Genua, Via Tommaso Reggio 20r: In einer schmalen Gasse im Herzen der Altstadt liegt das Diözseanmuseum. In unmittelbarer Nähe zur Kathedrale San Lorenzo lagern Kostbarkeiten aus der Stadt- und Kirchengeschichte Genuas. Im Obergeschoss des Gebäudes schlummert in gedämpftem Licht ein Schatz aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere: Das Prunkstück erstreckt sich über mehrere Meter und ist eng mit der Geschichte der Jeans verbunden.
Wenige Häuserblöcke entfernt schlendert Monica Bruzzone durch den Alten Hafen und setzt sich auf eine Bank. »Diese Stadt hat internationale Modegeschichte geschrieben, denn hier steht die Wiege der Jeans. Ihre Wurzeln liegen nicht, wie oft angenommen, in den Vereinigten Staaten, sondern im Herzen des alten Genuas«, sagt Bruzzone. Die promovierte Architektin weiß, wovon sie spricht. An der örtlichen Universität hat sie sich seit 2014 über Jahre in einem interdisziplinären Forschungsteam mit der Geschichte der legendären Hose beschäftigt.
Ein Blick in die Stadtgeschichte macht deutlich, wovon Bruzzone spricht. Nach ihrer Unabhängigkeit steigt die Republik Genua zu einer wichtigen See- und Handelsmacht im Mittelmeerraum auf. Ihr Reichtum verhilft der Stadt am Golf Liguriens bald zum Beinamen »La Superba«, zu Deutsch die Großartige. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg sind Textilien. Genua ist nicht nur Umschlagplatz, sondern auch Produktionszentrum gefragter Stoffe.
Der Alte Hafen von Genua (Aufnahme von 2023)
Foto: Larisa Shpineva / Zoonar / IMAGOWegen steigender Wollpreise und des wachsenden Bedarfs an preisgünstigen Textilien setzen die Handwerker der Stadt im Mittelalter zunehmend auch auf Pflanzenfasern. Baumwolle aus Nordafrika und Süditalien findet ebenso ihren Weg in die Stadt wie Leinen. Die Genuesen experimentieren im Laufe der Zeit mit verschiedenen Mischverhältnissen der Fasern und schaffen so diverse Textilien. Eine Kreation erweist sich dabei als Verkaufsschlager: Es ist ein äußerst robuster und dennoch weicher Stoff, Fustagno genannt. Zunächst ein Mischgewebe, dessen Baumwollanteil im Laufe der Zeit immer weiter steigt und das zu einem Markenzeichen der Stadt wird.
Das Besondere: Das Gewebe wird mit Indigo sattblau gefärbt. Das Arbeiten mit dem Farbstoff hat in Genua Tradition – bereits seit dem zwölften Jahrhundert wird er dort eingesetzt. Zunächst ein kostspieliges Unterfangen, denn der aus Pflanzen gewonnene Stoff muss auf dem Landweg vor allem aus Asien nach Europa kommen.
Nachdem Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien entdeckt hat, beschleunigt sich der Warentransfer zwischen den Kontinenten. Ein Impuls auch für das Textilgewerbe Genuas, das nun günstiger an Indigo und andere Waren gelangt. So kommt das Färben mit Indigo ab dem 16. Jahrhundert dort immer stärker in Mode. Der Fustagno eignet sich dafür besonders gut, denn die Farbpigmente binden hervorragend an seinen rauen Fasern. Ohne den Zusatz weiterer Komponenten entsteht eine intensive und lang anhaltende Blaufärbung des Gewebes.
Forscherin Monica Bruzzone vor dem Werk »Teli della Passione« von Teramo Piaggio
Foto: SPIEGEL TVZurück im Museum des Erzbistums. Der angesprochene Schatz schimmert nicht in Gold, sondern in Blau. Es ist das Werk »Teli della Passione« von Teramo Piaggio und anderen Künstlern, ab 1538 entstanden. Auf 14 Gemälden stellt es den Leidensweg Christi dar. Das Besondere: Piaggio malt sein Werk damals mit weißer Farbe auf blaue Tücher genuesischer Weber. »Dieses indigoblaue Mischgewebe gilt als künstlerischer Vorläufer des Jeansstoffs und gibt uns bis heute einen realistischen Eindruck davon, welche Farbintensität und Qualität die Stoffe damals hatten«, so Bruzzone.
Der Stoff spielt bald in vielen Bereichen des städtischen Alltags eine wichtige Rolle. Hafenarbeiter und Seeleute schätzen das leichte und dennoch widerstandsfähige Material, das sich einfach und günstig reparieren lässt und durch seine blaue Farbe Schmutz gut kaschiert. Lange, bevor Cowboys in Jeans durch die nordamerikanische Wildnis reiten, trägt man in Genua bequeme Hosen aus blauem Baumwollstoff. Wie verbreitet diese frühe Jeansmode in der Geburtsstadt des Seefahrers Christoph Kolumbus damals ist, zeigen lokale Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Ausstaffiert mit Hosen und Mänteln aus blauem Fustagno geben sie bis heute Einblick in das damalige Alltagsleben Genuas.
Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert im Jeansmantel
Foto: SPIEGEL TVDer blaue Baumwollstoff aus Genua wird zum Exportschlager. Zwar ist er qualitativ nicht so hochwertig wie vergleichbare Produkte aus Mailand oder Piacenza, spricht aber mit seinem geringeren Preis internationale Interessenten an. Im Hafen von London etwa wird er im großen Stil gehandelt. In den Registern der Schiffe, die dort aus Genua einlaufen, wird der Stoff mit dem Mittelalterlateinischen Namen seines Herkunftsortes gelistet: »Janua« ist dort zu lesen. »In der englischen Aussprache wird im Laufe der Zeit aus diesem Namen das Wort Jeans. Ab Mitte des sechzehnten Jahrhunderts dient dieser Begriff als Bezeichnung für den festen Baumwollstoff aus Genua. Unsere Stadt ist also nicht nur die Wiege der Jeans. Die Hose trägt den Namen Genuas bis heute in sich«, sagt Bruzzone.
Eine andere Theorie führt den Namen der Jeans auf die französische Bezeichnung der italienischen Stadt zurück: Aus »Gênes« soll so Jeans geworden sein. Beide Theorien eint, dass die ligurische Stadt demnach Namenspate für die Hosen wäre.
Über London gelangt der Jeansstoff auch nach Nordamerika. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind robuste Baumwollstoffe aus Europa heiß begehrt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es hier der deutsche Auswanderer Levi Strauss, der im Westen der USA die Geschichte der Jeans weiterschreibt. Gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis entwickelt er das moderne Design der Hosen und macht diese durch Nieten und Nähte noch robuster. Im Mai 1873 sichern sich die beiden ein Patent für ihre Idee und gelten seither als Schöpfer der modernen Jeans .
Doch auch in Italien wird im 19. Jahrhundert weiter an der Geschichte der Jeanshosen geschrieben. Der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi unterstützt die Bestrebungen zur Gründung eines italienischen Nationalstaates. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zu diesem Ziel ist der sogenannte Zug der Tausend. Im Mai 1860 bricht Garibaldi dazu mit einem Heer von Kämpfern von Genua aus nach Sizilien auf. Sein Ziel: die Herrschaft der Bourbonen über die Insel zu beenden.
Das Besondere: Garibaldi verlässt Norditalien in blauen Baumwollhosen – auch seine Männer tragen Klamotten aus Jeansstoff. Wer hätte gedacht, dass der italienische Nationalstaat in Blue Jeans erkämpft wurde? Die Expedition wird ein Erfolg und trägt zur Gründung eines eigenen italienischen Staates im Jahr 1861 bei, auch wenn der anders als von Garibaldi erhofft zunächst ein Königreich wird.
Nach ihrem Museumsbesuch läuft Monica Bruzzone über die nahe gelegene Piazza de Ferrari, einen der beliebtesten Plätze der Stadt. Hier steht ein Denkmal Garibaldis. Seine Geschichte ist in Genua allgemein bekannt, im Gegensatz zur Historie der berühmten Hosen. »Die Geschichte der Jeans ist hier in Genua leider nicht weitverbreitet. Ich hoffe, dass unsere Forschung dazu beiträgt, das zu ändern. Die Genuesen können stolz auf ihren Beitrag zur Geschichte der Jeans blicken«, sagt Bruzzone.
Mehr zur Geschichte der Jeans und neun weitere spannende Geschichten sehen Sie am Sonntag, 8. Februar, ab 20.15 Uhr in der Sendung »Die größten Geheimnisse der Welt« bei Kabel Eins.

