Viele Haushalte und Unternehmen in Deutschland bleiben lieber ihren Banken treu, statt Geld am Finanzmarkt anzulegen beziehungsweise aufzunehmen. Das geht aus dem Jahresbericht zur Kapitalmarktunion der Vereinigung für Finanzmärkte in Europa (AFME) hervor.
Demnach entspricht das Vermögen, das Privatleute in Deutschland in Aktien, Anleihen, Fonds und Versicherungsprodukte investiert haben, 103 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Damit liegt die Bundesrepublik zwar leicht über dem EU-Schnitt. Doch zum Vergleich: Die Menschen in Dänemark haben 194 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts am Kapitalmarkt angelegt, niederländische Haushalte 164 Prozent. In beiden Staaten ist die betriebliche Altersvorsorge sehr ausgeprägt – als Ergänzung zur klassischen Rente.
Zugleich schlummern etwa 37 Prozent der Finanzvermögen deutscher Privatleute in schwach verzinsten Bankeinlagen, also zum Beispiel auf dem Tagesgeldkonto oder Sparbuch. »In der EU bleibt Kapital weitgehend innerhalb nationaler Grenzen gebunden«, konstatiert die AFME.
Wenige Börsengänge in diesem Jahr
Der Bericht fällt in eine Zeit, in der die Regierungskoalition im Bund intensiv über die Zukunft der Alterssicherung debattiert: Vor allem die SPD pocht darauf, das Rentenniveau möglichst lang in die Zukunft festzuschreiben; mehrere jüngere Unionsabgeordnete warnen hingegen vor hohen Kosten für Beitrags- und Steuerzahler.
Die AFME hat vor dem Hintergrund ein Eigeninteresse: Der Verband vertritt Banken, die Anleiheemissionen begleiten und auch an Börsengängen mitverdienen. Gleichwohl wirft der Bericht eine Frage auf, die auch politisch relevant ist: Wird in Deutschland und Europa genug privates Kapital mobilisiert, damit Unternehmen investieren und wachsen können, damit letztlich der ganze Standort vorankommt?
So prognostiziert die AFME etwa, dass die Ausgabe neuer Unternehmensanleihen in diesem Jahr EU-weit ein neues Rekordniveau erreichen werde – angetrieben durch niedrigere Zinsen. Doch gleichzeitig gehe die Zahl der Börsengänge um 23 Prozent zurück, auf den tiefsten Stand seit mehreren Jahren. Deutsche und europäische Firmen verschulden sich also eher, statt Kapital an der heimischen Börse einzusammeln – trotz allgemein hoher Aktienbewertungen.
In den USA, China, Japan und Australien geschehe genau das Gegenteil, berichtet der Verband. »Dies unterstreicht die anhaltende Schwäche der europäischen Aktienmärkte.«
Europa steht bei Finanzierungen auf der Bremse
Das zeigt sich auch bei sogenannten Unicorns (»Einhörner«), also Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar. 90 Prozent der Firmen, die diese Schwelle in der EU im Jahr 2021 überschritten hatten, sind bislang nicht an die Börse gegangen. Der Schritt aufs Parkett ist in Europa unbeliebter geworden.
Rechnet man alle Möglichkeiten zusammen, wie sich Unternehmen und die öffentliche Hand finanzieren können – also von Krediten über Beteiligungskapital bis hin zum Crowdfunding –, dann wurden in den USA voriges Jahr Finanzierungen im Wert von acht Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gewährt. Dies ist unter anderem Ausdruck des Investitionsbooms in künstliche Intelligenz und Techkonzerne. In der EU stagniere der Anteil bei »unambitionierten« drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, konstatiert die AFME.
Dabei müsse die EU in strategisch wichtige Felder investieren, um in dem umkämpften geopolitischen Umfeld dieser Tage eine Macht zu bleiben, mahnt Verbandsgeschäftsführer Adam Farkas. »Dazu braucht Europa tiefe und integrierte Kapitalmärkte.« Ohne strukturelle Reformen laufe der Kontinent Gefahr, »hinter andere globale Finanzzentren zurückzufallen«, warnt der AFME.
Die EU-Kommission hat vorige Woche Vorschläge präsentiert, wie sie die betriebliche und private Altersvorsorge in Europa stärken will – »um die staatlichen Renten zu ergänzen und nicht zu ersetzen«, wie Finanzkommissarin Maria Luís Albuquerque betonte. Auch ihr geht es dabei nicht nur um Vermögensaufbau der Privatleute, sondern ebenfalls um »neue Finanzierungsquellen« für Unternehmen in Europa.
Bislang nähmen nur 20 Prozent der Menschen in der EU an einer betrieblichen Altersvorsorge teil, rechnet die Kommission vor, 18 Prozent besäßen ein privates Rentenprodukt.
Albuquerque wirbt für die Idee, die Ersparnisse der Haushalte stärker dafür zu nutzen, Investitionen zu finanzieren – idealerweise zum Nutzen der ganzen Volkswirtschaft. Allerdings sind der portugiesischen Politikerin die Hände weitgehend gebunden: Rentenpolitik etwa ist in der EU eine Angelegenheit der Mitgliedstaaten.


