SpOn 21.02.2026
11:43 Uhr

Kinder schauen anders auf die Welt: »Der Verbrecher sieht aus wie ein Pirat« - Familien-Newsletter


In der dritten Klasse stehen Personenbeschreibungen auf dem Lehrplan. Es ist toll, meinen Sohn beim Beobachten zu beobachten.

Kinder schauen anders auf die Welt: »Der Verbrecher sieht aus wie ein Pirat« - Familien-Newsletter

Der Ernst des Lebens hat für meinen Sohn spätestens im vergangenen Sommer begonnen. Er ist jetzt Drittklässler. Das bedeutet, dass er nun in der Schule Arbeiten schreibt. Glücklicherweise scheint ihn das nicht so sehr aufzuwühlen wie andere Kinder. Er macht auf mich nicht den Eindruck, als sei er vor Arbeiten besonders nervös. Dazu hat er auch keinen Grund, weil ihm viele Dinge erfreulich leicht fallen und meine Frau es geschickt versteht, ihn und mich zum Lernen zu animieren, wenn uns Dinge mal nicht so leichtfallen. Sie ist sehr gut darin. Und nicht nur darin.

In der kommenden Woche schreibt er eine Deutscharbeit. Das Thema ist Personenbeschreibung. Die Kinder bekommen Bilder von gezeichneten Menschen und sollen möglichst genau aufschreiben, was sie sehen. Ich könnte stundenlang neben ihm sitzen und ihm dabei zuschauen, weil es mir so schön viel darüber verrät, wie er die Welt sieht und was ihm wichtig ist.

Verkleidetes Kind (Symbolbild): Verbrecher oder Pirat? Manchmal ist das ganz schwer zu unterscheiden

Verkleidetes Kind (Symbolbild): Verbrecher oder Pirat? Manchmal ist das ganz schwer zu unterscheiden

Foto:

Aleksandar Jankovic / Getty Images

Gestern hat er nacheinander zwei Arbeitsblätter bearbeitet, auf dem ersten, so schrieb es mein Sohn, war ein Mann zu sehen. Und dann: »Der Mann ist Dedektiv.« Ich fand das so schön, dass ich ihm das zweite »d« habe durchgehen lassen, auch wenn ich es vermutlich hätte korrigieren sollen. Es folgten Informationen zum Gesicht (»Er hat eine lange Nase und ein rundes Ohr«), zur Körperhaltung (»Der Mann steht leicht gebückt«) und zum Abschluss das eine Detail, von dem er auf den Beruf geschlossen hat: »Das Besondere ist, dass er eine Lupe in der linken Hand hält.«

Ich war beeindruckt, wie präzise mein Sohn beobachtet hat, habe ihn auf vereinzelte Rechtschreibfehler hingewiesen – insbesondere Groß- und Kleinschreibung ist ihm nicht so wichtig – und zur Belohnung eine Runde »Super Mario« mit ihm gespielt. Mario ist ein kleiner Mann mit roter Mütze, blauer Latzhose und prägnantem Schnurrbart. Nach unserem kurzen Ausflug an die Konsole setzte sich mein Sohn ans zweite Blatt. Die ersten Sätze, die ihm zu dem Gesehenen in den Sinn kamen: »Der Mann ist sehr schlank. Er ist ein Verbrecher.« Und wenig später: »Der Verbrecher sieht aus wie ein Pirat.«

Das fand ich interessant und fragte meinen Sohn, warum er nicht geschrieben hat: »Der Mann auf dem Bild ist ein Pirat.« Er antwortete, dass er ja nicht wisse, ob das wirklich ein Pirat sei. Er glaube nicht mal, dass es ein Pirat sei. Der Mann sehe nur aus wie einer. Deswegen habe er es ja so geschrieben.

Aber, wandte ich ein, trotzdem sei er sich ja sicher, dass der Mann ein Verbrecher sei. Und nicht dass er wie einer aussehe. Mein Sohn verdrehte leicht die Augen. Es sei doch vollkommen klar, dass es sich um einen Verbrecher handele. Ich hätte wohl schon vergessen, dass auf dem anderen Bild ein »Dedektiv« zu sehen gewesen sei. Und wen, bitte schön, solle der denn mit seiner Lupe suchen, wenn nicht den Verbrecher?

Und wieder war ich beeindruckt: Mein Sohn beobachtet nicht nur sehr gut, er erbringt sogar Transferleistungen, auf die ich nie gekommen wäre.

Was erleben Sie, wenn Sie mit Ihren Kindern Hausaufgaben machen oder für die Schule lernen? Und über welche Wahrnehmungen Ihrer Kinder haben Sie sich besonders gefreut? Schreiben Sie es mir gern an familiennewsletter@spiegel.de . Vielleicht stellen wir in einem Sammelartikel zusammen, wie Kinder die Welt sehen.

Und wenn Sie selbst ein Kind im Grundschulalter haben, möchte ich Sie um noch etwas bitten: Wenn Sie mögen, dann lassen Sie Ihr Kind doch einfach mal nach den Beschreibungen meines Sohns zwei Bilder malen – eins vom »Dedektiv« und eins vom »Verbrecher« – und schicken mir die Zeichnungen zu. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Und für meinen Sohn wäre es bestimmt lehrreich, zu sehen, was andere aus seinen Beschreibungen machen und ob sich die Figuren ähneln.

Die Idee hinter dem Familiennewsletter

Einmal die Woche erzählen fünf Mütter und Väter aus ihrem Leben und geben Lesetipps, was für Familien interessant sein könnte. (Wer wir sind, lesen Sie hier.) Schreiben Sie uns gern Ihre Gedanken zum Thema Familie, Ihre kleinen Geschichten aus dem Alltag, Ihre besonderen Momente mit Ihren Kindern! Wir würden uns freuen! Unsere Adresse: familiennewsletter@spiegel.de 

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Meine Lesetipps

Was mir bei der Auseinandersetzung mit Personenbeschreibungen mal wieder aufgefallen ist: Mein Sohn hat viel dadurch gelernt, dass wir früh mit ihm gespielt haben – zum Beispiel das klassische »Wer bin ich?«, bei dem man nach Beschreibung aus einer großen Gruppe von Gesichtern das richtige herausfinden muss. Deswegen empfehle ich Ihnen heute lesenswerte Artikel zum Thema Spielen.

Meine Kollegin Hanna Zobel hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob Eltern immer mitspielen sollten oder ob man Kinder nicht auch mal sich selbst überlassen kann. Die Antwort dürfte Sie beruhigen. Hier finden Sie den Artikel .

Die größte Expertin für Gesellschaftsspiele jeder Art beim SPIEGEL ist meine Kollegin Maren Hoffmann. Wenn ich – ausschließlich in höchsten Tönen – von Maren spreche, erwähne ich immer voller Stolz, dass sie Mitglied der Jury bei der Wahl zum »Spiel des Jahres« ist. In diesem Artikel aus dem SPIEGEL Extra WORK  erklärt Maren, warum uns Spiele klüger, kreativer und kooperativer machen. Sie sollten ihn nicht nur lesen, sondern direkt im Anschluss etwas spielen. Aber das machen Sie dann vermutlich sowieso.

Nun fragen Sie sich, was Sie spielen sollen? Auch darauf haben wir natürlich Antworten. Es gibt ein ganzes Team im Haus, das regelmäßig Spiele testet. Kurz vor Weihnachten hat der Kollege Hendrik Breuer zuletzt zehn Familienspiele empfohlen. Hier finden wir seine Tipps.

Und ebenfalls von Hendrik stammt dieses Interview mit Daniel Ackermann, dem Deutschen Meister im Spieleklassiker »Catan«  (früher »Die Siedler von Catan«). Ackermann verrät darin die besten Strategien, um eine Partie zu gewinnen.


Das jüngste Gericht

Spielen macht hungrig. Aber was soll man essen? Ähnlich wie in der Welt der Brettspiele scheint die Auswahl viel zu groß zu sein. Ich kann mich heute auch nicht dazu durchringen, Ihnen an dieser Stelle nur ein Rezept unserer Kochkolumnistin Verena Lugert zu empfehlen. Deswegen bekommen Sie gleich eine ganze Sammlung toller Gerichte zum Nachkochen. Auf dieser Seite haben wir ein »Best of Nervennahrung« für Sie zusammengestellt . Großer Bookmark-Tipp, denn so findet man immer etwas Passendes genau nach Ihrem Geschmack.

Dringend empfehlen möchte ich Ihnen auch das SPIEGEL Extra EFFILEE, in dem Sie immer freitags tolle Anregungen und Rezepttipps finden. In dieser Woche verrät Ihnen Sternekoch Ali Güngörmüş sein Meze-Geheimnis .


Mein Moment

In meinem vergangenen Newsletter schrieb ich, dass mein Sohn und meine Frau an Grippe erkrankt sind, und fragte, ob die Influenza Sie in dieser Saison auch schon erwischt hat. Wie ich aus den vielen Zuschriften erkenne, schwappt die Welle ungebrochen übers Land. Eine Leserin schrieb:

»Und ob die uns erwischt hat. Erst meinen Mann. Arbeitsunfähig über Weihnachten und Silvester. Bisschen schade für nen Pfarrer, der sein Zeug an sich gerne macht. Ab seiner ›Halbzeit‹ durfte ich auch ›mitmachen«. Arrgghhh... Muss Mensch denn wirklich ALLES teilen? Diese olle Grippe will echt keiner. Und auch ohne SpongeBob: Der Tag, an dem Fernsehen überhaupt wieder interessant war, war toll 🙂. Übrigens kann Mensch nach der Impfung auch ganz schön krank werden. Hatte ich vergangenes Jahr. Zwei Wochen impfkrank. War Pipikram im Vergleich zur Influenza A. Im Oktober lass ich mich dieses Jahr wieder impfen. Impfkrank nehm ich noch mal, diese Kackdrecks-Influenza? Nö!«

Dem ist wenig hinzuzufügen. Tun Sie mir und sich einen Gefallen und bleiben Sie gesund!

Herzlich,
Ihr Malte Müller-Michaelis