SpOn 01.03.2026
05:30 Uhr

Interkulturelle Paare: Zwei Sprachen, eine Liebe – kennt mein Freund mich wirklich?


Meine Muttersprache ist Russisch – seine ist Deutsch. Ich liebe ihn. Aber es gibt da etwas, das wird er mir nie geben können.

Interkulturelle Paare: Zwei Sprachen, eine Liebe – kennt mein Freund mich wirklich?
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Als ich meinem Freund das erste Mal gesagt habe, dass ich ihn liebe, wusste ich nicht, ob er das überhaupt verstanden hat. Denn ich habe den Satz auf Russisch ausgesprochen, in meiner Muttersprache. Er aber ist Deutscher und konnte bis dahin maximal ein paar Schimpfwörter auf Russisch, aufgeschnappt im Internet, beim Zocken.

Mittlerweile sind wir seit mehr als sieben Jahren zusammen. Meine Muttersprache kann mein Freund immer noch nicht wirklich, während ich seine Tag und Nacht sprechen muss. Das führte lange zu Diskussionen zwischen uns: Warum ignorierst du einen wichtigen Teil meiner Identität? Können zwei Menschen zusammen leben, die nicht dieselbe Muttersprache haben?

Ich bin 1995 im russischen Tscheljabinsk geboren und wuchs dort auf. Meine Eltern hatten nicht immer Geld, ich kann mich daran erinnern, dass sie sich einmal sogar noch nicht einmal buntes Papier für den Schulunterricht leisten konnten. Ein anderes Mal wiederum reichte es, und ich konnte mit zu einem Schulausflug nach St. Petersburg. In diese Stadt verliebte ich mich damals und zog später für mein Studium dorthin.

Im Bachelor studierte ich Übersetzung und Dolmetschen und lernte so Deutsch. Einfach war es nicht. Ich spielte häufiger verzweifelt mit dem Gedanken, das Studium zu schmeißen, weil mir die Sprache so schwerfiel. Doch nach einem Auslandssemester in Greifswald ging es endlich bergauf: Ich, eine echte Labertasche, fand viele Freunde, mit denen ich täglich Deutsch sprechen konnte. Die Sprachbarriere brach.

Autorin Ekaterina Astafeva: Das Gefühl, nicht immer auf Augenhöhe zu sein

Autorin Ekaterina Astafeva: Das Gefühl, nicht immer auf Augenhöhe zu sein

Foto:

Sandra Stein / DER SPIEGEL

Meinen Freund lernte ich mit 22 in Deutschland kennen, bei einer internationalen Konferenz für Journalisten und Blogger. Damals konnte ich zwar sehr gut Deutsch, doch ein Umzug hierher kam für mich nicht infrage. Nach einem halben Jahr Fernbeziehung wurde mir klar, dass diese Distanz mich extrem belastete, dass sich etwas dringend ändern musste. Ich bewarb mich für eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule und erhielt einen Platz. Mit 23 packte ich mein Leben in einen großen Koffer und zog nach Deutschland.

Meine Familie blieb in Russland, und inzwischen habe ich sie seit vier Jahren nicht gesehen. Zuerst die Coronapandemie, dann die russische Invasion in der Ukraine – all das macht einen Heimatbesuch für mich gerade nicht möglich und nicht vertretbar. Mein Freund ist somit zu meiner wichtigsten und nahezu einzigen Bezugsperson geworden.

Doch während mein Vokabular inzwischen für ein C1-Zertifikat ausreicht, ist es für meine Beziehung häufig nicht genug.

Denn wenn ich emotional werde, nimmt meine Fähigkeit, Deutsch zu sprechen, rapide ab. Mir fehlen dann die Worte. Wie soll ich meinem Freund so erklären, was ich fühle, wenn mir das sogar auf Russisch manchmal schwerfällt?

Was mich besonders stört, ist dieses ständige Ungleichgewicht: Wir reden in seiner Muttersprache, er kann sich also präzise ausdrücken, während ich aufpassen muss, ob es »dein Argument« oder »deinen Argument« heißt. Einmal korrigierte mein Freund einen meiner grammatikalischen Fehler, während wir stritten – und machte mich damit kleiner.

Ich weiß gar nicht mehr, worum wir damals stritten. Aber dieses Gefühl, dass wir wegen meiner fehlenden Sprachkenntnisse nicht mehr auf Augenhöhe waren – das trage ich bis heute in mir.

Wird er je wissen, wie schlagfertig ich eigentlich sein kann?

Wird er je in den Genuss meiner Wortwitze kommen?

Wird er mein Lieblingslied mitsingen oder ein Gedicht von mir lesen und es wirklich fühlen können?

Kann ich überhaupt davon ausgehen, dass mein Freund mich kennt?

Autorin Astafeva, Freund: Um was geht es wirklich?

Autorin Astafeva, Freund: Um was geht es wirklich?

Foto:

Sandra Stein / DER SPIEGEL

Er kennt diese Fragen, ich habe sie ihm oft gestellt. Deswegen lernt er seit etwa einem Jahr Russisch. Für mich, sagt er, das mache er gern. Aber es falle ihm schwer: Die Zeit für den Unterricht schaufelt sich mein Freund zwischen Arbeit, Studium, Spaziergängen mit dem Hund und Haushalt frei. Er würde gern mehr üben und auch mal seinen Kaffee auf Russisch bestellen, und wahrscheinlich würde er die Sprache in Russland tatsächlich schneller lernen. Doch das geht nicht, denn seit dem russischen Invasionskrieg in der Ukraine fahren wir aus Prinzip nicht mehr in meine Heimat.

Ich verstehe: Außer für mich wird er Russisch in seinem Alltag praktisch nie brauchen, die kyrillische Schrift nicht schreiben. Für deutschsprachige Menschen gilt Russisch als extrem anspruchsvoll, ähnlich wie Arabisch, Japanisch oder Chinesisch. Eine Sprache im Erwachsenenalter zu lernen, ist außerdem viel schwieriger als in der Kindheit.

Aber ich frage mich trotzdem: Bin ich nicht Grund genug?

Doch, sagt er. Aber er glaube einfach nicht, dass er irgendwann so gut Russisch sprechen könnte wie ich Deutsch. Ein tiefgründiges Gespräch würde er mit mir nie in meiner Muttersprache führen können ‒ und das lasse ihn beinahe verzweifeln.

Über seine Worte muss ich ein paar Tage nachdenken. Ist das Glück in unserer Beziehung wirklich davon abhängig, dass mein Freund Dostojewski im Original lesen kann? Um was geht es mir wirklich?

Er weiß, dass ich diesen Text schreibe und dass das Ende offen sein wird.

Interessanterweise ist die Beziehung, die wir führen, besser als jede andere, die ich mit einem Muttersprachler geführt habe. Wir gehen respektvoll miteinander um, nehmen uns Zeit für Gespräche. Mein Gegenüber ist geduldiger, als er es vielleicht wäre, wenn wir beide gleich schnell sprechen könnten.

Immerhin, unsere Kosenamen sind die russischen Begriffe für Kater und Katze. Sonntags essen wir russische Pfannkuchen, die mein Freund nur noch »Blini« nennt. Im Auto hören wir Songs von NoizeMC oder Face, deren Lyrics mein Freund zwar nicht versteht, deren Musik er aber richtig fühlt. Und das alles ist schön.

Nach seinem Russischunterricht kommt er oft grinsend zu mir und fragt auf Russisch, ob ich einen Tee möchte, oder sagt, dass ich heute besonders schön aussehe. Manchmal überrascht er mich mit komplett unerwarteten Begriffen oder ganzen Sätzen, die er gerade gelernt hat: »Ich bin müde« oder »Das ist ein Kühlschrank«. Es fühlt sich an, als ob jedes neue Wort uns ein Stück näher zueinander bringt.

Warum habe ich trotzdem noch immer das Gefühl, dass mir etwas fehlt?

Die Antwort kommt neulich abends, als mein Freund und ich in der Küche stehen und Salat machen. Ich zerteile schweigend die Karotten, bin gar nicht in der Stimmung für ein Gespräch. Nach einem langen Tag, an dem ich auf Deutsch geredet, gelesen und geschrieben habe, habe ich keinen Nerv mehr dafür, überlegen zu müssen, ob es »Gib mir den Löffel« oder »das Löffel« heißt.

Autorin Astafeva, Freund: Noch mehr üben

Autorin Astafeva, Freund: Noch mehr üben

Foto:

Sandra Stein / DER SPIEGEL

Das sind sie eben auch, genau diese Momente, in denen ich ein Gefühl habe, das sich mit Heimweh vergleichen lässt. Es sind die einfachen Abende, an denen ich mich oft nicht richtig entspannen kann, weil Deutsch sprechen immer Kraft kostet. Ich würde dann zwar auch gern mit meinem Freund über Gedichte auf Russisch sprechen, aber viel wichtiger wäre es, mich mal eben über den Tag auskotzen zu können. Die vielen nur halb wichtigen Szenen des Tages, die man sich nacherzählt, Beziehungssmalltalk, in dem man sich fallen lassen kann. Es sind nicht nur die großen Worte, die Menschen zusammenhalten. Es sind auch die kleinen.

Mein Freund sagt, dass er sich Mühe geben will. Noch mehr üben, noch mehr Russisch zwischen seinen Terminen und To-dos. Er weiß, dass ich diesen Text schreibe und dass das Ende offen sein wird.

Mittlerweile schreibt und sagt mir mein Freund seine Liebeserklärungen oft auf Russisch. Ich wiederum sage es nur noch auf Deutsch. Denn auch ich habe noch etwas Neues in seiner Muttersprache gelernt: »Ich liebe dich« sagen und es so meinen. Und wissen, dass er es versteht.


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