SpOn 18.01.2026
16:24 Uhr

Libyen: Sicherheitskräfte befreien 200 Gefangene aus Erdlöchern


In Libyen halten Verbrecher Flüchtlinge als Geiseln, um Geld von Angehörigen zu erpressen. Bei zwei Razzien befreiten Sicherheitskräfte nun Hunderte Menschen – und fanden Massengräber.

Libyen: Sicherheitskräfte befreien 200 Gefangene aus Erdlöchern

Sicherheitsbehörden in Lybien haben rund 200 Migranten aus einem illegalen, unterirdisch angelegten Gefängnis befreit, in dem sie unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten worden waren. Das bestätigten zwei namentlich nicht genannte Beamte der Sicherheitsbehörden gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Anonyme Zeugen erklärten, die Behörden hätten im Verlauf einer Razzia ein fast drei Meter tiefes unterirdisches Gefängnis mit mehreren Haftzellen entdeckt, das von einem libyschen Menschenhändler betrieben worden sei. Eine der Quellen sagte demnach, diese Person sei bislang nicht festgenommen worden.

»Einige der befreiten Migranten wurden bis zu zwei Jahre lang in den unterirdischen Zellen gefangen gehalten«, sagte eine der befragten Personen. Die andere erklärte, was bei dem Einsatz entdeckt worden sei, gehöre zu »einem der schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die je in der Region aufgedeckt wurden«.

Die Region Kufra: Umschlagplatz für Menschenhändler

Die befreiten Menschen stammen hauptsächlich aus Somalia und Eritrea, unter ihnen waren auch Frauen und Kinder. Kufra liegt im Südosten Libyens, etwa 1700 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt. Formell gelten die Kufra-Oasen als Stadt, sind aber faktisch eine extrem verteilte Streusiedlung , von der einzelne Teile durch bis zu 135 Kilometer Wüste getrennt sind. Ideale Bedingungen für skrupellose Kriminelle, die mit der Not der Geflüchteten ein Geschäft machen wollen – sei es als Schlepper oder Menschenhändler, sei es als Geiselnehmer und Erpresser, wie wohl in diesem Fall.

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In der Region gibt es viele Flüchtlinge: Schätzungen zufolge haben in den vergangenen Jahren allein zwischen 350.000 und einer Million Menschen vom Sudan aus die Flucht über die Südgrenze Libyens gewagt, um Arbeit zu finden oder durch die Wüste ans Mittelmeer und von dort nach Europa zu gelangen.

Seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi in einem von der Nato unterstützten Aufstand im Jahr 2011 ist Libyen zu einer Transitroute für Migranten geworden. Auch die ölbasierte libysche Wirtschaft zieht verarmte Menschen an, die Arbeit suchen. Die Sicherheitslage im weitläufigen Land ist jedoch schlecht, wodurch sie besonders anfällig für Misshandlungen sind. Zehntausende von ihnen leben in der Kufra-Region.

Ebenfalls bereits am Freitag wurden mindestens 21 Leichen von Migranten in einem Massengrab auf einer Farm nahe dem Ort Ajdabiya im Osten Libyens gefunden. Berichten der EU-geförderten Medienkooperation Info Migrants  zufolge zeigten zehn Überlebende körperliche Anzeichen von Folter. Info Migrants wird von der Deutschen Welle in Kooperation mit France 24, Radio France Internationale, Monte Carlo Doualiya und der italienischen Nachrichtenagentur ANSA betrieben und wendet sich vornehmlich an potenzielle Flüchtlinge.

Die Nachrichtenagentur AP berichtet, die kriminelle Gruppe habe bis zu 195 Personen festgehalten. Folter sei gezielt eingesetzt worden, um die Zahlungsbereitschaft von Angehörigen zu erhöhen. Die Todesursachen der gefundenen Opfer werden derzeit untersucht.

Info Migrants zufolge wiesen Überlebende darauf hin, dass Personen aus ihrem Kreis verschwunden waren. Bei der anschließenden Suche wurden die Gräber entdeckt.

Der Besitzer der Farm wurde während des Einsatzes festgenommen und gab zu, dass sich auf seinem Grundstück ein Massengrab befindet. Der libysche Fernsehsender Al-Masar berichtete, dass ein libyscher Staatsangehöriger mit Vorstrafen als Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Fall identifiziert worden sei.

Wiederholt Massengräber gefunden

Am Freitagnachmittag veröffentlichte das Büro der Generalstaatsanwaltschaft Libyens eine Erklärung, die Behörden hätten einen Angeklagten wegen »schwerer Verstöße gegen Migranten« an das Gericht überwiesen. Nach weiteren Mitgliedern der kriminellen Gruppe werde gefahndet.

Der Osten und Süden von Libyen machen immer wieder mit solchen Nachrichten Schlagzeilen. Im Februar vergangenen Jahres wurden mindestens 47 Leichen von Migranten aus Massengräbern in und um Kufra geborgen, im März des Vorjahres waren es mindestens 65. Erst in der vergangenen Woche war im Süden Libyens ein Massengrab mit bis zu 70 toten Migranten gefunden worden, von denen einige Schusswunden aufwiesen.

pat/Reuters/AP