Wer diese Kolumne regelmäßig liest, hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich den Jahreswechsel eigentlich viel lieber im Frühling begehen würde. Ohne Glatteis, Minusgrade und die Schublade voller Weihnachtsschokolade fallen die guten Vorsätze mit der besseren Ernährung und mehr Bewegung viel leichter. Nur bin ich ja als Mitglied dieser Gesellschaft doch an einige Dinge gebunden, ob ich will oder nicht: gemeinsame Währung, Gesetze und eben auch den Kalender. Die Alternative wäre, sehr reich oder US-Präsident zu werden, beides passt nicht so richtig zu meiner Brand. Also feiere ich Neujahr wie alle um mich herum Anfang Januar – und muss damit leben, dass Dinge nicht so laufen, wie ich mir das wünsche. Übrigens auch in der Küche.
Bafög oder Azubigehalt sind schon wieder fast aufgebraucht? Der Obstkorb beim unbezahlten Agenturpraktikum war geräubert? Und bitte nicht schon wieder Pizzatoast? Alles kein Problem: In dieser Kolumne zeigt SPIEGEL-Redakteur und Hobbykoch Sebastian Maas, wie man trotz Flaute auf dem Konto leckere und besondere Gerichte zaubern kann. Dabei gibt es nur zwei Regeln:
Eine Portion darf maximal so viel kosten wie ein Essen in der Mensa, also drei Euro.
Teure Spezialgeräte sind tabu.
Zum Start des Jahres wollte ich Ihnen ein »geniales« Fitnessrezept zeigen, das ich im Internet gefunden habe. »Ideal gegen Heißhungerattacken«, »kalorienarm» und »proteinreich« sind nur einige der Beschreibungen, die man über selbstgemachte Chips aus Hüttenkäse hört. Super für alle, die zum Jahresbeginn wieder etwas fitter werden wollen. Musste ich ausprobieren! Es klang schon verlockend, aus nur drei bis vier Zutaten lecker-knusprige Snacks zu zaubern, die mir abends vor dem Fernseher ein wenig Appetitruhe verschaffen.
Es wurde ein Desaster.
Im Sinne der Ehrlichkeit teile ich das Rezept (und die Chronik meines Scheiterns) trotzdem mit Ihnen. Entweder machen Sie danach einen Bogen drumherum oder belehren mich eines Besseren, weil Sie den Fehler finden und mir erklären können, was ich falsch gemacht habe.
Meine Einkaufsliste für Hüttenkäse-Chips
Ein Pluspunkt: Die Zutaten sind leicht zu bekommen
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGEL600 g High Protein Hüttenkäse
3 Esslöffel gemischte Kerne, z. B. Sonnenblume, Kürbis, Sesam, Leinsaat
italienische Kräutermischung
eine große Prise grobes Salz
optional: etwas geriebener Parmesan oder Pecorino
Was kostet das: Ich wollte mindestens drei bis vier Portionen machen, die lägen dann jeweils etwa bei 1,20 Euro. Am Ende war die Menge aber viel kleiner.
Wie lange dauert das: Vorbereitung nur ein paar Minuten, danach 30–40 Minuten Backzeit. Wahrscheinlich.
So scheitert man an Hüttenkäse-Chips
Den Hüttenkäse verteile ich auf zwei mit Backpapier ausgekleidete Backbleche, jeweils etwa einen Esslöffel mit viel Abstand zueinander. Darauf kommen jeweils ein paar Kerne, eine Prise Kräuter und etwas Salz. Alles frei Hand, die Rezepte im Netz waren auch recht vage. »Was soll schon passieren«, denke ich mir und reibe noch etwas Parmesan darauf.
Ein alter Küchenhack vom Keksebacken kommt mir in den Sinn: Mit einem Glas, das man verkehrt herum über den Teig stülpt und ein wenig hin und her schwenkt, bekommt man perfekte Kreise hin, ohne sich die Finger einzusauen. Sieht – bisher – super aus. Ich bin stolz, das wird einfach.
Glastrick für besonders runde Kekse und Chips
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELDer Ofen wird auf 200 °C vorgeheizt, meine alte Möhre kann nur Ober-/Unterhitze. Die Bleche wandern rein, und ich räume die Küche auf.
Nach zehn Minuten bemerke ich, dass all meine Fenster beschlagen sind. Draußen zeigt sich Hamburg eigentlich in feinster Winterpracht, doch im Inneren meiner Wohnung fühlt es sich an wie in einem Dampfbad. Wo kommt die Feuchtigkeit her, ich habe doch gar keine Pasta auf dem Herd …? Ah, aus dem Ofen. Da zischt es auch laut.
Die kleinen Hüttenkäseberge schwitzen viel Flüssigkeit aus. Diese läuft zielsicher unter das Backpapier – und brennt dort an. Super. Eine Sauna mit dem Duft verbrannter Molke. Ich hole die Bleche kurz raus, gieße so viel wie möglich von der überschüssigen Flüssigkeit weg und backe weiter.
Nach 20 Minuten hört das Zischen auf, ich muss derweil etwas lüften und sehe jetzt, dass sich eine fette schwarze Rußschicht auf den Blechrändern gebildet hat.
Nach 30 Minuten sind die »Chips« noch fast hüttenkäseweiß.
Nach 31 Minuten sind die »Chips« noch fast hüttenkäseweiß.
Nach 32 Minuten sind die »Chips« noch fast hüttenkäseweiß.
Nach 33 Minuten sind die »Chips« am Rand verbrannt.
Außen besonders knusprig?
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELSie sehen im Inneren aber noch labbrig und roh aus. Ich probiere einen, er schmeckt gut, hat aber eine Textur wie ein warmer Kaugummi. Vielleicht braucht er noch etwas. Ich stelle die Temperatur runter und lasse meine Charge in der Mitte noch etwas goldener werden.
Nach 38 Minuten hole ich die Chips raus, einige sind überall angebrannt, andere sehen okay aus, manche sind weiterhin weiß. Vielleicht liegt es an meinem Ofen, denke ich mir. Und ärgere mich, dass ich alle drei gekauften Pakete Hüttenkäse auf einmal genutzt habe.
Das Netz verrät mir, dass die Chips abkühlen müssen, um knusprig zu werden. Ich warte eine Stunde, dann hole ich sie vom Blech. Auf der Unterseite sind alle noch hellweiß. Beim Reinbeißen knuspert es leicht am Rand, danach kaue ich etwa eine Minute auf einer Art gewürzter Schuhsohle herum.
Fehlte Öl? Brauche ich Heißluft? Ich habe eine Idee. Ich besprühe die helle Seite mit etwas Olivenöl und lege die Chips in den Airfryer. Es lag bestimmt nur am alten Ofen.
Nach der fünften Minute bei 190 °C sind sie leicht goldgelb. Nur kurz noch. Ich kann das retten.
Nach der sechsten Minute bei 190 °C sind sie alle angebrannt. Mist. Aber vielleicht knuspern sie jetzt besser. Ich lasse sie wieder abkühlen. Noch eine Stunde.
Aus 600 Gramm Hüttenkäse, 30 Gramm Parmesan und 20 Gramm gemischten Kernen sind jetzt noch 145 Gramm Chips übrig. Der Rest klebt als Ruß am Blech oder als Dampf am Fenster.
Von über 600 g Frischkäse bleibt nicht viel übrig.
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELMeine Frau probiert einen. »Lecker gewürzt«, sagt sie mit gequältem Gesichtsausdruck, als sie den Bauschaum-artigen Taler in ihrem Mund bekämpft.
Ich mache meine Fotos und mampfe dabei immer mal wieder einen meiner angekokelten Chips. Man kaut an einem etwa so lange, wie ein billiger Kaugummi nach Minze schmeckt. Ist es das, was »gegen Heißhunger« hilft? Ewiges Kauen, ohne Wunsch, herunterzuschlucken?
Im Laufe des Tages esse ich alle Chips auf, weil ich mich weigere, Lebensmittel unnötig wegzuwerfen. Jedes Mal habe ich im ersten Moment den Eindruck, dass JETZT der perfekte Zeitpunkt gekommen sei. Der erste Biss ist immer verheißungsvoll, das Salz prickelt auf der Zunge, es knuspert leicht … und dann ist da wieder nur endloser Lederschuh.
Ich gebe mich geschlagen. Frohes Neues, vielleicht gibt es heute doch eine Tütensuppe.
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