SpOn 02.12.2025
13:05 Uhr

Magdeburg: Zeuginnen über Anschlag – »Wir wollen nicht, dass der Täter gewonnen hat«


Betroffene müssen im Gerichtsverfahren gegen Taleb Al Abdulmohsen nicht aussagen. Eine Zeugin hat dennoch über ihre Verletzungen und die Folgen gesprochen. Weil es wichtig sei, dass nicht nur der Todesfahrer gehört wird.

Magdeburg: Zeuginnen über Anschlag – »Wir wollen nicht, dass der Täter gewonnen hat«

Zahlreiche Brüche, unter anderem im Beckenbereich: Im Prozess zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt hat unter anderem eine 38 Jahre alte Geschädigte über die Tat gesprochen. »Ich hatte tierische Schmerzen«, sagte sie.

Die Industriekauffrau gehört zu den Betroffenen, die freiwillig als Zeugen vor Gericht aussagen. »Ich finde es wichtig, dass die Opfer gehört werden und nicht nur der Täter.« Die Verfahrensbeteiligten haben sich darauf verständigt, dass Betroffene nicht aussagen müssen, wenn sie nicht wollen. So sollen sie nicht zusätzlich belastet werden. Im sogenannten Selbstleseverfahren werden die Aussagen in den Prozess eingeführt, die die Zeugen bei der Polizei gemacht hatten. Es handelt sich um etwa 2800 Seiten. Der Vorsitzende Richter hatte versichert, alles vorzulesen. »Das ist so vorgeschrieben. Das wird auch so gemacht.«

Der angeklagte Taleb Al Abdulmohsen, 51, war am 20. Dezember 2024 mit einem Mietwagen mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde durch die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt gefahren. Ein neunjähriger Junge sowie fünf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren kamen ums Leben. Mehr als 300 weitere Menschen wurden verletzt.

Abdulmohsen wird in den Gerichtssaal geführt

Abdulmohsen wird in den Gerichtssaal geführt

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Die 38-Jährige sagte am Dienstag vor Gericht, dass sie wieder auf Weihnachtsmärkte gehen wolle ; sie habe es zunächst mit einem kleinen, eingezäunten versucht. »Wir wollen nicht, dass der Täter gewonnen hat.« Dabei wird sie die Tat auch körperlich weiter verfolgen: Ihr Freund habe sie danach lange zu Hause gepflegt, ein halbes Jahr habe sie für eine Reha gekämpft. Psychische und körperliche Folgen begleiteten sie bis heute, und ihr Becken sei so verschoben, »dass mir die Möglichkeit genommen wurde, ein Kind auf natürlichem Weg zu gebären«.

Auch andere Zeugen sagten in Magdeburg aus. So sagte eine 57-Jährige, sie habe erst gar nicht als Zeugin vor Gericht erscheinen wollen. »Ich habe mich dann aber dafür entschieden, weil ich es unmöglich finde, wie sich der Angeklagte hier die Bühne nimmt.« Sie bezog sich auf wiederholte Aussagen des Angeklagten, er habe saudischen Frauen helfen wollen, deutsche Behörden hätten versagt. Sie fragte: »Bin ich weniger wert als die saudischen Frauen?«

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Sie berichtete, dass sie das große schwarze Auto noch sah, den Aufprall mit dem Kopf spürte und dann das Bewusstsein verlor. Mehrere Meter von ihrem ursprünglichen Standort sei sie später aufgewacht. »Es war das reinste Chaos um mich rum.« Die Hilfe sei extrem groß gewesen, stundenlang habe sie auf der Straße gelegen, weil sie als leicht verletzt eingestuft worden war, es war bitterkalt. Unter Tränen sagte sie, wie sie später ganz allein auf der Straße saß, zwischen Menschen, die um ihr Leben gekämpft und verloren hätten. Noch heute könne sie keine weiten Strecken laufen, habe bei jedem Schritt Schmerzen, könne sich nicht hinknien oder hinhocken.

Der Angeklagte meldete sich auch am Dienstag immer wieder zu Wort. Der Vorsitzende Richter Sternberg wies ihn mehrmals auf die Verabredung hin, dass er sich nicht direkt an die Opfer wendet, auch nicht mit Entschuldigungen. Mehr dazu, wie sich Abdulmohsen vor Gericht präsentiert, lesen Sie hier .

hba/dpa