SpOn 11.02.2026
11:50 Uhr

Moral: Wie Kinder auf Bestechung reagieren


Ist die junge Jury eines Malwettbewerbs käuflich? Ein Versuch zeigt: Ab einem bestimmten Alter lehnen erstaunlich viele Kinder Korruption ab, auch wenn sie selbst profitieren würden.

Moral: Wie Kinder auf Bestechung reagieren

Ist es okay, sich einen Vorteil zu verschaffen, auch wenn jemand anderes dadurch das Nachsehen hat? Kinder lehnen Bestechung nicht von Anfang an ab, zeigt eine aktuelle Studie. Doch je älter sie werden, umso stärker wird ihr Empfinden für Gerechtigkeit, berichtet ein Forschungsteam um Bolivar Reyes-Jaquez von der University of New Hampshire im Fachmagazin »Proceedings of the Royal Society B«. 

Bis heute ist Korruption weltweit ein großes Problem. Aber wann entscheidet sich überhaupt, ob ein Mensch korrupt ist? Und welche Rolle spielen generell Alter und Kultur? Um die Entwicklung von Bestechlichkeit im Kindesalter genauer zu untersuchen, prüften die Forschenden knapp 700 Kinder aus Norwegen, Italien, Japan und den USA im Alter von drei bis elf Jahren.

Nett gemeint oder Bestechung?

Diese schlüpften in einem ersten Experiment in die Rolle von Jurorinnen und Juroren eines Malwettbewerbs. Zwei Bilder standen zur Auswahl: Eines war deutlich besser gemalt. Aber an dem anderen klebte ein Geschenk, etwa ein Gutschein im Wert von zehn Dollar. Die Kinder sollten nun zwei Fragen beantworten: Sollten sie das Geschenk behalten oder ablehnen? Und: Welche der beiden Zeichnungen sollte gewinnen – die objektiv bessere oder die mit dem »Geschenk«?

Das Ergebnis: Jüngere Kinder nahmen das Geschenk kulturübergreifend häufiger an, ältere lehnten es eher ab. Bei der Wahl des Siegers entschieden sich mit zunehmendem Alter ebenfalls immer mehr Kinder für das bessere Bild statt für das mit dem Geld verbundene: Bei den über Neunjährigen waren es sogar 85 Prozent.

Gerade die älteren Kinder erkannten den manipulativen Charakter des Geschenks. Rund drei Viertel aller Teilnehmer erklärten auf Nachfrage, dass der Schenkende damit Einfluss nehmen wollte und »gewinnen will«. Nur jüngere Kinder sahen häufiger Nettigkeit als Motiv.

Gerechte Verteilung

Die Forschenden vermuten, dass dies mit ihrer kognitiven Entwicklung zusammenhängt – also mit Fähigkeiten wie Selbstkontrolle und der Möglichkeit, andere Perspektiven einzunehmen. »Um eine Bestechung zu verstehen, muss man den Vorgang gleichzeitig aus mehreren Blickwinkeln betrachten: aus Sicht des vermeintlichen Wohltäters, des Empfängers und der benachteiligten Wettbewerber«, erläutert das Team. Zu dieser Leistung seien sehr kleine Kinder oft nicht in der Lage.

Wenn ältere Kinder das Geschenk annahmen, lagen andere Gründe vor: 37 Prozent dieser Kinder nannten Höflichkeit und Geschenknormen als Motiv – nach dem Motto: »Man gibt ein Geschenk nicht zurück«. 31 Prozent gaben Eigeninteresse als Grund an. Wer sich dagegen entschied, begründete dies meist mit Fairness – über die Hälfte sagte sinngemäß: »Das fühlt sich unfair oder wie Betrug an.«

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In einem zweiten Experiment ging es darum, fünf Süßigkeiten auf zwei Kinder zu verteilen. Vier Bonbons wurden dabei vom Versuchsleiter fair verteilt. Bei der fünften Süßigkeit sollte das Kind entscheiden, wer die Nascherei bekommt. Auch hier zeigte sich: Mit zunehmendem Alter entwickelten die Kinder ein Gespür für Fairness – mehr als 80 Prozent der über Neunjährigen lehnten die zusätzliche Süßigkeit ab.

Die Forschenden schließen daraus, dass moralisches Verhalten nicht angeboren ist, sondern gelernt werden muss. Kulturelle Einflüsse spielen dabei zwar eine Rolle – etwa Normen rund ums Schenken oder Erwartungen an Höflichkeit –, doch entscheidend ist offenbar die individuelle Reifung und Erziehung.

Wer schon früh versteht, dass manche Geschenke kein Zeichen von Freundlichkeit sind, sondern von gezielter Einflussnahme, wird später vielleicht genau überlegen, ob er sich auf solch ein Angebot einlässt oder nicht.

koe/dpa