SpOn 20.11.2025
08:22 Uhr

Marseille: Drogenkrieg erschüttert Frankreich - »Wir zählen unsere Toten«


In Marseille ist der Bruder eines Anti-Drogen-Aktivisten erschossen worden. Der Innenminister spricht von einer »Einschüchterungstat«, Präsident Macron wirft den »Reichen in den Städten« vor, den Drogenkrieg mit ihrem Konsum zu befeuern.

Marseille: Drogenkrieg erschüttert Frankreich - »Wir zählen unsere Toten«

Der Mord am Bruder eines bekannten Kritikers der Drogenkriminalität in Marseille hat einen frankreichweiten Sturm der Entrüstung ausgelöst. Präsident Emmanuel Macron lud mehrere Minister zu einem Krisentreffen zum Kampf gegen Drogenkriminalität und sagte, dass der Handel Frankreichs Städte destabilisiere und die Gesellschaft schwäche, wie Regierungssprecherin Maud Bregeon nach einer Kabinettssitzung sagte.

»Auch die Reichen in den Städten finanzieren die Drogenhändler«, sagte Macron demnach. »Man kann nicht einerseits die Toten beklagen und dann abends nach der Arbeit weiter Drogen konsumieren«, fügte die Regierungssprecherin hinzu. Macron habe in der Sitzung die große Bedeutung der Prävention und Sensibilisierung betont. Die betroffenen Ministerien müssten von der lokalen bis zur internationalen Ebene eng zusammenarbeiten.

»Was unternimmt der Staat?«

Der 20-jährige Mehdi Kessaci war am vergangenen Donnerstag in der südfranzösischen Hafenstadt von einem Motorroller aus erschossen worden. Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez sprach nach der Krisensitzung von einer »Einschüchterungstat«, weit entfernt von einer »klassischen Abrechnung«, wie es sie in der Drogenhochburg Marseille viel zu häufig gibt. Amine Kessaci, 22, der Bruder des Erschossenen, ist Gründer des Vereins Conscience, der von Drogenkriminalität und ihren Folgen betroffenen Familien beisteht. Damit ist er den Drogenbanden ein Dorn im Auge.

Die führende französische Tageszeitung »Le Monde«  erschien am Mittwoch auf der ersten Seite mit einem Foto und einem Appell von Amine Kessaci unter dem Titel »Warum ich nicht schweigen werde«. »Angesichts eines solchen Feindes muss der Staat die Lage einschätzen und begreifen, dass ein Kampf auf Leben und Tod begonnen hat. Es ist Zeit zu handeln (…)«, schrieb Kessaci. »Wir zählen unsere Toten, aber was unternimmt der Staat?«

Vor wenigen Wochen erst hatte Kessaci das Buch »Marseille, essuie tes larmes« (Marseille, trockne deine Tränen) veröffentlicht. Darin prangert er an, dass der Staat den Bewohnern der abgehängten und vom Drogenhandel dominierten Hochhausvierteln kaum eine Perspektive biete. Auslöser für Kessacis Engagement war der Tod eines älteren Bruders, der 2020 im Drogenmilieu erschossen wurde.

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Hinter dem Mord an Mehdi Kessaci könnte als Auftraggeber der Chef der mächtigen Drogenbande DZ Mafia in Marseille stecken, berichtete die Zeitung »Le Parisien«  unter Verweis auf die Ermittlungen. Dieser gelte trotz seiner Inhaftierung als Auftraggeber etlicher Morde im Drogenmilieu.

Der Fall hatte in Frankreich die Debatte über den Kampf gegen die Drogenbanden erneut angefacht. In Marseille waren 2023 im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg knapp 50 Menschen getötet worden, unter ihnen mehrere Unbeteiligte. Im laufenden Jahr sind es nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP bislang 14 Todesopfer im Großraum Marseille.

wit/dpa/AFP