Anrufversuch nach Iran.
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Ich versuche meinen Vater anzurufen, meine Mutter, meinen Bruder, meine Cousine, meinen Neffen. Seit fünf Tagen konnte ich mit niemanden sprechen.«
Sanaz Safaie ist 2018 aus Teheran nach Hamburg geflohen – der Großteil ihrer Familie und Freunde lebt noch in Iran. Doch seit Tagen hat das Mullah-Regime Internet- und Telefonzugang weitgehend gekappt. Einer ihrer Brüder lebt in London, vielleicht hat er neue Infos? Sie schickt ihm eine Sprachnachricht – in wenigen Minuten wird er sich melden.
Was fürchtet Safaie, wenn die Mullahs an der Macht bleiben?
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Wenn die bleiben nach dieser Revolution, die richten alle Aktivisten hin. Wenn sie es diesmal nicht beenden, dann wäre Iran etwas wie Afghanistan.«
Nachrichten aus Iran kommen nur vereinzelt nach draußen - oft über Social-Media-Kanäle, betrieben von iranischen Aktivisten mit illegalen Netzzugängen, für die sie ihr Leben riskieren. Safaie verfolgt die Kanäle rund um die Uhr, sucht nach Hinweisen auf den Verbleib ihrer Verwandten. Es sind schwer zu ertragende Bilder.
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Die Leute bei diesen Demonstrationen, die waren auf der Straße und die Islamische Republik hat auf sie geschossen. Das ist furchtbar.«
Dann kommt ein Anruf.
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Jetzt ruft gerade mein Bruder an.«
Fabian Pieper, SPIEGEL:
»Gehen Sie ruhig ran!«
Aus Sicherheitsgründen dürfen wir das Gespräch nicht komplett zeigen. Genannte Namen könnten Familienangehörige von Sanaz Safaie in Iran gefährden. Ihr Vater konnte nachts aus Iran anrufen, Telefonate ins Ausland scheinen zeitweise wieder möglich zu sein – es gibt schlechte Nachrichten.
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Zwei von unserer Familie sind gestorben, das hat mein Bruder gerade gesagt. Und meine Cousine und meine Tante sind verletzt.«
Ihre Tante und Cousine wurden angeschossen, aber sie leben noch.
Safaie hat selbst schon die Brutalität des Regimes erfahren. Vor ihrer Flucht lebt sie als Schauspielerin und Künstlerin in Teheran, setzt sich damals schon für Frauenrechte ein. Nach einer Auslandsreise wird sie von der Sittenpolizei beschuldigt, eine Spionin zu sein. Sie wird festgenommen, misshandelt und vergewaltigt, so erzählt es Safaie.
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Wenn jemanden festgenommen wird, egal ob Mann oder Frau, die vergewaltigen die. Die sind Monster. Die sind keine Menschen, die benutzen nur diese Religion für ihre Sache.
Ihre Erlebnisse verarbeitet sie in ihrer Kunst.
Sanaz Safaie, Exil-Iranerin:
»Dieses Bild ist für mich sehr besonders, weil es ein Symbol für Mädchen und Frauen ist, die wie ich vergewaltigt worden sind im Gefängnis. Ich lasse raus meine Wut mit meinem Gemälde. Das ist für mich wie eine Therapie. «
Immer wieder versucht die 45-Jährige ihre Angehörigen und Freunde in Iran zu erreichen, befürchtet das schlimmste – und wartet weiter auf Nachrichten aus ihrer Heimat, wo das Regime unterdessen täglich Unschuldige tötet.
Sanaz Safai, Exil-Iranerin:
»Ich wünsche meinem Volk einfach Frieden, das ist kein Wunsch, das ist ein Traum von mir. Aber leider habe ich dieses Mal keine Hoffnung.«