Eine Vielzahl Medizinstudierender im Praktischen Jahr (PJ) klagt in einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund über schlechte Arbeitsbedingungen. Rund ein Drittel der angehenden und gerade frisch ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte denkt demnach über einen Ausstieg aus der kurativen Medizin nach.
Mehr als die Hälfte der Befragten arbeitete zwischen 40 und 50 Stunden pro Woche in der Lehreinrichtung. Auch Nacht- und Wochenenddienste leisteten die PJ-Studierenden – oft ohne zusätzliche Vergütung.
Rund 1800 Medizinstudierende im Praktischen Jahr sowie Ärztinnen und Ärzte, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt, beteiligten sich im November und Dezember an der Umfrage . Knapp die Hälfte befindet sich aktuell im PJ. Zwei Drittel der Teilnehmenden sind weiblich.
Ansprechpartner sind Mangelware
Die Befragten bemängelten die Betreuung während der Ausbildung. 39 Prozent gaben an, im ersten PJ-Tertial keine festen Ansprechpartner wie Mentorinnen oder Mentoren gehabt zu haben. Viele berichteten, dass sie regelmäßig ärztliche Tätigkeiten ohne ausreichende Anleitung übernahmen und zugleich in erheblichem Umfang nichtmedizinische Aufgaben erledigten.
Eigentlich sind auch Studientage während der Ausbildung vorgesehen, um sich auf das dritte Staatsexamen vorzubereiten. Diese ließen sich im Klinikalltag aber oft nicht umsetzen. So gaben 65 Prozent der Befragten an, nicht ausreichend Zeit für das Selbststudium zu haben. Auch die finanzielle Situation ist ein Kritikpunkt. Viele seien laut Marburger Bund weiterhin auf familiäre Unterstützung oder einen Nebenjob angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Der Marburger Bund veröffentlichte auch freie Antworten aus der Umfrage über besonders negative und belastende Erlebnisse. Darin schildern die Befragten konkrete Situationen wie: »In der Chirurgie Aufklärungen machen, obwohl ich deutlich darauf hingewiesen habe, dass ich dies nicht darf und kann.« Oder: »Dass im OP mehrfach zu mir gesagt wurde, dass ich das ja ganz gut mache, für eine Frau.«
Kritik der Ärztegewerkschaft
Für die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna, sind die Umfrageergebnisse ein Warnsignal: »Wer im PJ vor allem Lücken im System stopft, statt strukturiert zu lernen, verliert Vertrauen in den ärztlichen Beruf«, hieß es in einer Pressemitteilung. »Gute Ausbildung braucht verlässliche Strukturen, ausreichende Betreuung, gute Rahmenbedingungen und ein wertschätzendes Arbeitsklima«, sagt Johna.
Auch der Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund, Tobias Bokowski, zeigt sich alarmiert: »Besonders frustrierend ist, dass Krankheitstage von den Fehltagen für Urlaub und Lernzeit abgezogen werden. Wer krank ist, verliert diese wertvolle Zeit.« Unter diesen Bedingungen werde das Praktische Jahr seiner wichtigen Aufgabe als strukturierter Ausbildungsphase nicht gerecht.
Die Befragten konnten in der Umfrage auch Verbesserungsvorschläge machen und wünschten sich unter anderem »PJ-Unterricht mit Einhaltung des Lernplans«, »fester fachärztlicher Mentor mit verpflichtender Dokumentation von Erst- und Abschlussgespräch« und »höhere Aufwandsentschädigung, Überstundenausgleich«.
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