Die Masernfälle sind in Europa und Zentralasien nach den Rekordzahlen von 2024 im vergangenen Jahr wieder deutlich gesunken. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf der Basis der Daten der 53 Länder ihrer Europaregion, die von der Atlantikküste bis nach Turkmenistan reicht. Auch in Deutschland ist die Zahl der Masernfälle nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) stark zurückgegangen. Sorge bereiten der WHO vor der baldigen Fußball-Weltmeisterschaft allerdings die steigenden Zahlen in Mexiko, den USA und Kanada.
In der Gesamtregion Europa wurden nach WHO-Angaben vergangenes Jahr fast 34.000 Fälle gemeldet, 75 Prozent weniger als im Jahr davor. Das sei auf Bekämpfungsmaßnahmen zurückzuführen, aber auch darauf, dass das Virus sich in der ungeimpften Bevölkerung verbreitet hat und dadurch mehr Menschen immun geworden sind. Wer einmal infiziert war, ist gegen eine neue Ansteckung geschützt.
Ziel bleibt: Impfquote von 95 Prozent
Insgesamt schwankt die Zahl der Masernfälle stark . Während im Jahr 2019 in der WHO-Region Europa etwa 106.000 Menschen offiziell an Masern erkrankten, waren es 2021 aufgrund der Coronamaßnahmen nur noch 163. Seitdem steigen die Fallzahlen wieder an. Im Jahr 2022 traten in der Region Europa 937 Masernfälle auf, im Jahr 2023 waren es schon wieder rund 58.000.
Der deutliche Rückgang, der jetzt beobachtet wurde, hat auch damit zu tun, dass die Zahlen 2024 mit rund 127.000 Infektionen außergewöhnlich hoch waren. Zudem ist die Zahl der Maserninfektionen je nach Land sehr unterschiedlich.
Während zwischen 2024 und 2025 die Zahl der Masernfälle in manchen Ländern, etwa in Rumänien, Kasachstan oder Aserbaidschan, um rund 90 Prozent oder mehr fiel, stieg sie etwa in Frankreich und den Niederlanden an, wenn auch auf niedrigem Niveau.
Die WHO warnt zusammen mit dem Uno-Kinderhilfswerk Unicef, dass Risiken größerer Ausbrüche bleiben. Ziel sei eine Impfquote von 95 Prozent überall, sonst werde sich das hochansteckende Virus weiter ausbreiten. Nach WHO-Angaben steckt im Durchschnitt eine infizierte Person bis zu 18 nicht geimpfte Menschen an.
Eine Maserninfektion kann schwere Folgen haben. So bleibt beispielsweise das Immunsystem etwa sechs Wochen lang nach der Infektion geschwächt, was empfänglich macht für weitere Infektionen, etwa Mittelohrentzündungen und Lungenentzündungen. Bei einer von 1000 Masernerkrankungen kommt es zudem zu einer sogenannten postinfektiösen Enzephalitis, einer akuten Entzündung des Gehirns, an der 10 bis 20 Prozent der Patienten sterben und die bei weiteren 20 bis 30 Prozent zu bleibenden Schäden führt. Selbst mehrere Jahre nach einer Maserninfektion kann es noch zu der sehr seltenen, aber immer tödlich verlaufenden »subakuten sklerosierenden Panenzephalitis« (SSPE) kommen. Bei Kindern, die im Säuglingsalter an Masern erkranken, kommt es im weiteren Leben bei einem von 5000 zu dieser tödlichen Gehirnentzündung.
Mehrere Länder, die die Masern laut WHO bereits besiegt hatten, haben den WHO-Staus »frei von Masern« nach großen Ausbrüchen wieder verloren, darunter Spanien, Großbritannien und Österreich. Deutschland galt nicht als masernfrei.
Empfohlene WHO-Impfquote in Deutschland nicht erreicht
In Deutschland schwanken die Zahlen gemeldeter Masernfälle nach Daten des Robert Koch-Instituts von Jahr zu Jahr. Sie waren in der Coronapandemie wegen des hohen Infektionsschutzes extrem niedrig, erreichten aber 2024 mit 645 gemeldeten Fällen (0,77 pro 100.000 Einwohner) wieder in etwa das Niveau von vor der Pandemie. 2025 waren es 232 Fälle (Inzidenz 0,28 pro 100.000 Einwohner). In den ersten fünf Wochen des Jahres 2026 lagen sie unter denen des Vorjahreszeitraums. Es könnten aber noch Nachmeldungen hinzukommen, hieß es.
Die Zahl der Fälle ist abhängig von einzelnen großen Ausbrüchen und von importierten Masernviren. In Deutschland brechen die Infektionsketten laut RKI aufgrund der hohen Impfrate meist schnell wieder ab. Dennoch erkranken unnötig Kinder, denn die von der WHO empfohlene Durchimpfungsrate von 95 Prozent ist für die zweimalige Impfung in Deutschland nicht erreicht.
Die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen zwei Kombi-Impfungen für Masern, Mumps und Röteln (MMR) mit 11 Monaten und 15 Monaten erfolgten häufig zu spät, sagte Dorothea Matysiak-Klose vom RKI-Fachgebiet Impfprävention. Die Impfquote für die erste Impfung gegen Masern liege erst für Kinder im Alter von drei Jahren bundesweit über 95 Prozent (Geburtsjahrgang 2021). »Für die zweite MMR-Impfung wurde diese Impfquote bundesweit bisher noch nicht erreicht.«
Masernausbruch in Nordamerika vor der Fußball-WM
Wie Kanada könnten auch Mexiko und die USA ihren WHO-Status als masernfrei verlieren. In den USA könne das passieren, wenn das Land nicht nachweisen kann, dass es Ausbrüche schnell stoppen kann, wie der US-Spezialist für Infektionskrankheiten, Demetre Daskalakis, warnt.
Von Anfang 2025 bis Mitte Januar 2026 wurden in Mexiko nach Angaben der WHO mehr als 7000 Fälle erfasst, mindestens 28 Menschen starben. In einigen Ortschaften muss nun an Schulen eine Nase-Mund-Bedeckung getragen werden.
In Kanada wurden bisher mehr als 5500 Erkrankungen und zwei Todesfälle verzeichnet. In den USA sind mehr als 2400 Menschen erkrankt, drei von ihnen starben. Und das nur wenige Monate vor der Fußball-WM, die in Kanada, Mexiko und den USA stattfinden soll und Menschen aus der gesamten Welt anzieht. Zudem macht der US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. massiv Stimmung gegen Impfungen.
»Bitte lassen Sie sich impfen«, richtete trotzdem Mehmet Oz, Leiter der Centers for Medicare and Medicaid Services (CMS), einen Appell an die US-Bevölkerung. »Wir haben eine Lösung für unser Problem.«
