100 besonders schlaue gegen 100 besonders starke Teilnehmer, fünf Millionen Dollar als Hauptpreis – und viel Drama. Das verspricht der Trailer für die am 7. Januar auf Amazon Prime Video startende zweite Staffel von »Beast Games«, einem der aufwendigsten Realityformate der Geschichte.
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Der Host der Megashow ist MrBeast, der größte Internetstar überhaupt. Bürgerlich heißt er James Stephen »Jimmy« Donaldson, seinem Hauptkanal auf YouTube folgen mehr als 454 Millionen Accounts. Sein Unternehmen Beast Industries wurde von Investoren zuletzt mit 5,2 Milliarden Dollar bewertet. Auch mit Schokolade (»Feastables«) und Spielzeug (»MrBeast Lab«) setzt Donaldson inzwischen Millionen um.
Falls Sie trotz all dem noch nie zuvor von MrBeast gehört haben, empfehlen wir Ihnen dieses aktuelle Porträt, das Donaldsons Werdegang vom Nerd aus North Carolina zum König von YouTube beschreibt. Hier finden Sie auch ein SPIEGEL-Shortcut-Video über MrBeast.
Doch warum ist ausgerechnet Donaldson im Netz so viel erfolgreicher als andere Creator? Hier sind zehn Gründe.
1. Er will mit jeder Sekunde seiner Videos fesseln
»Ich habe dieses Hochsicherheitsgefängnis gebaut. Wenn dieser Polizist und dieser Verbrecher 100 Tage zusammen überleben, gebe ich ihnen eine halbe Million Dollar.« Mit Sätzen wie diesen beginnt Donaldson seine Videos. Mal schreit er sie in die Kamera, mal spricht er ruhig aus dem Off. Dramatisch klingt es immer.
Denn Donaldson weiß: Wer sich auf YouTube langweilt, klickt einfach das nächste Video an. Die Inhalte konzipieren er und sein Team bewusst so, dass dem Zuschauer kaum Zeit zum Nachdenken bleibt.
Donaldson setzt auf existenzielle Fragen (»Würdest du für 500.000 Dollar riskieren, zu ertrinken?« ), ungewöhnliche Orte (»1 Dollar vs. 1.000.000.000 Dollar Atombunker« ), Stunt-artige Aktionen (»1000 Mal durch den gleichen Drive-in fahren« ) oder absurd hohes Preisgeld (»Schlage Ronaldo, gewinne 1.000.000 Dollar« ). Dabei drückt er aufs Tempo, mit oft über 30 Schnitten pro Minute — das ist Actionfilm-Niveau.
Manche Videos stopft er so voll mit Wettkämpfen, dass es fast verschwenderisch wirkt. Für »Ich habe die 5 tödlichsten Orte überlebt« etwa drehte er in fünf Ländern auf drei Kontinenten. Im deutschen Fernsehen gibt es »Das Duell um die Welt«. Eine Folge des Joko-und-Klaas-Formats samt Studiospielen dauert fast drei Stunden, ein typisches MrBeast-Video dauert selten länger als 30 Minuten; früher sogar oft nur 12 bis 15 Minuten.
2. Er zielt auf das größtmögliche Publikum
Für die maximale Reichweite trimmt Donaldson seine Videos auf Massentauglichkeit. Dafür lässt er sie in über 20 Sprachen übersetzen, darunter Arabisch, Russisch und Pandschabi.
Bei MrBeast dreht sich vieles um ein Thema, das überall auf der Welt verstanden wird: Geld. Videotitel locken oft mit hohen Beträgen, die Gewinne werden als Haufen, Stapel oder Säcke voller Dollarscheine inszeniert. Und immer wieder überrascht Donaldson sowohl die Kandidaten als auch das Publikum mit zusätzlichen Preisen.
Obwohl Elon Musk unternehmerisch zu seinen Vorbildern gehört, gibt er selbst sich unpolitisch. Dem US-Moderator David Letterman erklärte Donaldson neulich, MrBeast-Content dürfe »nicht kulturgebunden« sein, weil er sonst nur in einem Land funktioniere. Würde es in seinen Videos etwa um US-Präsident Donald Trump gehen, würde das Amerikaner ansprechen, den Rest der Welt aber weniger.
Will man der größte YouTuber der Welt werden — oder bleiben — sollte man offenbar nicht zu stark polarisieren. Doch auch Donaldson wird kritisiert: Onlinekommentatoren nennen seine Inhalte schon mal »eklige, kapitalistische Propaganda«.
Freizeitpark »Beast Land« in Riad: Saudi-Arabien ist für Donaldson nur ein Land »in der Mitte der Welt«
Foto: Hamad I Mohammed / REUTERSIn seiner Wachstumsstrategie des Nichtaneckens und Globaldenkens ist selbst Saudi-Arabien nur ein Land »in der Mitte der Welt«. In Riad eröffnete der YouTuber im November einen Pop-up-Freizeitpark namens »Beast Land«, zuvor hatte er dort laut eigenen Angaben bereits Teile der zweiten Staffel »Beast Games« gedreht.
3. Er investiert in den Wow-Faktor
Drei, vier, auch mal sechs Millionen Dollar: Viele Videos für seinen Hauptkanal sind teuer. Neben den Preisgeldern und aufwendigen Kulissen treibt der »Wow-Faktor« die Kosten in die Höhe. In Donaldsons Welt ist das ein »nicht messbarer Bestandteil von Viralität«, den man erreicht, indem man »Dinge tut, die sonst niemand auf YouTube machen kann« — wie etwa einen Lamborghini schreddern zu lassen.
Fragen sich Zuschauer mitten im Video, was zur Hölle da gerade passiert, ist das der »Wow-Faktor«. Für ihn arbeitet Donaldson manchmal auch mit computergenerierten Effekten, die alles noch spektakulärer aussehen lassen. In »Beast Games« wirken dann etwa Podeste, auf denen die Kandidaten stehen, deutlich höher als in der Realität.
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Neben seinen Budgets ist auch Donaldsons Team für YouTube-Verhältnisse riesig: Sein Unternehmen Beast Industries beschäftigt inzwischen über 500 Mitarbeiter, mehr als 300 davon allein für die Medienproduktion.
Zum Vergleich: Moritz »HeyMoritz« Schirdewahn ist mit zwei Millionen Abonnenten einer der größten deutschen YouTuber. Der 23-Jährige veröffentlicht unterschiedlich aufwendige Videos, wie »1 Tag Aushalten auf dem Laufband « oder »Aufgewacht in 3000 Metern unter Heißluftballon! «. Im Bereich Content-Creation aber hat Schirdewahn nur einen festen Mitarbeiter.
YouTuber Moritz »HeyMoritz« Schirdewahn: »MrBeast spielt in einer komplett anderen Liga«
Foto: Ansgar Dlugos / DER SPIEGELDie etwas teureren HeyMoritz-Videos kosten rund 10.000 bis 15.000 Euro. Schirdewahn sagt, mehr als 50.000 Euro habe er noch nie ausgegeben. »MrBeast spielt in einer komplett anderen Liga«, sagt er, der im Auftrag von Jimmy Donaldson höchstpersönlich mal eine Kälte-Challenge durchlebte .
4. Er befeuert, was zündet
Jimmy Donaldson versucht, Formate zu etablieren, die funktionieren. Dazu gehören »1 Dollar vs. 1 Milliarde Dollar«-Videos, in denen er unterschiedlich teure Ausführungen von Jachten , Atombunkern oder Autos ausprobiert. Genau wie 24-Stunden- und 100-Tage-Challenges, wie »24 Stunden am Stück in der Wüste überleben «. Und »Der Letzte, der«-Videos, bei denen gewinnt, wer es am längsten in einem Kreis oder einer Achterbahn aushält.
Was gut ankommt, wiederholt Donaldson: 2019 verbrachte er 24 Stunden auf einer einsamen Insel , fünf Jahre später waren es sieben Tage . Er ließ sich auch schon zweimal lebendig begraben.
Der SPIEGEL hat für mehrere Berichte über das Phänomen MrBeast mit Kandidaten aus Donaldsons Formaten, aber auch mit Ex-Mitarbeitern und Szenekennern wie anderen YouTubern gesprochen. Außerdem hat das Autorenteam etliche Interviewauftritte von Donaldson und anderen MrBeast-Vertretern ausgewertet. Mithilfe von KI-Tools wurde auch noch der komplette YouTube-Videokatalog des Amerikaners zu bestimmten Themen durchsuchbar gemacht. Der SPIEGEL hatte auch Kontakt zu Donaldsons PR-Team, letztlich aber führten mehrere Interviewanfragen ins Leere. Donaldson habe zu viel anderes zu tun, hieß es.
5. Er versteht YouTube wie kein anderer
Donaldson wollte stets nur eines: YouTuber werden. Er habe das College nach zwei Wochen abgebrochen, sagt er. Dafür habe er jahrelang den YouTube-Algorithmus studiert, manchmal »bis zu 20 Stunden am Stück«.
Seine Erkenntnisse hat er vor einigen Jahren in einem Handbuch für Mitarbeiter zusammengefasst. Mancher Tipp darin ist banal – etwa, dass ein Video über 50 Stunden in Ketchup baden »100 Mal viraler« sei, als eines über 50 Stunden im eigenen Vorgarten.
Computergenerierte Vorschaubilder, sogenannte Thumbnails, sollen neugierig machen. Denn viele User klicken nur, wenn der allererste Eindruck stimmt. Und was viele Menschen klicken und möglichst lange schauen, empfiehlt der YouTube-Algorithmus weiter.
Verschiedene Thumbnails aus der Karriere von MrBeast: Nicht immer sah alles so professionell aus
Foto: YouTube / MrBeastBei Beast Industries ist rund ein Dutzend Mitarbeiter mit dem Thumbnail-Design beschäftigt. Dabei wird auch auf Tricks gesetzt: Ein Vorschaubild etwa zeigt Donaldson gefesselt und mit verrußtem Gesicht vor einem Flammeninferno – obwohl sich im Video ein Stuntman dem Feuer stellt, nicht er. Und das Vorschaubild für »Überlebe 30 Tage gekettet an deinen Ex-Partner, gewinne 250.000 Dollar « suggeriert, die Kandidaten seien Donaldson und seine Verlobte Thea Booysen. Was nicht stimmt.
Eigentlich ist das routinemäßige Täuschung. Die YouTube-Welt aber hat sich daran gewöhnt – und Tausende Creator eifern Donaldsons Thumbnail-Stil nach.
6. Er ist offen für Veränderung
Donaldson arbeitet extrem datengetrieben und reagiert auf Veränderungen in der Branche. Etwa mit Kurzvideos, die speziell für YouTube Shorts, TikTok und Instagram produziert werden. YouTube wird derweil häufiger am Fernseher geschaut – dazu passend sind MrBeast-Videos heute deutlich länger als noch vor wenigen Jahren. Sogar eine MrBeast-Animationsserie gibt es neuerdings.
Donaldson betont immer wieder, dass ihm gutes Storytelling inzwischen viel wichtiger sei. Auf X rief er 2024 andere Creator dazu auf, gemeinsam mit ihm »die Ära der ultraschnellen und überstimulierenden Inhalte« hinter sich zu lassen.
This past year i’ve slowed down our videos, focused on story telling, let scenes breathe, yelled less, more personality, longer videos, etc. And our views have skyrocketed!
— MrBeast (@MrBeast) March 3, 2024
My fellow YouTubers lets get rid of the ultra fast paced/overstim era of content. It doesn’t even work 💀 pic.twitter.com/J7IBwHF6Jj
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Wahrscheinlich kann er sich auch deshalb so schnell anpassen, weil es ihm primär um Viralität geht, nicht um Kunst. In seinem Handbuch heißt es schlicht, das Ziel sei, »die bestmöglichen YouTube-Videos« zu machen – und nicht etwa die am besten produzierten, die lustigsten oder die ästhetischsten.
7. Er träumt größer als andere
Schon mit knapp 9000 Abonnenten träumte Donaldson davon, eines Tages die Million zu knacken. Und selbst heute liebäugelt er mit noch viel mehr Erfolg. Anfang 2025 tauchte er kurz als möglicher TikTok-Käufer in den Schlagzeilen auf. Beast Industries will er zum nächsten Disney machen. Und schon bis 2029 soll sein Unternehmen seinen Umsatz von 2024 laut Medienberichten noch unter 500 Millionen auf fast 5 Milliarden Dollar steigern.
Zur Wahrheit gehört aber, dass Beast Industries 2022, 2023 und 2024 rote Zahlen geschrieben hat. Das lag primär an den hohen Ausgaben für seine Videos.
Donaldson als größenwahnsinniger Visionär macht das Unternehmen für Investoren dennoch interessant. Erst recht, weil er schon mehrfach bewiesen hat, dass es doch immer noch größer oder schneller geht. 2021 etwa ließ er die Sets von »Squid Game« für eine Spielshow nachbauen. Netflix brauchte für eine Reality-Adaption der eigenen Serie zwei Jahre länger.
»Squid Game in real life« von MrBeast: Innerhalb von zwei Monaten ließ er die Sets aus der Netflix-Serie für eine eigene Spielshow nachbauen
Foto: Mr. Beast / YouTubeAber selbst Donaldson gelingt nicht alles: Zu Beginn der Coronapandemie etwa startete er mit einer Partnerfirma zusammen MrBeast Burger. Bald mehrten sich Beschwerden über die Qualität des Essens. Donaldson verklagte daraufhin die Partnerfirma. Diese konterte mit einer Gegenklage. Auch die sogenannte »MrBeast Experience« in Las Vegas erwies sich dieses Jahr als Flop.
Und sein Unternehmen hat auch schon Mitarbeiter wegen Fehlverhaltens am Arbeitsplatz gefeuert . Außerdem gab es öffentliche Beschwerden von Formatteilnehmern über schlechte Produktionsbedingungen.
8. Er kann Produkte auf seiner riesigen Bühne vermarkten
Geld verdient Donaldsons Unternehmen unter anderem, indem YouTube Beast Industries an seinen Anzeigeneinnahmen beteiligt. Außerdem zieht Donaldson eigene Werbepartner an Land, deren Produkte er oft geschickt in den Erzählfluss seiner Videos einbaut. Solche Einnahmen aus dem Medienbereich machten 2024 angeblich knapp die Hälfte des Jahresumsatzes aus.
Die andere Hälfte soll das Unternehmen mit eigenen Produkten gemacht haben, vorwiegend mit Feastables. Die Schokoladenmarke ist in der Welt von MrBeast omnipräsent: Seit der Gründung im Juli 2021 wurde sie in mehr als jedem zweiten MrBeast-Video erwähnt. Für sich genommen soll Feastables laut Medienberichten im Jahr 2024 profitabel gewesen sein.
9. Er schmückt sich mit einem Wohltäter-Image
In einem Video von 2017 schenkte Donaldson einem Obdachlosen 10.000 Dollar und ging damit viral. Seit einigen Jahren setzt er regelmäßig auf Charityprojekte, mit »Beast Philanthropy« hat er sogar einen eigenen YouTube-Kanal dafür. Auf X hat Donaldson sogar eine Liste mit guten Taten an sein Profil geheftet, darunter Einträge wie »3 Millionen gepflanzte Bäume«, »33 Millionen Pfund aus dem Meer geholter Müll« und »500.000 Menschen versorgen sich mit Wasser aus unseren Brunnen«.
Er wolle mit seinem Engagement auch andere inspirieren, Gutes zu tun, erklärt Donaldson in einem Podcast. Zugleich frustriere es ihn, sagt er sinngemäß, dass Leute seinen Charity-Content kritisieren, während sie den Luxuskonsum anderer Content-Creator abfeiern.
Dass Donaldson für seine Charityprojekte online oft hart angegangen wird, stimmt. Er bekommt aber auch viel Lob. Und nebenbei sind seine Projekte auch ein guter Schutzmantel. Wer etwa meint, MrBeast mache die Welt zu einem schlechteren Ort, muss anerkennen, dass Donaldson mit seinem Geld und seiner Reichweite faktisch auch vielen Menschen geholfen hat.
Donaldson inszeniert sich als Wohltäter: 100 Brunnen für Afrika
Foto: Mr. Beast / YouTubeRhodri Davies ist ein Wohltätigkeitsforscher der Universität Kent. Er sagt: »Wenn MrBeast einem Publikum zeigt, wie gut es sich anfühlt, großzügig zu sein, ist das eine gute Sache.« Allerdings kritisiert Davies, dass Donaldson häufig als »White Saviour« auftritt, und verweist dabei etwa auf ein Video, für das Donaldson 100 Brunnen in Afrika bauen lässt. In solchen Videos zeige Donaldson oft nur dankbare, freudestrahlende und gerührte Menschen: »Es entsteht der Eindruck, dass MrBeast mit seinem Geld machen kann, was er will, und in Armut lebende Menschen ihm dankbar sein müssen.«
10. Er arbeitet wie besessen
Und nicht zuletzt gehört auch das zu Donaldson Erfolgsgeheimnissen: Er arbeitet seit Jahren extrem viel, mit sehr wenig Zeit für ein klassisches Privatleben. Bei einem Event der »New York Times« sagte der YouTuber neulich, er habe in den vergangenen anderthalb Jahren gerade einmal drei Tage Urlaub genommen. Oft habe er im Monat 28 Drehtage – und die Drehs sind nur ein Teil seiner Arbeit.
Vielleicht kompensiert er mit Fleiß, dass er vor der Kamera kein Wunderkind ist. Sogar David Letterman beschrieb ihn kürzlich als »sozial unbeholfen«. Die meisten Follower hat er wohl tatsächlich wegen seines Contents, nicht wegen seiner Persönlichkeit. Bei vielen anderen Internetstars wie MontanaBlack ist das genau andersherum.
Viele Content-Creator haben mit Burn-out zu kämpfen. Wie lang Donaldson sein Pensum noch durchhält, wird sich zeigen. Er kündigte kürzlich an, in den »ultra grind mode« zu wechseln, also noch härter zu arbeiten. Wie auch immer das möglich sein soll.
