Jad Vashem, Jerusalem – Israel
Die unvorstellbare Zahl von Holocaustopfern wird hier greifbar. So auch die Lücken in der Aufarbeitung, die es immer noch gibt.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Wir sind jetzt hier im Museum von Yad Vashem, also dem zentralen Bau. Und hier laufen wir jetzt hoch zur Halle der Namen. Das ist ein zentraler Ort, wo dann viele Besucher inne halten unter den Gesichtern von Hunderten von Holocaustopfern.«
Hier werden sie abgebildet – und bekommen so ihre Identität zurück, die die Nazis auslöschen wollten. Abertausende Mappen beherbergen sogenannte Gedenkblätter, mithilfe derer Archivare mehr als 70 Jahre über die jüdischen Opfer recherchieren – um ihnen Namen und Gesicht zurückzugeben. Mit einigem Erfolg.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Und zwar haben die Archivare von Yad Vashem jetzt vor Kurzem den Meilenstein von 5 Millionen erreicht. Und die Datenbanken beziehungsweise das Archiv, das ist in diesem neuen Gebäude hier untergebracht.«
Hier treffen wir Dr. Alexander Avraham. Er war 41 Jahre lang Chef der Datenbank von Yad Vashem. Für den gebürtigen Rumänen ist das Archiv sein Lebenswerk – auch Mitglieder seiner Familie wurden von den Nazis verfolgt.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Wie bedeutsam ist es für Sie, diese Zahl von fünf Millionen – von sechs - jetzt erreicht zu haben?«
Alexander Avraham, Ehem. Chef der Datenbank:
»Für uns markiert es einen Schwellenwert. Denn wir arbeiten hier in Yad Vashem ja schon seit 1954 daran. Deshalb denken wir, dass wir damit etwas Besonderes geleistet haben.«
Die Informationen über jüdische Holocaust-Opfer werden auf solchen Gedenkblättern – oder »Pages of Testimony« – gesammelt. Die Formulare können in vielen Sprachen von Angehörigen oder anderen Personen ausgefüllt und eingereicht werden. Manchmal finden sich darin Fotos, doch das ist die Ausnahme. In den Anfängen, den Fünfzigerjahren, ging das Sammeln der Blätter nur langsam voran.
Alexander Avraham, Ehem. Leiter der Datenbank:
»Die Menschen konnten die Gedenkblätter einfach nicht ausfüllen, weil es für sie entweder zu schmerzhaft war oder sie an der Hoffnung festhielten, dass ihre Familienmitglieder doch noch am Leben sind.«
Seit den Neunzigerjahren geht es deutlich schneller voran. Avrahams Team gelang es, die vorhandenen Zeugnisse und Dokumente zu digitalisieren. Jeder Arbeitsschritt ist ein wichtiger Teil des Gedenkens.
Alexander Avraham, Ehem. Leiter der Datenbank:
»Opfer des Holocaust haben weder Gräber noch Grabsteine. Es ist nichts übrig geblieben. Dies sind die einzigen Dinge, die etwas über den Juden erzählen, der im Holocaust ermordet wurde. Es gibt keinen anderen Ort des Gedenkens.«
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie alle 6 oder 5,8 Millionen (Namen) erreichen werden?«
Alexander Avraham, Ehem. Leiter der Datenbank:
»Nein. Das werden wir nie schaffen.«
Thore Schröder:
»Warum nicht?«
Alexander Avraham, Ehem. Leiter der Datenbank:
»Weil es keine Quellen gibt. Schauen wir uns zum Beispiel Polen an: Dort wurden die meisten Juden in Ghettos zusammengepfercht. In den meisten Ghettos gab es keinerlei Registrierung. Und wo es keine Registrierung gibt, gibt es auch keine Dokumente. Man muss sich also ausschließlich auf Gedenkzettel verlassen. Aber wenn eine ganze Familie oder eine ganze kleine Gemeinde ausgelöscht wurde, gibt es niemanden, der diese ausfüllen kann.«
Avraham ist seit Kurzem offiziell im Ruhestand. Seine Arbeit in der Datenbank führt er ehrenamtlich unermüdlich weiter.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Beeindruckt hat mich die schiere Größe des Archivs hier in Yad Vashem, diese Namensdatenbank, diese verschiedenen Archive, die letztlich da zusammen gebündelt sind. Bewegt hat mich besonders Doktor Avraham, wie kenntnisreich er über die Fälle gesprochen hat, aber auch darüber, wie er persönlich betroffen ist, wie seine Familie ja auch Opfer gewesen ist. Das ist eine Riesenleistung, dass sie jetzt fünf Millionen erreicht haben. Keine Frage. Aber es muss gleichzeitig natürlich auch ernüchternd für ihn und für seine Kollegen sein, dass sie alle Namen der Opfer wahrscheinlich niemals finden werden.«