In persönlichen Jahresrückblicken berichten SPIEGEL-Redakteurinnen und -Redakteure, welche Texte sie 2025 besonders beschäftigt haben.
Am Tag der offenen Tür von Deutschlands größter Hochschule wimmeln mehr als 100 kleine Avatare über einen virtuellen Campus. Per Pfeiltaste scheuchen sie ihre Figürchen über einen Weg mit Pflastersteinen durch die Tür einer animierten Hochschule. »Gleich geht die Eröffnungsrede los«, sagt eine Mitarbeiterin der IU Internationale Hochschule.
Wer Fragen zu den mehr als 200 Bachelor-, Master- oder MBA-Programmen der Hochschule hat, kann die Avatare mit grünen Mützchen ansprechen. Dahinter verbergen sich Mitarbeitende, die – so wie ich – an diesem Samstagmorgen im November 2024 irgendwo in Deutschland vor ihren Rechnern hocken. »Hier könnt ihr direkt die Online-Bewerbung fertig machen«, erklärt eine Mitarbeiterin. »Wir machen alles möglich, sprecht uns einfach an.«
Die private IU ist eine Hochschule der Superlative: Mit mehr als 130.000 Studierenden hat sie sich innerhalb weniger Jahre zur größten Hochschule Deutschlands aufgeblasen. An 38 Standorten und am virtuellen Campus können Studierende aus etlichen Angeboten wählen, von Gartenbau zu »AI in Business«. Wer mag – und es sich leisten kann –, kann sein Studium an jedem beliebigen Tag beginnen. Als ich meinen Avatar über den virtuellen Campus der IU lenke, bin ich vor allem beeindruckt: So modern kann eine Hochschule sein?
Der Tag der offenen Tür war der Auftakt einer monatelangen Recherche gemeinsam mit meinen Kollegen Markus Sutera und Armin Himmelrath. Früher hatte ich kaum Notiz von der IU genommen, plötzlich begegnete sie mir überall: auf Plakatwänden an Bushaltestellen, auf YouTube, TikTok und in meinem meistgehörten Podcast. Wir sprachen mit ehemaligen und eingeschriebenen Studierenden, mit ehemaligen Mitarbeitenden und Führungskräften und lasen unzählige Erfahrungsberichte und Forenbeiträge.
»Bildung für alle«?
Sie zeichneten ein sehr zwiespältiges Bild: Einerseits schilderten viele, dass sie auf die flexiblen Angebote privater Hochschulen angewiesen seien, die in ihr Leben mit Familie oder Beruf passten. Die IU bietet auch all jenen Zugang zu Bildung, die als Erstakademiker mehr Anleitung im Studium brauchen, die kein Abitur haben, deren Notenschnitt für den Wunschstudiengang nicht ausreicht oder die nicht in Vollzeit studieren können. »Bildung für alle«, ist eines der zentralen Versprechen.
Andererseits hörten wir von unausgegorenen Studiengängen, mangelhafter Betreuung, wechselnden Ansprechpartner:innen und verwaisten Campussen. Die ambitionierten Versprechen der privaten Hochschule erfüllten sich häufig nicht.
Beides beschreiben wir – und bekamen so viele und gemischte Reaktionen, wie ich es selten erlebt habe. Manche fühlten sich angegriffen und betonten, die Aussagen unserer Gesprächspartner:innen seien keinesfalls repräsentativ. Weitaus mehr bestärkten jedoch die Kritik an der IU. Oder äußerten gar neue. Studienberaterinnen zweier staatlicher Berliner Hochschulen meldeten sich etwa bei mir: Zu ihnen kämen seit einiger Zeit zunehmend mehr IU-Studierende mit Problemen. An ihrer eigenen Hochschule würde ihnen damit allerdings niemand helfen: »Es vergeht kein Monat, in dem kein IU-Fall bei uns landet«, schrieb eine der Studienberaterinnen. Es seien immer die gleichen Geschichten, die sie hörten.
Dass unsere Berichterstattung so polarisiert hat, liegt vielleicht auch an einer anderen Frage: Ist der Zugang zu Bildung in Deutschland gerecht? Seit Jahren sind private Hochschulen so gefragt wie nie. Mit ihren flexiblen, praxisnahen und berufsbegleitenden Angeboten drängen sie in eine Lücke, die starre staatliche Hochschulen mit eingeschränkteren Modellen hinterlassen. Genau diese Marktlücke hat die IU erkannt – und für sich genutzt. Wie müssen sich staatliche Hochschulen verändern, um auch Erstakademikern oder Menschen mit Job und Familie den Weg zum Studium zu ebnen? Diese Frage stellte ich mir noch lange nach der Veröffentlichung unseres Textes.
Ein Leser schrieb uns: »Die Frage ist nicht, ob die IU perfekt ist – sie ist es nicht. Die Frage ist: Warum bieten staatliche Hochschulen keine Prüfungen um 20 Uhr an? Warum gibt es keinen Studienstart im Juli oder Dezember? Warum sind flexible Studienmodelle die Ausnahme, nicht die Regel?« Solange vor allem private Hochschulen auf diese Fragen Antworten finden, wird die IU wohl weiter wachsen – egal, ob sie hält, was sie verspricht.
Den ganzen Text über die Schattenseiten Deutschlands größter Hochschule können Sie hier lesen.
