SpOn 05.02.2026
07:33 Uhr

Kampf um die Demokratie: Was laut einer Analyse gegen eine autoritäre Regierung hilft


Was wäre, wenn die AfD tatsächlich an die Macht käme? Eine Analyse, die dem SPIEGEL vorliegt, gibt Tipps, wie sich die Zivilgesellschaft darauf vorbereiten und dann verhalten sollte.

Kampf um die Demokratie: Was laut einer Analyse gegen eine autoritäre Regierung hilft

Humor, nicht einschüchtern lassen und auf die mentalen Ressourcen achten: Darauf sollte die Zivilgesellschaft unter anderem setzen, um autoritären Kräften wie der rechtsextremen AfD zu trotzen, bevor oder wenn sie regieren. Das zeigt die Analyse »Engagement unter autoritären Bedingungen – Lehren aus Europa und den USA« des »ThinkTank Rechtsextremismus«, den die Kampagnenplattform Campact gegründet hat.

Die Autoren sprachen mit Expertinnen und Experten aus sieben Ländern, in denen extrem Rechte bereits an der Macht waren oder sind: Ungarn, Polen, Serbien, Italien, Österreich, der Schweiz und den USA. Daraus leiten sie Strategien ab, die dort Erfolg hatten – und benennen Fehler, die nicht wiederholt werden sollten.

Jeder wäre Ziel der Attacken

Zunächst müssten alle verstehen, dass »Wegducken« keine Option sei, da es autoritären Kräften eben nicht allein um Minderheiten wie Migranten und queere Menschen geht, sondern dass potenziell jede und jeder Ziel dieser Attacken werden könne. Im Moment der Regierungsübernahme würden zudem die traditionellen Wege des Netzwerkens versperrt.

Deswegen sollten frühzeitig mögliche Partnerinnen und Partner an Bord geholt werden, etwa die Privatwirtschaft. Ohnehin brauche es künftig deutlich breitere Bündnisse in der Gesellschaft, so die Experten. So sollten sich Gewerkschaften und Gruppen zusammentun, die zum Beispiel sonst zu Klima, Antirassismus oder Feminismus arbeiten. So wären sie »weniger verletzlich gegenüber autoritären Angriffen«, heißt es in der Analyse.

Gemeinsame Minimalziele

Dabei müsse allerdings »radikaler Pragmatismus« angewandt werden, denn es werde keinen »Konsens in allen politischen Fragen« geben. Stattdessen müssten die Akteure lernen, »auf Basis gemeinsamer Minimalziele zu agieren« und Raum für unterschiedliche Positionen und Ansätze zu lassen. So habe es etwa die Zivilgesellschaft in Ungarn geschafft, dass sie auch nach Jahren der Stigmatisierung noch großen Zuspruch in weiten Teilen der Bevölkerung genießt.

Insgesamt sei eine wichtige Erkenntnis aus den Interviews, dass »Solidarität im Nahraum nicht kaputt ist – selbst unter autoritären Bedingungen sind Menschen bereit, füreinander einzustehen«, heißt es in der Analyse. Genau diese lokale Solidarität bilde ein »robustes Fundament« für demokratischen Protest. Dieser Zusammenhalt müsse aber aktiv geschaffen und gepflegt werden, durch gemeinsame Aktionen und gegenseitige Unterstützung.

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Auch deswegen empfehlen die Experten Präsenz in ländlichen Regionen. Erfahrungsgemäß werde sich zu viel auf urbane Zentren konzentriert, während autoritäre Kräfte sich systematisch auf dem Land ausbreiten. Der polnische Frauenstreik (mehr hier ) oder die Proteste serbischer Studentinnen und Studentinnen in Dörfern hätten dagegen sehr klar gezeigt, wie breit der Widerstand vertreten war.

Um Gerechtigkeitsthemen kümmern

Vor Ort müsse sich dann mit den konkreten Bedürfnissen der Leute beschäftigt werden – und nicht darum, das in der Hauptstadt entwickelte einfach »in die Provinz zu bringen«, sondern zu fragen, was vor Ort gebraucht werde und welche Themen dort gerade aktuell seien. Meist drehten sich diese um Gerechtigkeit, also steigende Lebenshaltungskosten, Zugang zu Gesundheitsversorgung, bezahlbare Mieten, Infrastruktur.

»Vage, schlagwortbasierte Appelle an Demokratie und Menschenrechte« würden dagegen oft ins Leere laufen. Menschen würden sich nicht primär für abstrakte Werte engagieren, sondern für konkrete Verbesserungen ihrer Lebenssituation. Ein Fehler, aus dem die deutsche Zivilgesellschaft lernen sollte.

Empörungsspiralen ignorieren

Außerdem sollten extrem rechte Empörungsspiralen ignoriert oder strategisch gekontert werden. Stattdessen brauche es Freude, Hoffnung und »die Erfahrung kollektiver Selbstwirksamkeit«. Auch unkonventionelle Protestformen könnten eine hilfreiche Ressource sein, so die Analyse, etwa Kunst oder Humor, die autoritäre Narrative durchbrechen und schwer zu unterdrücken seien. Die Froschkostüme bei Demonstrationen gegen die Abschiebepolizei ICE etwa seien »unglaublich effektiv« gewesen, weil sie das Bild gestört hätten (mehr zu den Protestaktionen hier).

Mit alledem sei es möglich, ein echtes Gegengewicht zu schaffen. Allerdings müssten die Initiativen auch in »psychische Widerstandsfähigkeit« investieren, also in Burn-out-Prävention etwa. Und sie sollten das Feiern von Erfolgen nicht vergessen, nur so sei langfristiges Engagement möglich.