SpOn 16.02.2026
01:00 Uhr

Ingwer: Die Wunderwurzel, die gegen alles hilft


Und nicht nur seiner exzentrischen Form wegen. Ingwer würzt, schärft, macht Süßes wie Saures spannender. Und als Heilmittel hilft er gegen – alles!

Ingwer: Die Wunderwurzel, die gegen alles hilft

Ja, schon klar, es sind Rhizome und keine Wurzeln, aber wo wäre dann der schöne Stabreim geblieben? Ingwer (lat. Zingiber officinale), weiß Wikipedia, ist eine ausdauernde krautige Pflanze, schilfartig aussehend, die, erstaunlich, wild nicht vorkommt. Der lange Griffel ist vorstehend und die schwarzen Samen sind von einem weißen Arillus umhüllt – irgendwie, finde ich, hört sich das unanständig an – aber so klingt wissenschaftliche Naturbeschreibung eben manchmal. Nigerianischer Ingwer ist besonders scharf durch seinen hohen Gehalt an Gingerol, indischer enthält viel Limonen, ein Terpen. Ingwer aus Madagaskar ist besonders aromatisch und wird daher bevorzugt in der Aromen- und der Parfümindustrie benutzt. Es ist kurios, dass schon im Mittelalter Ingwer nicht nur als Heilmittel und Gewürz, sondern zusammengemischt mit Ei und Senf auch als Kosmetikum zur Erlangung einer vornehmen Blässe der Frauen verwendet wurde (Rezept aus der Trotula, einem frühen Frauenheilkundebuch).

Meine erste Begegnung mit Ingwer, da war ich zehn Jahre alt, habe ich dem Fotografen Lutz Dille, einem Leipziger mit Wahlheimat Kanada, zu verdanken. Er besuchte uns mit seinem Landrover, aus dessen Küche er den Wok zu meiner Mutter ins Haus trug und ankündigte, heute chinesisch kochen zu wollen. Dazu rieb er – stilvoll mit einer asiatischen Bambusreibe – aus Kanada mitgebrachten Ingwer großzügig über Rindfleischstreifen, die er im Wok mit Sojasauce angebraten hatte, eine gute Handvoll gehackte Petersilie (weil es frischen Koriander damals in Hamburg ebenso wenig gab wie Ingwer) vollendete das Ganze – für mich ein fabel­haftes, frisch-würzig-scharfes Geschmackserlebnis, das kaum etwas mit den Ingwerstäbchen meiner Lübecker Großmutter zu tun hatte. Letztes Jahr staunte ich im Berliner UUU, einem Chinarestaurant der anderen Art, das auch schon in Effilee porträtiert wurde (hingehen!), über den Ingwer-Kasein-Effekt, der auf dem enthaltenen Zingipain beruht. Da wird als Überraschung eine Schale mit exakt temperierter Milch serviert, in die dann ein Ingwersaft geträufelt wird, dann stockt das Ganze zu einem Pudding.

Zahllos sind die Rezepte mit Ingwer – sei es für Chutneys, Limo, Tee, Likör, Konfitüre, Currys, Eintöpfe oder Kuchen, und meist gibt Ingwer einen Asientouch. Vor allem Wolfram Siebeck hat mit seinen Kochbüchern viel zur hiesigen Popularität des Ingwers beigetragen.

Er ist eines der am meisten genutzten Gewürze und Naturheilmittel der Welt. 2021 wurden 31.600 Tonnen Ingwerwurzeln im Gesamtwert von 74,6 Millionen Euro zu uns importiert. Das ist eine deutliche Zunahme gegenüber den Vorjahren, die mit der vermehrten Anwendung während der Coronazeit in Zusammenhang gebracht wird – auch Studien zum Einfluss von Ingwer auf virale Atemwegserkrankungen haben Konjunktur. Unser Ingwer kommt überwiegend aus China und Peru. Seine Wirkweise ist unvollständig erforscht und bekannt, und obwohl Ingwer als sicher und nebenwirkungsfrei gilt, sollte er doch in Kenntnis seiner (Wechsel-)Wirkungen angewandt werden, und die Höchstmenge pro Tag soll bei regelmäßiger Nutzung zwei Gramm nicht übersteigen. Allergien kommen vor, sind aber vergleichsweise sehr selten. In lebensmitteltechnischen Analysen wurde gelegentlich eine Belastung getrockneten Ingwers mit Ochratoxin A, einem Pilzgift, gefunden. Das Aroma kommt aus den Gingerolen und Shoagolen der Rhizome, über 40 Antioxidanzien sind noch dazu enthalten.

Sein Name kommt aus dem Sanskrit: Schon vor 3000 Jahren gab es das Wort Srngaveram (Hornwurzel), das wiederum über das griechische Ziggiberis und lateinische Zinziberi zu uns gefunden haben soll; im Altenglischen hieß er dann schon Gingivere. Die alten Griechen nannten ihn auch Amomum, das Tadellose (Gewürz). Im römischen Kochbuch des Apicius Caelius wird er schon reichlich verwendet, trotz des hohen Preises. Der Import lief über die Schwarzmeerregion und Venedig; Marco Polo sah als erster Europäer die frische Pflanze. Nachdem die Spanier sie nach Mexiko und Westindien gebracht hatten, importierten sie ab 1547 auf dem Seeweg mehr als 22.000 Zentner nach Europa, unter anderem auch als grünen Ingwer, der in Zucker eingemacht war. Ingwer gehörte ab 1200 in jede mittelalterliche Apotheke und war wichtiger Bestandteil der Gewürzbeutel, die gegen die Pest um den Hals getragen wurden – wenn man es sich denn leisten konnte, Armen blieb das Gebet. Ingwer wurde in Wein mit Rosinen gekocht und gegen Husten eingenommen oder mit Kümmel zusammen gegen Flatulenz. Im 19. Jahrhundert wurde Ingwer als Kaumittel bei Zungenlähmung und übel riechendem Atem verwendet, als Gurgelwasser bei Erschlaffung des Zäpfchens und gegen Sommerdiarrhoe (wahrscheinlich Folge mangelnder Lebensmittelkühlung, heute auch noch manchmal Delhi Belly oder summer complaint genannt). Die Uniklinik Freiburg hat Ingwer auf ihrer Homepage für sich entdeckt, vielleicht um die Patienten vor dem Aufsuchen der Notfallambulanz erst mal auf Hausmittel zu verweisen … oder um Ingwer als Aphrodisiakum anzupreisen? Enthält Scharfstoffe. Jedenfalls wird darauf aufmerksam gemacht, dass man mit Ingwer den Blutdruck nicht ausreichend senken kann, anders als im Internet bei manchen Präparaten versprochen. Seit den Nullerjahren sind unzählige Reviews und wissenschaftliche Einzelstudien zur Wirkweise der Inhaltsstoffe erschienen, viele beziehen sich auf den Magen-Darm-Trakt. Bereits Hildegard von Bingen schätzte ihn da als Zutat: Wer im Magen-Darm an irgendeinem Schmerz leidet, der nehme dieses Mischpulver und gebe es in Wein und trinke es nach dem Essen und auch nachts, wenn er schlafen geht. So soll er oft tun und wird es im Magen besser haben. Sie hielt Ingwer allerdings nur als Medizin für nützlich und empfahl ihn – auch auf Grund seiner vermeintlichen psychotropen Wirkung – nicht für Gesunde.

Als Internist in Nigeria war ich vor 30 Jahren manches Mal Mädchen für alles und stand nicht selten vor jungen Schwangeren, die erbärmlich qualvoll unter Schwangerschaftserbrechen litten; man scheut sich in dieser Situation, die üblichen Pharmaka zu geben, da man nie sicher sein kann, wie sich diese auf die frühe Schwangerschaft auswirken. Hätte ich mich damals schon so belesen können wie heute, so hätte ich auf den guten und auf den Märkten reichlich und billig verfügbaren scharfen nigerianischen Ingwer zurückgreifen können. Ingwer ist seit etwa 2002 in Untersuchungen auf gutem wissenschaftlichem Niveau als sicheres und nebenwirkungsfreies Mittel gegen das Erbrechen in der Frühschwangerschaft erprobt und zugelassen. Übelkeit und Erbrechen anderer Ursache (Seekrankheit vor allem, auch Narkose, Chemotherapie) werden durch Ingwer ebenfalls signifikant gemildert, auch im Vergleich mit Standardmedikamenten.

Fundierte seriöse Untersuchungen haben gezeigt, dass Ingwer den Schluckakt unterstützt und Verdauungsbeschwerden lindert, vor allem durch Reduktion von Blähungen, Sättigungsgefühl und Krämpfen. Die verzögerte Magenpassage, als eine der Ursachen für das Krankheitsbild der funktionellen Dyspepsie angesehen, wird durch die Inhaltsstoffe des Ingwers günstig beeinflusst. Sie heften sich an die Rezeptoren der Magenwandmuskulatur und fördern damit den komplexen Magenentleerungsprozess, besonders wenn ein Präparat verwendet wird, das neben 120 Milligramm Ingwerextrakten auch Artischockenextrakte enthält. Bei beatmeten Patienten mit schwerem Atemnotsyndrom erleichterte diese Kombination ihre Ernährung und ermöglichte eine erhöhte Kalorienzufuhr (wichtig wegen der erhöhten Atemarbeit dieser Patienten). Auch auf klassische entzündliche Darmerkrankungen wirken sich Ingwerextrakte zumindest im Tierversuch positiv aus. Durch seine komplexe Wirkung auf den Gastrointestinaltrakt findet Ingwer – vor allem als Selbstmedikation – breite Anwendung bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms; die Wirkung der enthaltenen Polyphenole auf die Zellen der Darmschleimhaut könnte eine prophylaktische Wirkung hinsichtlich des Dickdarmkrebses haben – weitere Forschung dazu steht aus.

Es ist nicht verwunderlich bei der langen Tradition, die Ingwer in der traditionellen iranischen Medizin hat, dass einige jüngere Studien vor allem zur Anwendung von Ingwer bei rheumatischen Erkrankungen aus diesem Kulturkreis kommen. Vielleicht spielt auch die Embargopolitik der Westmächte mit ihren Restriktionen beim Arzneimittelimport hierbei eine Rolle. 2020 konnte gezeigt werden, dass Ingwer die Symptome und die entzündliche Aktivität der rheumatoiden Arthritis signifikant besserte – durch Einflussnahme auf die Aktivierung bestimmter Gene, die wiederum Einfluss auf die Gelenkentzündung haben. In zahlreichen Einzeluntersuchungen, in Tierversuchen und im Reagenzglas ist gezeigt worden, dass Gingerole auch mit den Rezeptoren interagieren, die für Schwellung, Überwärmung und Schmerz verantwortlich sind. In der Hausmedizin werden Ingwerwickel schon lange angewendet, bei steifen Gelenken oder Entzündungen: Dabei wird Ingwerbrei mit etwas warmem Wasser vermischt in ein Tuch gegeben und dieses aufgelegt. Passend dazu steht Ingwer in der traditionellen chinesischen Medizin für Wärme. Leider sind die Studien für viele Anwendungsbereiche am Menschen bisher noch nicht eindeutig oder nicht immer reproduzierbar, weitere Forschung ist nötig.

Das gilt auch für die verblüffenden Effekte, die Ingwer auf die Entstehung von Krebszellen hat, für die Herz-Kreislauf-Wirkungen und für wahrscheinlich wichtige Wirkungen auf Asthma, Diabetes, Alzheimer und – als kaltgepresstes Öl – auch auf die Sexual- und Fortpflanzungsfunktionen. Im Reagenzglas verbesserte Ingwer mit Knoblauch zusammen den Knochenaufbau entscheidend. Also – eine tolle Gabe der Natur mit einzigartigem Geschmack, vielen interessanten Eigenschaften und sicher sehr viel Potenzial zur Gewinnung weiterer wichtiger Medikamente in der Zukunft. Bis dahin empfehle ich Ginger Beef.