SpOn 20.02.2026
18:58 Uhr

Motorrad mit Feststoffakku aus Finnland: Zu gut, um wahr zu sein – oder?


Ein Start-up aus Finnland will Motorräder mit revolutionären Batterien bauen: sicher, langlebig, leistungsstark und nicht einmal teuer. Manche zweifeln daran, doch bald soll es Beweise für das Versprechen geben.

Motorrad mit Feststoffakku aus Finnland: Zu gut, um wahr zu sein – oder?
Klimakrise

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Mit Käppi und vorgerecktem Kinnbart wendet sich Marko Lehtimäki an die Kamera, sein Auftritt wirkt eher provokant als seriös. Der Gründer des finnischen Start-ups Donut Labs greift offensiv etliche Einwände und Zweifel auf, ob die von seiner Firma verkündete »Revolution« mit einem neuartigen Feststoffakku wirklich wahr sein könne. Schon klar, dass man »einer kleinen Gruppe Außenseiter« erst mal nicht glaube, sagt Lehtimäki. Doch er werde beweisen, dass Donut Labs wirklich vollbracht habe, woran erfahrene Batterietechniker und Großkonzerne mit jahrelangen, milliardenteuren Investitionen bislang scheiterten: praktisch den heiligen Gral der Energiespeicherung zu finden. Motto: »I Donut Believe«.

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Tatsächlich wurden schon mehrfach vermeintliche Wunderbatterien verkündet – und regelmäßig die geschürten Hoffnungen enttäuscht. Gerade die erhoffte Massenproduktion von Lithium-Ionen-Akkus in Europa, um unabhängig von der dominanten chinesischen Industrie in eine saubere Zukunft fahren zu können, sieht – Stand heute – nach einem Flop aus: Die Pleite der schwedischen Firma Northvolt hat Milliarden auch aus Steuermitteln verbrannt, das Konsortium ACC verschiedener Autokonzerne verzichtet gleich auf die angebotene Staatshilfe, um aus dem Opel-Werk Kaiserslautern noch einen Zukunftsstandort zu machen. Die wenigen wirklich gestarteten europäischen Großprojekte hängen oft von Geld, Fachwissen und Rohstoffen aus China ab.

Verge-Motorrad mit Donut-Labs-Batterie auf der Messe CES in Las Vegas im Januar: Rad ohne Nabe, mit eingebautem Motor

Verge-Motorrad mit Donut-Labs-Batterie auf der Messe CES in Las Vegas im Januar: Rad ohne Nabe, mit eingebautem Motor

Foto: Steve Marcus / REUTERS

Mithilfe von Start-ups aus den USA arbeiten die Autohersteller seit Jahren an Feststoffakkus als möglicher nächster Revolution – immer noch Lithium-Ionen-Akkus, aber mit festem statt flüssigem Elektrolyt, daher nicht brennbar und noch sicherer. Doch ob die neue Technik ansonsten genug Vorteile bietet, damit sich der Sprung von der stetig verbesserten alten Technik wirklich lohnt, erscheint fraglich . Immerhin schwärmte VW von einem »Akku, der praktisch nicht altert«. Und Mercedes-Benz schickte im vergangenen Sommer einen Testwagen mit Feststoffakku über 1200 Kilometer ohne Ladestopp von Stuttgart nach Malmö. Aber wann die Wunderakkus im industriellen Maßstab gebaut und in normalen Fahrzeugen verwendet werden? Immer wieder verschoben.

Schier unglaubliche Eigenschaften

Und dann kamen wie aus dem Nichts die Finnen mit ihrer Ansage: Sie hätten mit der Serienproduktion schon begonnen. Auf der Messe CES in Las Vegas war Anfang Januar ein Motorrad der Marke Verge (ebenfalls von Lehtomäki geführt) zu sehen, das gleich zwei revolutionäre Techniken von Donut Labs vorführt: einen Elektromotor, der direkt in die Felge eines Rads ohne Nabe eingebaut ist, was neben der Form eines Donuts (daher der Name) einen niedrigen Gewichtsschwerpunkt bringt. Und einen Feststoffakku mit schier unglaublichen Eigenschaften, die – wenn sie stimmen – Zweifel am Sinn des Sprungs von Flüssig- auf Feststoff ausräumen würden:

Der Akku soll rekordverdächtige 400 Wattstunden Energie pro Kilogramm speichern; extremen Temperaturen von minus 40 bis plus 100 Grad standhalten; das Motorrad mit einer Ladung bis zu 600 Kilometer weit bringen – und sich in unter zehn Minuten wieder aufladen lassen; ganze 100.000 Zyklen des Auf- und Entladens überstehen, bei alldem auch nicht allzu viel kosten, das Motorrad sei für moderate 30.000 Euro zu haben. Zum Vergleich: VW sah den unzerstörbaren Superakku bei 1000 Zyklen erreicht, was mit 500.000 Kilometern Laufleistung eines E-Autos übersetzt wurde.

Feststoffakku von Donut Labs: Praktisch nur Vorteile

Feststoffakku von Donut Labs: Praktisch nur Vorteile

Zusammengefasst: praktisch nur Vorteile. Damit wären selbst Reisemotorräder für die Elektromobilität zu gewinnen, die sich damit noch schwertut . Natürlich ist die Technik nicht bloß für Motorräder geeignet. Nützlich fürs Klima wäre der Durchbruch allemal. Der Abbau der Rohstoffe für die Batterien sorgt zwar zunächst für hohe Emissionen und andere Umweltschäden. Diese relativieren sich aber schnell: Was beim Fahren mit Verbrennungsmotor ausgestoßen wird, wiegt bei Weitem schwerer. Und der verbrannte Sprit kann faktisch nicht recycelt werden, die Rohstoffe im Akku größtenteils schon.

Kaum alte Akkus zu recyceln

Dass das Batterierecycling trotz dafür ausgerüsteter Anlagen noch kaum in Schwung kommt, liegt vorwiegend an einer positiven Überraschung: Es gibt wenige alte Akkus zu verschrotten, weil sie in der Regel deutlich länger halten als einst gedacht. Und wenn sie einmal nicht mehr gut genug fürs Auto sind, taugen sie noch lange Zeit als stationäre Energiespeicher. Sie nehmen Strom in Zeiten des Überflusses aus dem Netz auf und geben ihn in Zeiten des Mangels wieder ab – so wie die in den Autos verbauten Akkus auch . Stellt man es schlau an, fehlt dank der Lithium-Ionen-Technik schon heute nicht mehr viel zu einem Energiesystem, das sich fossile Brennstoffe ganz sparen kann und in dem flexible Gaskraftwerke – wie in Deutschland geplant – überflüssig werden.

Sollten Feststoffakkus wie die von Donut Labs die bisherigen mit flüssigem Elektrolyt wirklich eines Tages ablösen und jahrzehntelang halten, gäbe es zwar noch weniger zu recyceln. Aber umso besser: Es müssten weniger neue Akkus produziert werden, die überhaupt Rohstoffe benötigen. Und die herkömmliche Technik, deren Produktion zumindest in China längst zu Niedrigpreisen gelingt, dürfte noch billiger zu haben sein.

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Bleibt die Frage, ob die Finnen halten können, was sie versprechen. Ein Test des Motorrads für den SPIEGEL steht noch aus. Informationen über die genaue Zellchemie und Produktionsweise fehlen. Zumindest ein unabhängiges Gutachten des angesehenen finnischen Instituts für Technische Forschung VTT soll jetzt vorliegen, um die Angaben von Donut Labs zu überprüfen. Die Ergebnisse will die Firma ab Montag schrittweise veröffentlichen. Man darf gespannt sein – und skeptisch bleiben, aber trotzdem zuversichtlich.

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Ihr Arvid Haitsch,
Redakteur Mobilität