Am Ende der Veranstaltung wurde noch der »MVP« der Saison ausgezeichnet und interviewt. Lionel Messi ließ sich auf Spanisch befragen und antwortete auch auf Spanisch. Daran hat sich auch über zwei Jahre nach seiner Ankunft in den USA nichts geändert.
Fußballerisch dagegen ist der Argentinier längst voll integriert in Nordamerika. Es kann allerdings kaum einen Ort auf dem Planeten geben, wo er es nicht wäre.
Messi, 38, hat in den größten Stadien der Welt in einer eigenen Kategorie gespielt. In der Major League Soccer tut er das erst recht, wie er die ganze Spielzeit über demonstriert hatte – und wie er es eindrucksvoll auch im Schlussakkord tat, dem 3:1-Finalsieg seines Inter Miami gegen die Vancouver Whitecaps von Thomas Müller.
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Der Fußball im WM-Ausrichterland 2026 ist eine kuriose Angelegenheit. Da gibt es ein Gros von Spielern, deren Namen allenfalls Insidern bekannt sind und die oft nicht mal sechsstellig im Jahr verdienen.
Und dann tummeln sich mittendrin Granden des Weltfußballs, die als »Designated Player« von den Gehaltsobergrenzen ausgenommen werden. Spieler wie Müller oder Jordi Alba und Sergio Busquets, die nun beide das letzte Match ihrer Karriere bestritten. Alle zeigten immer mal wieder mit Details, dass sie nicht nur aus anderen Ligen gekommen sind, sondern aus einer anderen Dimension.
Bei Messi sind das dann nicht nur Details. Da ist es das ganze Spiel.
Lionel Messi: Spielt in seiner eigenen Kategorie
Foto: Darryl Dyck / ZUMA Press / IMAGO
Das MLS-Finale war auch das Aufeinandertreffen zwischen dem ehemaligen Bayernstar Thomas Müller und Lionel Messi
Foto: Nathan Ray Seebeck / Imagn Images / IMAGOWie eine Kneipenschlägerei zu Jazzklängen
Dieses MLS-Finale war ein packendes, teils wüstes Match mit viel Herzblut, das er mit Einlagen von Kunst garnierte. Wie eine Kneipenschlägerei, in der dazu von der Bühne die Töne einer wunderbaren Jazzsängerin erklingen.
Erstmals griff Messi in der achten Minute ein, als er mit einer »Gambeta«, einem Dribbling im Stile Maradonas, zwei, drei Gegenspieler austrickste und den Ball nach vorn stupste – die Szene endete mit einem Eigentor zu Miamis Führung.
Doch Vancouver kämpfte sich in die Partie, zeigte über weite Strecken den besseren Fußball, vor allem den besseren Teamfußball, es kombinierte und nach dem Seitenwechsel dominierte es auch.
Miamis Torwart Rocco Rios Novo lenkte einen haltbaren Schuss an den Innenpfosten, so fiel der Ausgleich, und kurz darauf verhinderte ein doppelter Pfostenpendler samt weiterem Pfostentreffer beim Nachschuss gar die Führung der Gäste aus Kanada, die wegen der schlechteren Punktebilanz in der regulären Saison auswärts antreten mussten.
Messi wartet ab und zeigt dann, wieso er einer der besten Spieler ist
In dieser Phase fiel es selbst Messi schwer, das Spiel nach seinem Gusto zu lenken. Doch im Nachhinein schien er einfach nur gewartet zu haben, bis die wackeren Gäste sich müde gekämpft und gepasst hatten.
Messi gilt als der beste Spieler mindestens der zeitgenössischen Geschichte. Und zwar auch wegen seines geradezu paranormalen Fußballinstinkts: Messi weiß, wann es sich wo auf dem Platz zu sein lohnt, und er spürt, welcher Gegner in welchem Moment eine Schwachstelle für eine Balleroberung bietet.
Bei Vancouvers paraguayischem Spielmacher Andrés Cubas kam dieser Moment in der 71. Minute. Der zuvor passsichere Akteur zögerte mit dem Ball am Fuß, sah plötzlich Messi attackieren und muss wie ein gejagtes Tier die Panik in sich aufsteigen gefühlt haben. Messi nahm ihm wie selbstverständlich den Ball ab und spielte perfekt durch für seinen Landsmann und Mit-Weltmeister Rodrigo de Paul, der allein vor Vancouvers Torwart Yohei Takaoka verwandelte.
Mit dem 2:1 war die Pflicht getan, Miami hielt die Führung ohne weitere Probleme. Die Kür folgte in der Nachspielzeit: Mit der Brust nahm Messi den Ball an und chippte die Kugel, ohne dass sie den Boden berührte, in den Lauf von Tadeo Allende zum 3:1.
Das Manöver wurde vorgetragen mit der Anstrengungslosigkeit des Genies – und war die 15. Torbeteiligung Messis in sechs Playoff-Spielen: ein MLS-Rekord für die Ewigkeit.
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Mit Messi trieb Beckham den Klubwert in die Höhe
Der Rest war Fiesta, in Miami mit hispanischer Couleur, und mit einem wie immer makellos gekleideten David Beckham mittendrin. Der Pionier der heutigen MLS, für den einst die »Designated-Player«-Regel eingeführt wurde, erhielt im Rahmen seines Engagements bei Los Angeles Galaxy auch einen Vorzugsrabatt für die Gründung eines eigenen »Franchise«.
So entstand Inter Miami. Mit der Verpflichtung von Messi konnten Beckham und seine Miteigentümer den Klubwert in ungeahnte Höhen treiben, nun sind sie auch sportlich am Ziel: Im letzten Spiel vor dem Umzug in ein neues Stadion gelang der erste Triumph in der MLS für den jungen Verein.
Der Erfolg bedeutete außerdem eine gelungene Revanche, weil Miami von den Whitecaps – damals noch ohne Müller – im Halbfinale der nordamerikanischen Champions League eliminiert worden war. Und er heilte die Wunden des Vorjahrs, als man als Tabellenführer der regulären Saison in der ersten Playoff-Runde gescheitert war.
Daran erinnerte Messi in seinem kurzen Interview und natürlich sprach er auch über Linksverteidiger Alba und Stratege Busquets, seine langjährigen Kumpels aus gemeinsamen Zeiten in Barcelona. »Ich fühle mich glücklich, dass wir diesen Titel für sie erreicht haben. Dieses Karriereende haben sie verdient für das, was sie waren: zwei der Größten der Geschichte auf ihren jeweiligen Positionen.«
Über sich selbst sprach Messi nicht, das muss er längst nicht mehr. Seit er 2022 doch noch Weltmeister wurde und damit die große Sehnsucht seiner Laufbahn erfüllte, ist alles andere Zugabe. Und Messi, auch wenn er so nicht sagen würde, »all smiles«. So viele Umarmungen und Liebkosungen, wie die Kameras nach dem Schlusspfiff von ihm einfingen, gab es von dem schüchternen Jungen früherer Zeiten in einer ganzen Saison nicht zu sehen.
Müller dirigierte, gestikulierte, animierte
Für ihn sprechen Zahlen wie die einmaligen 47 Titel seiner Karriere. Für ihn spricht sein Fußball, den anders als so manches frühere Mal diesmal auch ein Müller-Team nicht deaktivieren konnte.
Wo der Deutsche bei seiner Ankunft in der MLS vor dem letzten Saisondrittel scherzhaft angekündigt hatte, Messi wieder »jagen« zu wollen, begegneten sich die beiden Kapitäne ihrer Teams im Finale nach dem protokollarischen Tête-à-Tête zu Spielbeginn in kaum einer Szene mehr direkt.
Müller haute sich voll rein, dirigierte, gestikulierte, animierte. Nachher tat ihm der verpasste Titel besonders leid für »viele der Jungs, die seit Jahren in dieser Liga um diesen Titel kämpfen und jetzt die Chance hatten.« Er selbst fängt ja gerade erst an in Kanada mit seinem neuen Team: »Ich bin schon sehr gespannt auf das, was nächstes Jahr kommt«, sagte er. »Unsere Reise ist noch nicht zu Ende.«
Spielt Messi bei der WM?
Noch nicht zu Ende ist auch das Epos des Lionel Andrés Messi Cuccittini. In Miami, wo er laut Vertrag noch jenseits seines 40. Geburtstags spielen wird. Und bei der WM nächsten Sommer? Noch hat er seine Teilnahme nicht fest bestätigt, er wolle abwarten, wie er sich in den Monaten vor dem Turnier fühle, betont er immer wieder.
Doch es müsste wohl schon viel passieren, damit er sich anders fühlt als jetzt. Auch den Nationalelf-Zyklus seit der letzten WM hat er geprägt, Argentinien zur Copa América 2024 und auf Platz eins der südamerikanischen WM-Qualifikation geführt. Wo der Weltverband Fifa für den WM-Start des Rivalen Cristiano Ronaldo die Regeln neu definieren musste, stellt sich Messi quasi von selbst auf.
Wenn nicht er bei einer Fußball-WM spielen soll – wer dann?
