In persönlichen Jahresrückblicken berichten SPIEGEL-Redakteurinnen und -Redakteure, welche Texte sie 2025 besonders beschäftigt haben.
Es gab einen Moment, da war ich überzeugt: »Das war’s. Jetzt gehen wir unter.« Ich sah mein Handy, mein Notizbuch, alles, was ich brauchen würde, um diese Geschichte aufzuschreiben, mit mir im Canal Grande versinken. »Diese Geschichte«, das war ein Artikel über die Giga-Hochzeit von Jeff Bezos und Lauren Sánchez in Venedig. Der SPIEGEL hatte mich in die Lagunenstadt geschickt, um darüber zu berichten.
Zum Zeitpunkt meiner Untergangsgedanken befand ich mich an Bord einer blechernen Nussschale. Ich hatte mich am Vortag in dieses Boot eingekauft, das Stefano, ein Kollege von der »Washington Post«, samt zugehörigem Skipper organisiert hatte. Auch Andrea von »La Repubblica« war mit an Bord. Das Boot war einer von vielen Versuchen, irgendetwas herauszufinden über die unter strengster Geheimhaltung geplante Hochzeit. Und so rasten wir nun in aberwitzigem Tempo durch das venezianische Kanalsystem.
Schon Wochen vorher hatte ich probiert, zumindest das Datum in Erfahrung zu bringen. Das Brautpaar selbst wollte dazu keine Angaben machen, also checkte ich tagelang die Verfügbarkeiten der fünf größten Luxushotels der Stadt, in denen ich die geladenen Gäste vermutete. So konnte ich den mutmaßlichen Zeitraum schließlich auf die letzte Juniwoche eingrenzen, in der diese Hotels fast oder komplett ausgebucht waren. Auf gut Glück buchte ich mir einen Flug.
Macht, Millionen, Prestige
Würde ich eine Stadt im Ausnahmezustand vorfinden? Denn es war schließlich nicht irgendeine Hochzeit, hier heiratete der viertreichste Mensch der Welt. Und das in Venedig, einer Stadt, die dem Untergang geweiht ist, und zwar wortwörtlich. Einer Stadt, die vom Tourismus erdrückt wird. Deren einzigartige Geografie nicht geschützt, sondern maximal ausgeschlachtet wird – unter anderem als Kulisse für Menschen, die ihre Dekadenz unverhohlen zur Schau stellen.
Paparazzi-Boote warten in Venedig auf Braut und Bräutigam
Foto: Marco Bertorello / AFPNun sind dekadente Hochzeiten reicher Menschen in Venedig keine Seltenheit, nur war hier eben doch vieles anders. Zum Beispiel die Gästeliste: Bereits im Vorfeld gab es viel Geraune, wer wohl eingeladen sein würde. Auf die meisten Namen konnte ich mir keinen Reim machen. Was will einer wie Leonardo DiCaprio auf so einer Hochzeit? Er ist überzeugter Umwelt- und Klimaaktivist, ließ sich mit Greta Thunberg fotografieren. Bezos dagegen zelebriert gnadenlosen Turbokapitalismus, den kümmert weder sein eigener noch der CO₂-Fußabdruck seines Unternehmens.
Oder Prinzessin Rania von Jordanien – wie kommt die zu einer Einladung? Weder ist das Brautpaar königlicher Abstammung, noch unterhält die Prinzessin enge Verbindungen zu ihm. Präsidententochter Ivanka Trump? Footballer Tom Brady? Die Kardashians? Was haben die mit Bezos und Sánchez zu schaffen?
Womöglich, das wurde mir während der Recherche klar, sind nicht etwa Verwandtschaft, Freundschaft oder zumindest Bekanntschaft bei dieser Hochzeit die Währung, die dir Zutritt zu selbiger verschaffen. Es sind Macht, Millionen, Prestige.
Das Boot mit Jeff Bezos an Bord (Mitte) fährt am Markusplatz vorbei
Foto: Luigi Costantini / AP / dpaFür uns Journalistinnen und Journalisten blieb die Beobachterrolle. Das Problem dabei: Alle Orte, an denen sich die Feierlichkeiten abspielten, wurden abgeriegelt. Wie also reportieren – und was?
Ich bequatschte Portiers, die am Hintereingang zum Hotel des Brautpaars rauchten. Ich trieb mich am Bootsanleger des Hotels herum, in der Hoffnung auf nützliche Infos oder Sichtungen. Ich versuchte, mich mit dem Securitychef anzufreunden, der für die Absicherung der Hochzeitslocations zuständig war. Unter einiger Überwindung flirtete ich sogar einen diensthabenden Wachmann an, der mir gänzlich unbeeindruckt zu verstehen gab, aus ihm sei nichts herauszubekommen.
Die Wellen klatschten, mein Herz klopfte
Deshalb also die Nussschale. Stefano, Andrea und ich hofften, damit irgendwie ans Geschehen heranzukommen. Tatsächlich gelang uns das auch: Unser Skipper jagte das Boot am Tag des Jaworts in einem Affenzahn durch Venedig, angepeitscht von Andrea, der für seine Zeitung Fotos und Videos der Gäste machen sollte: »Ich muss näher ran!«
Kardashian-Boot vor Reporter-Boot
Foto: Miriam Khan / DER SPIEGELWir verfolgten unter anderem das Wassertaxi von Kim und Khloé Kardashian. Weil das auch andere taten und zudem reger Gegenverkehr herrschte, geriet unsere Nussschale oft gefährlich in Schieflage. Die Wellen klatschten hart gegen die Seiten, unser Boot hob ab, fiel zurück ins Wasser, wurde von links nach rechts geworfen.
SPIEGEL-Redakteurin Miriam Khan in Venedig (mit einem Kollegen der »Washington Post«)
Foto: DER SPIEGELMein Herz klopfte, als die Kardashians an der Hochzeitslocation ankamen und unser Skipper abdrehte, um das Boot in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. »Das war krass!«, sagte Stefano. »Das war verrückt!«, sagte Andrea. »Ich dachte, wir gehen unter«, sagte ich. »Ach, Quatsch«, sagte der Skipper. Aber so richtig überzeugt sah er nicht aus.
In jedem Fall blieb uns der Untergang erspart – anders als Venedig.
Hier können Sie die Hochzeits-Reportage nachlesen: Feiern bis zum Untergang
