SpOn 08.09.2026
11:50 Uhr

Konjunktur: Deutsche Exporte gehen zurück – Auftragsplus in Elektroindustrie


Wegen sinkender Nachfrage haben deutsche Firmen im Juli weniger Waren exportiert. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Eine Branche meldet ein kräftiges Auftragsplus und die Aussicht auf neue Jobs.

Konjunktur: Deutsche Exporte gehen zurück – Auftragsplus in Elektroindustrie

Nach zuvor fünf Anstiegen in Folge sind die deutschen Exporte im Juli überraschend gesunken. Sie gingen um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat zurück auf 138,2 ‌Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Grund ist eine schwächere Nachfrage aus Europa und China. Verglichen mit Juli 2025 zogen die Exporte aber um 6,1 Prozent an.

»Die Exportindustrie ist nicht mehr der Bremsklotz der deutschen Wirtschaft – aber auch noch nicht ihr Zugpferd«, sagte der Leiter Volkswirtschaft der Fondsgesellschaft Union Investment, Michael Herzum. »Positive Überraschungen sind im zweiten Halbjahr möglich – ein Exportboom aber nicht.« Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) teilte mit, von einem stabilen Aufschwung der deutschen Exportwirtschaft könne noch keine ​Rede sein. Die deutsche Außenwirtschaft zeige Widerstandskraft. Die Politik müsse durch grundlegende Reformen den Standort stärken und die Unternehmen ⁠entlasten.

In die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) wurden im Juli Waren im Wert von 78 Milliarden Euro und damit 1,6 Prozent weniger als im Vormonat exportiert. Die meisten Ausfuhren in ein einzelnes Land gingen erneut in die USA: Dorthin wurden deutsche Waren im Wert von 14,4 Milliarden Euro geliefert, ein ‌Plus von 19,1 Prozent.

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Das deutsche Chinageschäft brach dagegen um 9,5 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro ein. »Eine eher ​schwache Weltkonjunktur, aber auch eine immense ‌Zunahme chinesischer Konkurrenz setzen deutsche Exporteure unter Druck«, sagte der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier. »All das führt zu einem Exportminus.«

Für die kommenden Monate zeichnet sich aber eine Belebung ab: Ein starkes ‌Europageschäft und der KI-Boom lassen ​die deutschen Exporteure laut Ifo-Institut so optimistisch nach vorn blicken wie seit viereinhalb Jahren nicht mehr. »Die Exportwirtschaft nimmt Fahrt auf«, sagte Ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe. So sei etwa für den Bau von Rechenzentren in vielen ‌Bereichen deutsche ‌Technik gefragt.

VDMA warnt vor Verlust von Forschung

Eine Warnung kam allerdings vom Maschinenbauverband VDMA. Er warnt vor einer Abwanderung industrieller Forschung ins Ausland. 69 ​Prozent der befragten Mitgliedsfirmen hätten angegeben, dass sie ihre Forschungs- ‌und Entwicklungsaktivitäten im Ausland ausbauen würden, teilte der Verband mit. »Das ist ein klares Alarmsignal für den Industriestandort Deutschland – auch weil ​wir mit 190.000 Ingenieuren wichtigster Wertschöpfungspartner für neue Produkte und Prozesse ⁠der ⁠Wirtschaft sind«, sagte der stellvertretende VDMA-Hauptgeschäftsführer Hartmut Rauen. Zwar investierten die Firmen im Maschinenbau auch weiter an ihren Stammsitzen in ‌Deutschland. Es gebe aber Umsatzrückgänge ​und hohe Standortkosten. ‌Die Bundesregierung müsse die Voraussetzungen für Investitionen und Innovationen schaffen.

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In der Elektroindustrie läuft es gut

Während viele Branchen noch auf eine Trendwende warten, verzeichnet die deutsche Elektro- und Digitalindustrie ein kräftiges Auftragsplus. Im Juli lagen die Auftragseingänge um 32,6 Prozent über dem Vorjahr, teilte der Branchenverband ZVEI mit. Getrieben wurde die Entwicklung demnach von Großaufträgen aus dem Inland, die um 67,3 Prozent zulegten. Aber auch die Bestellungen ausländischer Kunden hätten sich um 8,6 Prozent erhöht, erklärte ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann

Dem Verband zufolge erhöhten die Unternehmen der Branche angesichts der florierenden Geschäfte sowohl ihre Produktions- als auch ihre Stellenpläne. Im kommenden Quartal wolle mehr als ein Viertel der Unternehmen den Output erhöhen. »Zudem drehten die Einstellungsabsichten nach mehr als drei Jahren erstmals wieder ins Plus«, erklärte Gontermann. Ende des ersten Halbjahres 2026 waren 864.600 Beschäftigte in der deutschen Elektro- und Digitalindustrie tätig, 1,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Laut Ifo-Institut stieg das Geschäftsklima in der Elektroindustrie im August auf 16,0 Punkte und damit den höchsten Wert seit Mai 2023. Vor allem die Erwartungen an die kommenden Geschäfte seien deutlich optimistischer ausgefallen. »Die Elektroindustrie gehört derzeit zu den wenigen Bereichen der Industrie, in denen die Geschäfte gut laufen«, erklärte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Hinter der Entwicklung stehe vor allem die Digitalisierung. »Der Ausbau von Rechenzentren, die Investitionen in künstliche Intelligenz und die Automatisierung in den Kundenbranchen schlagen direkt auf die Auftragsbücher durch.« Das sei kein kurzfristiges Strohfeuer.

Gute Chancen auf ein dauerhaft höheres Wirtschaftswachstum

Auch eine Studie bescheinigt dem Standort Deutschland trotz der aktuellen Konjunkturkrise grundsätzlich eine gute Ausgangslage. Deutschland hat nach Einschätzung der staatlichen Förderbank KfW gute Chancen auf ein dauerhaft höheres Wirtschaftswachstum. Ein Potenzialwachstum von mehr als einem Prozent ​jährlich sei im kommenden Jahrzehnt erreichbar, heißt es in der Studie.

Zuletzt war ‌dieses von knapp zwei Prozent im Jahr 2015 auf nur noch leicht über null gefallen. Voraussetzung für den Umschwung sei, dass Deutschland gezielt die drei Wachstumskräfte Arbeit, Kapital und Produktivität stärke.

Das Potenzialwachstum gibt an, wie stark eine Wirtschaft langfristig ohne Inflation und Überhitzung wachsen kann, wenn alle Arbeitskräfte und ​Maschinen normal ausgelastet sind. Den wichtigsten Hebel für dessen Steigerung sieht die KfW in einer neuen Dynamik ⁠beim Produktivitätswachstum. ⁠

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Künstliche Intelligenz und Digitalisierung müssten dazu schneller und breiter in den Unternehmen genutzt werden. »Wir müssen kurzfristig nicht KI-Weltmeister bei der Entwicklung von Modellen werden, sondern KI-Anwendungsland Nummer eins in Industrie und ‌Mittelstand«, sagte KfW-Chef Stefan Wintels. Wenn zudem Mittelstand, Start-ups und ​Kapital besser zusammengebracht würden, ‌entstehe eine neue Wachstumsformel für Deutschland.

»Unser Standort hat Zukunft, denn Deutschland verfügt über Stärken, um die uns viele Länder beneiden«, sagte Wintels. Er nannte ein robustes wirtschaftliches Fundament, einen leistungsfähigen Mittelstand, qualifizierte Beschäftigte, starke Forschungseinrichtungen und eine beachtliche Fähigkeit ‌zur Anpassung. »Im Ergebnis muss unsere Ambition sein, Deutschland bis 2035 global wieder zu einem der führenden Technologie- und Innovationsstandorte zu entwickeln«, sagte Wintels.

mmq/Reuters/dpa