SpOn 30.11.2025
10:46 Uhr

Luis Díaz vom FC Bayern München: Wenn es wild wird, blüht er auf


Gestolpert, gefallen, geglänzt: Gegen St. Pauli sorgte Münchens Angreifer Luis Díaz erneut für einen kuriosen Treffer. Doch das zähe Spiel wirft die Frage auf, ob den Bayern gerade die Power ausgeht.

Luis Díaz vom FC Bayern München: Wenn es wild wird, blüht er auf

Dass Luis Díaz selbst unerreichbar scheinende Bälle nicht verloren gibt und diese in Tore verwandeln kann, weiß man in München spätestens seit seinem Treffer aus fast aussichtsloser Situation bei Union Berlin. Dass für Díaz’ so besondere Spielweise ein Begriff existiert, den selbst der Duden nicht kennt, wurde erst an diesem Samstag bekannt. Sein Trainer Vincent Kompany verriet ihn nach dem 3:1 (1:1)-Sieg über den FC St. Pauli.

Luis Díaz, den beim FC Bayern alle nur »Lucho« rufen, bewahrte das Team gegen den Hamburger Außenseiter vor einem Ausrutscher. In Minute 90.+3 erzielte er das 2:1, aber noch bemerkenswerter war seine Vorarbeit zum Ausgleich. Da nämlich hatte er, auf dem Boden liegend, den Ball mit dem Absatz in Richtung seines Mitspielers Raphaël Guerreiro gespitzelt. Wie bereits vor gut drei Wochen gegen Union war die Chance eigentlich dahin, das sahen alle so außer Díaz.

»Das ist Lucho«, sagte Trainer Kompany, und führte den Fachbegriff ein. Díaz verfüge über »Chaoskreativität«.

Kompany beschrieb, dass es im Fußball etwas gibt, das er als »saubere Kreativität« bezeichnete. Vermutlich meinte er damit die Vision des Spielmachers, seinen Blick für den Pass durch die Abwehrlücke. Aus einer geordneten Spielsituation entsteht dank Idee und technischer Umsetzung eine Torchance.

»Im Chaos kann bei ihm immer was passieren«

Díaz blüht in der Unordnung auf. Weniger durch klinische Pässe denn durch Improvisationskunst. »Im Chaos kann bei ihm immer was passieren«, sagte Kompany. Selbst wenn er auf dem Boden liegt. Eine genau solche Vorlage habe der Angreifer erst tags zuvor geliefert, im Freitagtraining.

Díaz, 28, kam im Sommer für 75 Millionen Euro aus Liverpool nach München, er spielt dort links vorn, auf der Position also, die zuvor Leroy Sané und Kingsley Coman bekleidet hatten, beides exzellente Fußballer, die den Klub verließen und überraschend wenig vermisst werden.

Zwölf Tore und sechs Vorlagen gelangen Luis Díaz in 19 Einsätzen, darunter die zwei Treffer beim 2:1-Erfolg über Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain. Das ist eine Torbeteiligung weniger, als Sané in der gesamten Vorsaison erreichte. Coman kam auf 15 Scorerpunkte.

Díaz beim Assist zum 1:1

Díaz beim Assist zum 1:1

Foto: Oryk HAIST / IMAGO

Wie wichtig Díaz innerhalb weniger Monate für diese Bayern-Mannschaft geworden ist, zeigt sich, wenn er nicht spielt. Das war unter der Woche beim 1:3 beim FC Arsenal der Fall, als die Bayern erstmals in dieser Saison einem Gegner unterlegen waren und ebenfalls erstmals eine Partie verloren. Díaz fehlte gesperrt, und mit ihm fehlten seine Tiefenläufe hinter Arsenals Abwehr. Genau diese wären in London besonders wertvoll gewesen. Ein solcher Lauf von Serge Gnabry war es, der das Münchner Tor vorbereitete. Mehr dieser Sprints hätten den Bayern Entlastung verschafft.

Genau diese Sprints waren es auch, die nun im Spiel gegen St. Pauli lange fehlten. Auch deshalb entstand der Eindruck, dass etwas faul war im Spiel der Bayern. Die bis dahin beste Offensive Europas kam selten vorbei an der gegnerischen Verteidigung. Pässe gerieten ungenau, Positionen wurden zu spät eingenommen, und auch die gedankliche Klarheit schien zu fehlen. Zu sehen war das vor dem 0:1, als Konrad Laimer und Joshua Kimmich einander halbherzig den Ball überließen.

Dass es Luis Díaz war, der das 1:1 vor der Halbzeitpause vorbereitete, war kein Zufall, denn er zählte zu den wenigen Spielern, die die benötigten Tiefensprints hinter die Abwehr absolvierten. Erst durch einen solchen Lauf konnte Münchens Kim Min-jae einen langen Ball vor das Hamburger Tor spielen, ehe Díaz stolperte, fiel und glänzte.

Lässt die Münchner Power nach?

Auch deshalb steht Díaz inzwischen symbolhaft für das Bayern-Spiel unter Trainer Kompany. Er verkörpert viele der Prinzipien, die dem Belgier so wichtig sind. Das gilt neben den Tiefenläufen auch für die Art, wie die Angreifer verteidigen.

Gegen St. Pauli sah man Díaz in der Nachspielzeit am eigenen Strafraum einen Hamburger Angriff unterbrechen, indem er den Ball ins Aus spitzelte. Díaz tat das nicht pflichtschuldig, er ballte die Faust und bejubelte den gewonnenen Zweikampf wie eine Vorlage. Dieser Eifer prägt Díaz'’ Spiel. Nur neun Bundesligaspieler absolvierten in dieser Saison mehr Sprints als der Kolumbianer.

Allerdings entsteht gerade der Eindruck, dass die Intensität derzeit nachlässt. Gegen St. Pauli spielten einige Münchner mit der Frische von jemandem, der um 3 Uhr morgens geweckt und noch im Pyjama auf den Fußballplatz gezerrt wurde.

Vierter Rückstand hintereinander

Zum vierten Mal in Folge gerieten die Bayern in Rückstand. Vor St. Pauli war auch Arsenal, Freiburg und Union Berlin das 1:0 gelungen. Zwei dieser Partien konnten die Bayern nicht gewinnen.

Liegt das am Kopf? Oder an den Beinen?

Beides wäre verständlich. Denn man kann ja kaum erwarten, dass eine Mannschaft eine gesamte Saison ganz ohne mentalen Durchhänger bestreitet, zumal nach einer Niederlage in einem großen Spiel wie zuletzt in London. Und die Beine werden in München ohnehin gequält. Die Sommerpause war aufgrund der Klub-WM besonders kurz. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der erst danach verpflichtete Díaz daran nicht teilnahm und sich stattdessen auf die Saison vorbereitete.

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Trainer Kompany wollte den Eindruck, dass die Mannschaft müde sei, nicht bestätigen. Auf die Frage hin, ob der Extraschritt auf dem Rasen, der vor wenigen Wochen noch selbstverständlich schien, derzeit schwerer falle, verwies er auf die Siege über Freiburg (6:2) und PSG (2:1). Begeisternde Siege, die nicht Monate alt sind, sondern im November gelangen.

Schwerfällige Spiele wie nun gegen St. Pauli gehörten einfach zum Fußball. »Es war nicht einfach heute und wir haben gegen Arsenal verloren. Das würde ich bestätigen«, sagte Kompany. Und dass bereits die kommende Partie »wieder das beste Spiel werden« könne.

Das klang nicht so, als habe er den Eindruck, seine Mannschaft sei müde. Das nächste Spiel steigt am Mittwochabend in Berlin-Köpenick, im DFB-Pokal-Achtelfinale beim FC Union. Locker zugehen wird es dort nicht.