugesellschaft Bayernheim GmbH befinden, steht derzeit wegen anhaltender oder geplanter Sanierungsarbeiten weitestgehend leer. Vertreter der Bewohnerinnen klagen allerdings, dass auch die Zustände in weiteren Münchner Wohnheimen des Studierendenwerks katastrophal seien.
In einer E-Mail an die Bewohner der Studentenstadt bezeichnete die Geschäftsführerin Claudia Meijering die Schäden als »zum Teil auch sehr groß« und »unbestritten«. Dafür wolle sie sich »entschuldigen«, auch »im Namen des gesamten Teams des Studierendenwerks«. Um die nötigen Instandhaltungsmaßnahmen und Reparaturen »zeitnah« durchführen zu können, brauche es Mithilfe der Studierenden bei Erfassung und Priorisierung aller Mängel. Von früheren Aussagen, der Schimmel sei vor allem dem Hygieneverhalten der Studierenden geschuldet, rückte das Studierendenwerk hingegen ab.
Student Philipp Hörterer
Auf Anfrage der »Süddeutschen Zeitung« hatte das Studierendenwerk bereits mitgeteilt, dass man jeden einzelnen Antrag auf Mietminderung »gemäß der rechtlichen Vorgaben prüfen« werde und bereit sei, »berechtigten Mietminderungen zu entsprechen«. Zugleich hieß es, die vorgelegte Mängelliste begründe aus Sicht des Studierendenwerks »noch keinen Anspruch auf Mietminderung«.
Die Politik hatte zuvor den Druck erhöht. Bei einem Besuch in der Siedlung bezeichnete Münchens Zweiter Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) die Zustände als »Sauerei« im Umgang mit jungen Menschen. In einem Instagram-Video appellierte er an die bayerische Staatsregierung: »Handeln Sie jetzt, sonst handelt die Stadt.«
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
»Nicht hinnehmbare« Zustände
Das Wissenschaftsministerium sieht hingegen die Stadt in der Verantwortung: »Es kann nicht sein, dass das Studierendenwerk schon seit über einem Jahr auf konkrete Schritte der Landeshauptstadt zur Bauleitplanung warten muss«, heißt es in einer Erklärung, die dem SPIEGEL vorliegt. Die geschilderten Zustände, insbesondere in der sogenannten Altstadt der Studentenstadt, seien »nicht hinnehmbar«. Längerfristig führe am kompletten Neubau kein Weg vorbei.
Bröckelnde Wände: »Mit Hochdruck« solle bald auch die Altstadt der Studentenstadt in den Blick genommen werden, heißt es in einer Erklärung des bayerischen Wissenschaftsministeriums
Foto: PrivatDer Erklärung zufolge habe der Freistaat bereits 151 Millionen Euro für die Kernsanierung der Studentenstadt investiert. Nach Abschluss der Maßnahmen in der Neustadt müsse »mit Hochdruck auch die Altstadt in den Blick genommen« werden.
Ob sich die Situation zeitnah bessert? Bewohner Philipp Hörterer ist skeptisch – und enttäuscht vom Studierendenwerk, das seiner Ansicht nach zu lange nicht reagiert hat. Aktuell steckten viele der Bewohnerinnen und Bewohner in der Klausurenphase. »Anstatt uns in Ruhe auf die Prüfungen vorbereiten zu können, müssen wir darum kämpfen, dass die katastrophalen Zustände in unseren Wohnheimen endlich enden«, sagt er. »Wir haben Besseres zu tun.«
- Sanierungsbedarf: Unhygienische Zustände – Studierende müssen aus Berliner Wohnheim ausziehen
- Marode bayerische Hochschulen: »Die Schadstoffbelastung im Audimax ist so hoch, dass Schwangere sich regelmäßig testen sollen« Ein Interview von Katharina Hölter
- Wohnungsnot unter Studierenden: In diesem ehemaligen Flüchtlingsheim leben nun Erstis Aus Köln berichtet Jonah Lemm
Nicht nur in bayerischen Wohnheimen klagen Studierende über mangelnde hygienische Zustände. Um auf sanierungsbedürftige Hochschulgebäude aufmerksam zu machen, hatte der bayerische Landesstudierendenrat (BayStuRa) im vergangenen Jahr einen Fotowettbewerb ausgerufen. Lesen Sie hier mehr über Tropfsteinhöhlen im Keller der Universität Erlangen-Nürnberg – und wie es sich in maroden Hörsälen überhaupt studieren lässt.
