Weißwurst, Bier und Brezeln: Zünftiger Wahlkampf im Süden Deutschlands. Doch wer hier die CDU erwartet, muss genauer hinschauen. Auf seiner Mission, das Ländle in grüner Hand zu lassen, ist für Cem Özdemir der Frühschoppen in Fachsenfeld der nächste Schritt.
Der Blasmusik-Wahlkampf ist nicht unbedingt das, was man von dem Grünenpolitiker erwartet:
»Kennst das Lied nicht?«
Dabei versucht Özdemir mit Dialekt und klaren Positionen die Anwesenden zu überzeugen.
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Ich kanns nur auf Schwäbisch sagen: Das Hemd schwitzt nicht von allein.«
»Diejenigen, die bei uns im Handwerk benötigt werden, diejenigen, die hier in den Betrieben arbeiten, die bleiben. Verbrecher werden abgeschoben.«
Hört man ihm zu, und ignoriert das Parteienbranding, kommen durchaus CDU-Gefühle auf. Klar, Klimaschutz ist ein Thema, aber die Rede hätte er auch vor CDU-Publikum halten können. Zu diesem Vergleich kommen wir später noch.
Wie kommt der selbsternannte »anatolische Schwabe« in dem 3500-Seelen-Dorf an?
Besucher:
»Er ist halt bundesweit bekannt, letztendlich aus Fernsehen, Presse und so weiter. Deswegen: Ist halt echt eine Persönlichkeit.«
Besucherin:
»Die Grünen in Baden-Württemberg sind schon sehr nah an der CDU dran. Aber ich finde auch, Cem Özdemir versucht auch das immer ein bisschen mehr zu vertreten. Also klar, er kritisiert auch die Bundespartei.«
Besucher:
»Es ist sicherlich manches zu Recht kritisiert worden an Grünen. Auch eine gewisse einseitige Gesinnungspolitik. Und es ist nicht schlecht, dass es da innerhalb der Grünen Kräfte gibt, die sich da auch dagegenstellen. Und trotzdem sagen, im Grunde sind wir Grüne.«
Özdemir bleibt damit bei der Realo-Politik vom bisherigen Landeschef und seinem Parteifreund, Winfried Kretschmann.
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Also hier in Baden-Württemberg sind wir in der Mitte der Gesellschaft, ich meine Sie sehen es hier, wie viele Leute da sind, die Bandbreite der Gesellschaft ist da. Im Übrigen grenze ich mich gar nicht so sehr von der Bundespartei ab. Dort, wo die Bundespartei richtiges, Sinnvolles macht und gemacht hat, kann man das ja auch anerkennen.«
Reporter:
»Wären Sie vielleicht auch ein guter CDU-Kandidat?«
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Nein, ich bin in der Wolle gefärbter Grüner. Wir sind hier so. Also sehr grün, aber es ist eben grün, ohne dass man mit den Leuten, den Leuten mit dem Hinterteil voraus ins Gesicht spring. Muss man nicht, unangenehme Vorstellung.«
Reporter:
»Das macht aber die Bundespartei?«
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Nein, aber der Eindruck ist da bei den Leuten, dass das hier und da der Fall ist und bei uns ist das nicht so.«
Das Image der Grünen scheint Özdemir hier im Wahlkampf eher zu schaden. Deshalb geht er gerne auf Distanz zu seiner Partei, obwohl er seit mehr als 30 Jahren ein prägendes Gesicht der Grünen ist.
1994 zieht Cem Özdemir als erster Abgeordneter mit türkischen Wurzeln in den Bundestag ein. Über die Jahre sitzt er im Europaparlament, ist zehn Jahre Bundesvorsitzender seiner Partei und in Ampel-Zeiten dann sogar Bundesminister für Landwirtschaft und Ernährung. Nun also Baden-Württemberg.
Im schwäbischen Wahlkampf macht Özdemir immer wieder klar: Er ist von hier. Da stellt er sich für die Presse auch mal in die lokale Bäckerei vom Parteikollegen …
Martin Grath, Bäcker und Grüner:
»Präventiv habe ich für dich eine schwarze Schürze dabei.«
»Das Ganze nochmal in Zeitlupe…«
... und übt sich am Brezeln backen:
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Ich finde, der nächste Ministerpräsident sollte den Schlingenwurf beherrschen…«
Ob ihm das was bringen würde?
Özdemir ist beliebt. Würden nicht die Parteien, sondern die Personen gewählt, würde der 60-Jährige ziemlich sicher Ministerpräsident werden.
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Es ist am Ende auch die Persönlichkeitswahl. Die Leute wollen wissen, wer ist Ministerpräsident in einer schwierigen Situation. Wer bringt Erfahrung mit, wer hat vielleicht auch schon mal in Berlin, in Brüssel Politik gemacht. Das spielt sicherlich auch eine Rolle. Aber am Ende geht es eben darum, beides zusammenzubringen.«
Das will Manuel Hagel von der CDU auch. Seine Partei ist im Ländle breit aufgestellt, seine Vita ist ein wenig schmaler. Ihm fehlt der Promi-Faktor. Trotzdem liegt seine Partei in den Umfragen seit langem vorne. Doch der Vorsprung wird immer kleiner.
Sein größter Termin an diesem Tag kommt ohne Blasmusik und Weißwurst aus. Dafür mit Strahlkraft aus Sachsen: Ministerpräsident Michael Kretschmer unterstützt den 37-Jährigen heute.
Das ist Teil seiner Wahlkampfstrategie: In einem durchgetakteten Format sitzt der Spitzenkandidat mit hochrangigen CDU-Politikern auf der Bühne und will unverfänglich quatschen, sich bürgernah zeigen.
An dem Abend sind viele CDU-Mitglieder vor Ort, was erwarten die, die nicht wegen ihres Parteibuchs hier sind?
Besucherin:
»Der Hagel ist praktisch so ein Newcomer, ist natürlich eine andere Generation. Mal gucken, was er da anpreist.«
Besucher:
»Ja, also ich kenne ihn bisher noch nicht, deswegen bin ich gespannt auf heute Abend. Müssen wir mal gucken…«
Besucher:
»Wir waren letztens schon beim Özdemir, bei den Grünen und haben gesagt, heute wollen wir mal CDU anhören, weil das gehört dazu zum Wahlkampf.«
Also wer ist dieser Manuel Hagel?
2006 tritt er in die CDU ein und sitzt drei Jahre später im Gemeinderat in Ehingen. Seinen Job als Sparkassenfilialleiter gibt er auf, als er 2016 in den Landtag einzieht. Dort macht er eine steile Karriere und wurde vor fünf Jahren Fraktionsvorsitzender. Mittlerweile ist er Landeschef und sollte die CDU die Wahl gewinnen, wäre er der bisher jüngste Ministerpräsident in der BRD-Geschichte.
Auf der Bühne in Denkendorf hilft Sachsens Landeschef Hagel dabei, gegen die Grünen zu schießen.
Michael Kretschmer, Ministerpräsident Sachsen:
»Der Özdemir war Teil des Problems und der hat nicht mitgeholfen, die Themen zu klären, die zu klären gewesen sind.«
Manuel Hagel, Spitzenkandidat CDU:
»Und dieser grüne Kulturkampf ums Auto muss aufhören. Für uns ist doch nur eines wichtig: Dass es in Baden-Württemberg oder Sachsen gebaut ist.«
Nach der Bühne: erstmal Zeit für Selfies. Aber was hält Hagel eigentlich von seinem Gegner?
Manuel Hagel, Spitzenkandidat CDU:
»Ja, seine Rolle war ja bisher eher in Berlin, in der Ampel oder als Bundesvorsitzender der Grünen. Meine Arbeit war hier in Baden-Württemberg, jetzt zehn Jahre in einer funktionierenden Koalition mit Winfried Kretschmann. So hat eben jeder von uns sein Profil.
Reporter:
»Aber was unterscheidet sie von Cem Özdemir, in der Politik, in den Themen?
Ich bin CDU Mitglied, der andere nicht. Und vor allen Dingen, geht es bei uns darum, dass wir das, was wir jetzt vor Wahlen sagen, auch hinterher mit einer entsprechenden Mehrheit umsetzen können, weil wir unsere Politik jetzt nicht nur vor Wahlen fürs Wahlplakat machen.«
Reporter:
»Die Leute, die sie wählen, wählen die wohl die CDU, oder wählen die Manuel-Hagel-Politik?«
Manuel Hagel, Spitzenkandidat CDU:
»Das Schöne bei uns ist, dass beides zusammengehört: Weil Kandidat, Partei und Programm sind eine echte Einheit. Bei anderen ist das ja anders.«
Ein kleiner Seitenhieb Richtung Özdemir. Aber insgesamt verläuft der Wahlkampf größtenteils harmonisch: Sowohl Özdemir als auch Hagel verzichten auf heftige Angriffe.
Dabei hätte Özdemir eine Steilvorlage gehabt: Eine Grünen-Parteikollegin teilt ein paar Tage nach dem Auftritt in Denkendorf ein acht Jahre altes Video, in dem Hagel sich sexistisch äußert.
Manuel Hagel, Spitzenkandidat CDU:
»Ich war vor wenige Wochen in einer Realschule bei uns im Wahlkreis: Eine Klasse, 80 Prozent Mädchen: Also, da gibt es für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen. Aber dann begann die, was nie vergesse die erste Frage. Sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen. Es war dann so kurz nach neun. Eva wird aufgerufen…«
Aber Özdemir geht nicht wirklich darauf ein. Denn die beiden Pragmatiker ahnen, dass sie sich in der Koalition miteinander arrangieren müssen. Die Frage ist nur, wer die Regierung anführt. Inhaltlich sind sie sich bei vielen Themen scheinbar schon einig:
Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat:
»…und deshalb wollen wir ein verbindliches und kostenloses Kindergartenjahr…«
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»Ich finde, es wird Zeit, dass das letzte Kitajahr verbindlich wird. Und wenn es verbindlich ist, muss es kostenfrei sein!«
Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat:
»Ich will einfach, dass bei uns im Land ein Handwerksmeister so viel wert ist, wie ein Master.«
Cem Özdemir, Spitzenkandidat Grüne:
»…Dass bei uns der Master umsonst ist, aber der Meister nicht: Kann mir irgendjemand erklären mit welcher Begründung?
Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat:
»Vor allem, wir Baden-Württemberger feiern uns ja, dass wir das Auto erfunden haben…«
»…und sind zurecht stolz drauf. Übrigens haben wir nicht das Auto erfunden, wir haben auch das Fahrrad erfunden und ich bin auf beide Erfindungen stolz drauf.«
Gut »schwätzen« können sie beide. Eine gemeinsame Koalition bilden vermutlich auch.
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