SpOn 06.01.2026
15:24 Uhr

Heilige Drei Könige: Ist die Geschichte nur ein Hirngespinst?


In Krippen stehen Caspar, Melchior und Balthasar bei Jesus, heute sammeln Kinder mit Kronen Geld für den guten Zweck. Das Problem: Die Bibel verliert kein Wort über die Heiligen Drei Könige. Ein Theologe klärt auf.

Heilige Drei Könige: Ist die Geschichte nur ein Hirngespinst?

»Wir kommen daher aus dem Morgenland,
wir kommen geführt von Gottes Hand.
Wir wünschen euch ein fröhliches Jahr:
Caspar, Melchior und Balthasar.«

Rund 300.000 Kinder ziehen in diesem Jahr wieder durch die Straßen. Auch heute, am Dreikönigstag, singen sie Lieder, bringen den Haussegen und bitten um Spenden für den guten Zweck. Heilige Drei Könige ist in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen-Anhalt ein gesetzlicher Feiertag, in Ländern wie Spanien bekommen Kinder erst heute ihre Weihnachtsgeschenke.

Was aber sagt die Bibel eigentlich genau zu den Heiligen Drei Königen? Die knappe Antwort: Nichts.

»Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem.«

So heißt es im Evangelium nach Matthäus. Keine Rede ist dort von Königen. Erst recht nicht von dreien. Und Namen wie Caspar, Melchior und Balthasar oder gar ihr Alter oder ihre Hautfarbe liest man dort noch viel weniger. Lediglich von Sterndeutern aus dem Osten ist die Rede. Und auch diese Übersetzung ist nicht ganz präzise. Matthäus schrieb eigentlich von »magoi«, also Magiern. Magoi waren persische Priester. Ach ja, durch einen Papst wurden sie auch nie offiziell heiliggesprochen.

Ist die Geschichte der Heiligen Drei Könige also ein Hirngespinst? Sollten die Sternsinger sich nicht mehr als Könige verkleiden, sondern lieber als Harry Potter, Dumbledore oder Gandalf durch die Straßen ziehen? Und muss die FDP ihr Dreikönigstreffen in ein Dreimagiertreffen umbenennen?

Die Heiligen Drei Könige bei ihrem Ritt nach Betlehem: Die Legende fand auch Einzug in die Kunst

Die Heiligen Drei Könige bei ihrem Ritt nach Betlehem: Die Legende fand auch Einzug in die Kunst

Foto: akg-images / picture alliance

Wie wurden aus Sterndeutern drei Könige?

Theologieprofessor Martin Kirschner von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt blickt nüchtern auf das Thema. Im Zentrum des Christentums stehe mit Jesus von Nazaret eine geschichtliche Person und das Bekenntnis, dass in ihm Gott in der Geschichte begegne, sagt Kirschner dem SPIEGEL. »Aber das heißt nicht, dass man alle Bibeltexte eins zu eins in historische Wahrheit übersetzen kann.« Biblische Texte und Traditionen seien voller Symbole.

Die Geschichte der Geburt Jesu lasse sich historisch-kritisch kaum rekonstruieren, sagt Kirschner. Das Weihnachtsfest selbst sei nachträglich auf den Zeitpunkt der Wintersonnenwende gelegt worden. Hier werde Jesus als das Licht gefeiert, das in den dunkelsten Momenten in die Welt tritt. Der Dreikönigstag, auch Epiphanie genannt, schließe das Weihnachtsfest als zweiter Höhepunkt ab. Christen in aller Welt feiern, dass Gott, nachdem er Mensch geworden ist, sich der Öffentlichkeit zeigt.

Wie aber wurden aus den Sterndeutern nun Caspar, Melchior und Balthasar?

Nach Angaben der Kölner Domkirche , wo die Reliquien der Heiligen Drei Könige liegen sollen, schmückten Menschen in den Jahrhunderten nach Jesu Geburt die Geschichte der Sterndeuter aus.

Die Zahl Drei werde abgeleitet aus den drei Geschenken, die sie Jesus brachten: »Gold steht für den König, Weihrauch für den Gott in Christus, Myrrhe für die Sterblichkeit«, erklärt Theologe Kirschner.

Gott zeigt sich allen

Bald war die Rede von Königen, um das Jahr 500 tauchten erstmals die Namen Caspar, Melchior und Balthasar auf. Der Karmeliter Johannes von Hildesheim schrieb die Legende um 1364 dann ausführlicher auf, erzählte von der angeblichen Herkunft der vermeintlichen Könige, ihrer Reise nach Betlehem und ihrem Lebensweg. »Die drei Könige standen dann für die drei der damaligen christlichen Welt bekannten Kontinente: Europa, Asien und Afrika«, sagt Theologe Kirschner, »und auch für drei Lebensalter: Jüngling, Mann und Greis.«

Die symbolische Aussage: Gott zeigte sich allen Menschen, jungen und alten, egal welcher Herkunft.

Goldener Schrein im Kölner Dom: Wessen Gebeine liegen hier?

Goldener Schrein im Kölner Dom: Wessen Gebeine liegen hier?

Foto: Harald Oppitz / KNA / picture alliance

Wer liegt im Kölner Dom?

Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin I., will später im zweiten oder dritten Jahrhundert die Gebeine der Weisen aus dem Morgenland auf einer Pilgerfahrt in Palästina entdeckt haben. Die Reliquie gelangte über Konstantinopel und Mailand schließlich durch Kaiser Barbarossa und Erzbischof Rainald von Dassel 1164 nach Köln. Ein Schmied formte einen goldenen Schrein, und Köln baute den Dom extra für die Reliquie der Heiligen Drei Könige, die eigentlich keine Heiligen Drei Könige sind, und die Stadt wurde zu einem berühmten Pilgerort. Die Reliquie liegt dort bis heute, eine Analyse der Gebeine, um ihre Herkunft oder ihr Alter festzustellen, lehnt die Kirche jedoch unter Verweis auf die Frömmigkeit ab.

Reliquien seien wichtig, weil sie zum Ausdruck bringen würden, dass Gottes Wort in Menschen konkret begegne, sagt Theologe Kirschner: »Ich sehe den Sinn darin, dass Reliquien verehrt werden, um diese Begegnung zu ermöglichen. Aber sie lassen keine historische Rekonstruktion zu. Gerade bei den Heiligen Drei Königen oder Magiern ist es mehr als unwahrscheinlich, dass es sich um die Gebeine der in der Bibel genannten Personen handelt.«

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Viel wichtiger ist Kirschner ohnehin die Symbolik. Der Dreikönigstag sei der Tag der Gottessucher. »Also Menschen, die es wagen, Zeichen zu deuten, die ihnen im Leben begegnen, und sich dann auf den Weg zu machen und Gott in dieser Welt zu finden.«

Dass die Sterndeuter Jesus nicht in einem Palast, sondern in einer Krippe gefunden hätten, sei auch eine subversive und hochaktuelle Botschaft, sagt Kirschner. Es gehe darum, Herrschaft infrage zu stellen. »Der zynischen Herrschaft des Herodes steht ein Gott gegenüber, der sich in einem Kind klein macht und für das Volk ans Kreuz geht. Das ist gerade in unserer Zeit jetzt extrem relevant, in der Herrschaft, Zynismus, Macht und blanke Gewalt so offensichtlich die Welt regieren.«

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