SpOn 03.01.2026
18:16 Uhr

Integratives Fußballprojekt in der Dortmunder Nordstadt: Platz da!


Eine eigene Fußballliga für ein Viertel – das gibt es in Dortmund in der Nordstadt. Auch kostenloses Training und Ausflüge werden angeboten. Die Mädchen, die mitmachen, nennen sich die Nordstadtliga-Queens.

Integratives Fußballprojekt in der Dortmunder Nordstadt: Platz da!

Henrike schließt den Schuppen auf. Bevor die Mädchen kommen, um Tore zu schießen, gibt es noch einiges zu tun. Die Eckfahnen müssen aufs Feld, die Wasserkannen auf den Tisch, die Hütchen für den Hindernislauf auf den Kunstrasen. Im Schuppen neben dem Jugendzentrum hat alles seinen Platz: Luftpumpen, Zopfgummis, Tornetze und Leibchen. Und Fußballschuhe, jede Menge, Größe 21 bis 45. Die Schuhe gibt Henrike gleich im Tausch gegen Straßenschuhe heraus. Jedes Mädchen, das vorbeikommt, soll mitspielen können, ob mit Schienbeinschonern oder in Jeans. Bei der Nordstadtliga muss niemand auf der Ersatzbank sitzen. Du willst dabei sein? Dann bist du dabei.

Alymmar, 12 Jahre alt, ist die Erste, die an diesem Dienstagnachmittag auf dem Platz erscheint. Sie trägt eine schwarze Jogginghose und eine weiße Trainingsjacke, die Schuhe leiht sie sich von Henrike. »Welche Schuh­größe?«, fragt Henrike. »35«, antwortet Alymmar. »Hast du Lieblings­schuhe? Die blauen?«, fragt Henrike. »Nein, die schwarzen«, sagt Alymmar. »Ach ja, mit Stollen, ne?«, fragt Henrike. Alymmar nickt. Dann setzt sie sich auf eine Stufe, tauscht ihre Sneaker gegen die Stollenschuhe und läuft sofort auf den Platz, um schon mal ein paar Tore zu schießen. Henrike pumpt währenddessen weitere Bälle auf.

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Mit dem Fußball hat auch Henrike schon im Grundschulalter angefangen. Kicken am Samstag mit der Schwester und der Cousine, Training und Turniere als Abwehrspielerin im Verein. Heute, mit 29 Jahren, ist Henrike selbst Fußballtrainerin. Mehrmals die Woche trainiert sie die Nordstadtliga-Queens. Die Nordstadt ist das Viertel mit den meisten Einwohnerinnen und Einwohnern in Dortmund, rund 60.000 Menschen leben dort. Die Nordstadtliga ist eine Straßenfußball-Liga für alle Kinder und Jugendlichen aus dem Bezirk. Etwa 500 von ihnen nehmen jede Woche an verschiedenen Trainingsein­heiten im Viertel teil. Die meisten sind Jungs, aber es gibt auch immer mehr Mädchen, die mitmachen. Sie sind die Nordstadtliga-Queens, insgesamt 70 bis 80 Spielerinnen.

Zum Training können die Mädchen kommen, wann sie wollen, aber viele sind wie Alymmar immer wieder dabei. Henrike kennt alle beim Namen: Da ist zum Beispiel Abeer, 13, die mit ihren Schwestern Ilham und Islam regelmäßig zum Training kommt und deren Traum es ist, eines Tages für Borussia Dortmund im Tor zu stehen. Zahra, 14, die bis vor einem Jahr noch nie Fußball gespielt hatte und jetzt zweimal die Woche mit ihren Nachbarinnen trainiert. Und Nadine, 12, die durch Freundinnen und Freunde von der Nordstadtliga erfahren hat und jetzt selbst längst ein Teil des Teams ist. »Weil mir gefallen hat, mit wem man hier spielt. Es gibt zwar ein paar, die lieber Alleingänge machen, aber auch viele, die den Ball abgeben«, sagt sie.

Auf dem Platz spielt Nadine mit Alymmar jetzt ein paar Pässe hin und her. Obwohl das Training vor einer halben Stunde begonnen hat, sind erst wenige Mädchen da. Das ist nicht schlimm. Pünktlichkeit ist bei den Trainingseinheiten keine Pflicht. »Es geht ja überhaupt nicht um Leistung«, sagt Henrike. Auch sonst unterscheidet sich die Liga von klassischen Fußballvereinen: Das Training ist kostenlos. Alle können mitmachen, egal ob sich die Eltern eine Mitgliedschaft in einem Sportverein leisten könnten oder nicht. Möglich machen das unter anderem Sponsoren und Ehrenamtliche. Auch eine Stiftung des Fußballvereins Borussia Dortmund unterstützt die Nordstadtliga. Für Kinder, die nicht gern Fußball spielen, gibt es andere Angebote: Schwimmen, Boxen, Feste, Ausflüge.

In der Nordstadt leben zahlreiche Menschen aus Einwandererfamilien. Viele von ihnen erleben Rassismus und Ausgrenzung. Aber auch Arbeitslosigkeit und Armut prägen das Viertel. Wenn in den Medien oder in der Politik über die Nordstadt gesprochen wird, geht es oft um Probleme. Die Nordstadtliga will das Bild verändern, das manche Menschen im Kopf haben, wenn sie an das Viertel denken. Es gibt Trikots, Flaschen, Pullis und Stoffbeutel mit dem Logo der Liga – selbst auf den Kunstrasen wurde es mit weißer Farbe gesprüht. Das soll nicht nur gut aussehen, sondern auch eine Botschaft senden: Wer Teil der Nordstadtliga ist, der ist auch Teil einer Gemeinschaft.

»Ja, Mann! Endlich, Mädchen«, ruft Abeer, als ihre Schwester Islam beim Aufwärmen ein Tor schießt. An diesem Tag ist das Spiel nur eine Übung, zur Nordstadtliga gehört jedoch auch ein aktiver Spielbetrieb. An festen Tagen treten die Kinder und Jugendlichen dann nach Altersklassen gruppiert gegeneinander an. Die Teams sind selbst gewählt und bleiben eine Saison lang gleich, die Ergebnisse werden in einer Tabelle festgehalten. Zuspätkommen ist dann nicht mehr egal, denn neben den Punkten aus dem Spiel werden pro Team auch »Respektpunkte« verteilt: Einen Punkt gibt es, wenn das ganze Team pünktlich ist. Aber auch faires Verhalten bei Streitereien oder Müllsammeln nach dem Spiel werden belohnt. Im vergangenen Jahr konnte der FC Syrien am meisten Punkte sammeln und damit den Respekt-Pokal gewinnen. Zur Belohnung ging es zu einem Cham­pions-League-Spiel, auch Alymmar und Abeer waren dabei.

Bei der Nordstadtliga geht es auch um Gemeinschaft und Respekt. Die Regeln sind kaum zu übersehen.

Bei der Nordstadtliga geht es auch um Gemeinschaft und Respekt. Die Regeln sind kaum zu übersehen.

Foto: Sofia Brandes / DEIN SPIEGEL

Während es bei den Spielen gemischte Teams gibt, dürfen Jungs beim Queens-Training weder mitmachen noch zuschauen. Das war vor allem wichtig, als die Mädchenmannschaft vor rund drei Jahren gegründet wurde. Obwohl sich auch Mädchen für die Nordstadtliga interessierten, kamen zu den Trainings hauptsächlich Jungs. Die Mädchen wollten einen eigenen Raum, in dem sie sich ausprobieren können. »Heute ist es normal, dass bei allen Angeboten auch Mädchen dabei sind. Die Mädchen haben sich ihren Platz erkämpft«, sagt Henrike.

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Auf dem Kunstrasenplatz ist es inzwischen voller geworden. Henrike zählt durch: 21 Spielerinnen sind da, genug für ein kleines Abschlussturnier. In drei Teams spielen die Mädchen jetzt gegeneinander. Sie tragen orangefarbene oder gelbe Leibchen oder einfach bunte T-Shirts. Fünf Minuten dauert ein Spiel: erst Gelb gegen Orange, dann Bunt gegen Gelb, dann Orange gegen Bunt. »Darf ich mich jetzt nass machen?«, fragt Abeer, als das Turnier vorbei ist und das Team mit den gelben Leibchen gewonnen hat. »Ja klar, wenn niemand mehr trinken will«, sagt Henrike. Abeer schüttet sich zur Abkühlung einen Becher Wasser über den Kopf. Die Mädchen lachen, Alymmar gibt die Schuhe zurück, und Henrike schließt den Schuppen wieder zu: bis zum nächsten Training.

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