SpOn 10.07.2026
12:43 Uhr

Klimakrise: Wie Kinder die Erderwärmung erleben - »Was wird aus uns?«


Ahrtal-Flut, überschwemmte Pazifikinseln, kalifornische Waldbrände: Die Auswirkungen der Erderhitzung sind weltweit zu spüren. Vier Kinder und Jugendliche berichten von ihren Erfahrungen.

Klimakrise: Wie Kinder die Erderwärmung erleben - »Was wird aus uns?«

Lily, 17, aus Suva auf Viti Levu (Fidschi)

Kiribati ist wunderschön. Meine Heimat besteht aus lauter kleinen Korallenatollen, mitten im Pazifik. Die Kinder in Europa kennen mein Land wahrscheinlich nicht. Genau das ist auch unser Problem, wenn es um die Klimakrise geht: Die kleinen Inselstaaten in Ozeanien werden von den großen Ländern vergessen. Das ist unfair, denn was der Rest der Welt macht, betrifft uns sehr. Wir sind so verletzlich. Der höchste Punkt Tarawas, der Hauptinsel Kiribatis, liegt nur drei Meter über dem Meeresspiegel. Überschwemmungen und heftige Stürme, die nennt man hier Zyklone, treffen uns mit vernichtender Kraft. Viel mehr als Sand und Kokosnusspalmen gibt es hier nicht – keine Dämme oder Berge, auf die man sich bei Überflutungen zurückziehen kann. Zyklone gab es schon immer, aber nicht in dieser Heftigkeit und Häufigkeit. Meine Heimat wird in den nächsten Jahren unbewohnbar sein und eines Tages vollständig im Meer versinken.

Lily, 17: »Meine Heimat versinkt im Meer«

Lily, 17: »Meine Heimat versinkt im Meer«

Foto: Privat

Wir haben unser Land deshalb verlassen und leben auf Viti Levu, der Hauptinsel Fidschis, drei Flugstunden von Kiribati entfernt. Viti Levu liegt erhöht und ist ein sicherer Wohnort. Meine Tante ist Lehrerin und wohnt noch in Kiribati. Bei der jüngsten Überflutung lief das Meerwasser in die Klassenräume. Ich bin wütend über die Untätigkeit der Politik, aber auch erstaunt, wie viele Menschen noch immer die Klimakrise leugnen – sogar viele Bewohnerinnen und Bewohner der Pazifikstaaten. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihre Heimat verschwindet, weil sie keine Alternative sehen, anderswo leben zu können. Australien hat zwar extra ein Programm eingerichtet, um Pazifik-Bewohner aus Tuvalu aufzunehmen, einem weiteren Pazifik-Staat, der gerade unbewohnbar wird, aber dort einen Platz zu bekommen, ist wie ein Lotto-­Gewinn. Nicht alle Klima-Flüchtlinge des Pazifiks können dorthin. Was wird aus uns?

Zubayr, 11, aus Los Angeles (USA)

Zubayr, 11: »Ich hatte Angst, unser Haus könnte brennen«

Zubayr, 11: »Ich hatte Angst, unser Haus könnte brennen«

Foto: Privat

Wenn die eigene Stadt brennt, ist das ein schlimmes Gefühl. Anfang vergangenen Jahres gab es in Los Angeles (L. A.) riesige Waldbrände. Überall in der Luft war Ruß. Wir trugen Masken, wenn wir das Haus verließen. Der Himmel war orange. Aber nicht wie bei einem Sonnenuntergang, sondern beängstigend. Ich hatte Angst, unser Haus könnte brennen. Wir mussten zwar nicht evakuiert werden, unsere direkte Nachbarschaft war nicht betroffen. Aber viele andere Menschen in Kalifornien mussten ihr Zuhause verlassen, ganze Stadtviertel wurden vernichtet. Erst nach drei Wochen konnten die Brände gelöscht werden.

Es war nicht das erste Mal, dass es hier so schlimm gebrannt hat. Forschende haben berechnet, dass solche Waldbrände in unserer Region immer häufiger werden, wenn wir nichts gegen die Klimakrise unternehmen. Oft denke ich: Wie heftig wird’s wohl nächstes Mal? Das Risiko, Atemwegserkrankungen zu kriegen, weil die Luftqualität schlechter ist, steigt jetzt schon. Wir leben in einer seltsamen Zeit. Viele leugnen den Klimawandel – sogar der US-amerikanische Präsident. Das frustriert mich und macht mich wütend. Aber ich glaube trotzdem, dass wir etwas bewegen können. Deshalb bin ich Teil der Organisation YCSLA. Wir sind viele Kinder und Jugendliche, die sich in L. A. fürs Klima einsetzen. Wir organi­sieren Demonstrationen oder Jugendkonferenzen. Wenn die Klimakrise mir Angst macht, spreche ich mit den anderen darüber. Dann geht’s mir meistens besser.

DEIN SPIEGEL

Noch vor Kurzem demonstrierten Kinder und Jugendliche regelmäßig freitags für eine bessere Zukunft. Heute ist es ruhiger geworden um den Klimaprotest, obwohl die Probleme keineswegs kleiner geworden sind. In der Titelgeschichte von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder, geht es um genau diese Frage. Jugendliche aus verschiedenen Regionen der Erde erzählen, wie sie die Klimakrise erleben. Und. Eine Klimaanwältin erklärt, wie sie vor Gericht für den Planeten kämpft. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

Lionel, 14, aus Altenahr (Deutschland)

Lionel, 14: »Die Flut hat die Menschen verändert«

Lionel, 14: »Die Flut hat die Menschen verändert«

Foto: Privat

Ich wohne im Ahrtal. Die Gegend kennen viele Menschen in Deutschland vor allem von der Flutkatastrophe vor fünf Jahren. Damals war ich neun. Die Ahr ist ein Nebenfluss des Rheins, sie schlängelt sich hier durch eine echt schöne Gegend. Das Dorf, in dem ich lebe, heißt Altenahr. Ich erinnere mich an einen Schulausflug, wir waren wandern, es war kurz vor den Sommerferien, und es wollte einfach nicht aufhören zu regnen. Ein Schulkamerad scherzte, dass die Ahr über die Ufer steigen und das Dorf fluten würde. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass das wirklich passieren könnte. Abends war ich daheim mit meiner Mutter und meinen Schwestern, Papa hatte unten im Dorf zu tun. Er schickte Mama Fotos vom steigenden Wasser und der gefluteten Hauptstraße. Das Wohnhaus meiner Familie liegt etwas erhöht, aber als Papa heimkam, hatten wir schon Grundwasser im Keller. Wir versuchten zunächst, mit Eimern das Wasser rauszuschaffen. Aber das änderte überhaupt nichts, der Pegel stieg immer mehr, Wasser rann über die Treppenstufen wie ein Bach. Wir retteten unsere Wertsachen nach oben und verbrachten die Nacht auf dem Dachboden. Die Geräusche waren gruselig, man konnte die Türen im Wasser knarzen hören. Am nächsten Tag war das ganze Haus voller Schlamm, die Möbel waren von den Wassermassen verrückt und zerdrückt worden. Viele Menschen haben damals alles verloren. Die Häuser in Altenahr waren Ruinen. Wir sind für ein Jahr in die Wohnung von Freunden gezogen.

Ich habe damals nicht wirklich verstanden, was passiert ist. Heute weiß ich, dass solche Extremwetter mit der Klimakrise zusammenhängen. Wir haben das Thema auch im Unterricht durchgenommen, aber ich denke nicht viel über den Klimawandel nach. Ich würde hier gern noch leben, wenn ich älter bin. Nach der Flutkatastrophe wurde die Ahr ein wenig verbreitert, und an manchen Stellen darf man nicht mehr bauen. Die Flut hat die Menschen verändert. Sie sind nicht mehr so unbeschwert wie früher, viel zurückhaltender.

Yolo, 14, aus Kapstadt (Südafrika)

Yolo, 14: »Im Unterricht ist die Klimakrise selten Thema«

Yolo, 14: »Im Unterricht ist die Klimakrise selten Thema«

Foto: Privat

Ich lebe in einer Township. So nennt man die ärmeren Siedlungen am Rand der Stadt. Die Townships sind besonders von der Klimakrise betroffen. Viele der Häuser und Hütten bestehen aus Wellblech, deshalb heizen sie sich stark auf. Außerdem gibt es hier wenig Bäume und kaum Schatten. Trotzdem denkt kaum jemand über Klimaschutz nach. Die meisten Leute haben andere Probleme, sind zum Beispiel arbeitslos und wissen nicht, wie sie ihre Familie ernähren sollen. Als ich noch klein war, herrschte hier in Kapstadt eine schwere Dürre. In den Seen war kaum Wasser. Die Stadt verhängte ein Limit, wie viele Liter Leitungswasser eine Person pro Tag höchstens verbrauchen durfte. Durch die Wasserknappheit hatten die Landwirte eine schlechte Ernte. Deshalb wurden Lebensmittel teurer. Ich war noch zu jung, um mich genau zu erinnern, vieles weiß ich nur aus Erzählungen.

In den vergangenen Jahren hat sich die Wasserkrise entspannt, weil es viel geregnet hat. Doch was bleibt, ist die Luftverschmutzung. Über den Townships, die neben stark befahrenen Straßen oder Industriegebieten liegen, hängt oft Smog. Vor eini­gen Jahren begann ich mich zu fragen: Warum ist die Luft so grau? Klimaschutz wurde immer wichtiger für mich. So kam ich vor zwei Jahren zur Klimaschutzorganisation »Black Girls Rising«. Übersetzt bedeutet das etwa: »Schwarze Mädchen im Aufbruch«. Die Initiative wurde vor fünf Jahren von einer Klimaaktivistin gegründet, um junge Mädchen, die in Townships wohnen, zu bestärken. Wir treffen uns einmal im Monat und sprechen über Klimaschutz. Außerdem organisieren wir regelmäßig Müllsammelaktionen in unseren Vierteln oder halten Vorträge an Schulen. Viele Kinder in Südafrika wissen kaum über die Klimakrise Bescheid. Im Unterricht kommt das Thema selten vor – vielleicht, weil viele Lehrkräfte sich selbst nicht gut damit auskennen. Deshalb finde ich es wichtig, vielen davon zu erzählen. So können wir gemeinsam laut werden.

DEIN SPIEGEL – das Nachrichten-Magazin für Kinder
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